Déjà-vu beim Europäischen Filmpreis am Sonnabend in Reykjavík. Am Ende war alles so wie vor fünf Jahren. 2017 hatte Ruben Östlund mit „The Square“, seiner beißenden Satire auf die Welt der Kunst, abgeräumt. In seinem neuen Film „Triangle of Sadness“ waren es nun erst die Schönen und dann die Reichen, die ihr Fett abbekamen. Und auch damit triumphierte der schwedische Regisseur. Erst wurde er für die Regie ausgezeichnet, dann für das Drehbuch, schließlich wurde auch noch sein Darsteller Zlatko Buric als bester Schauspieler gepriesen. Und da hätte es am Ende schon sehr verwundert, wenn dann nicht auch noch der Hauptpreis – der hier nicht Bester Film, sondern Europäischer Film 2022 heißt – an diesen Film gegangen wäre.

Es sind exakt die gleichen Kategorien, in denen 2017 auch „The Square“ gewann. Östlund wiederholte damit den Triumph, in allen Kategorien, in denen sein Film aufgestellt war, auch zu reüssieren. An den „Square“-Triumph kam er dennoch nicht ganz heran: weil der damals nicht nur als bester Film sondern auch noch als beste Komödie nominiert war.

Meltem Kaptan ging leer aus - Vicky Krieps meldet sich vom Krankenbett

Östlund, der für beide Filme auch schon in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat, konnte es wohl verschmerzen. Er und seine Produzenten bekräftigten aber auch, dass dieser Film ur-europäisch sei. Nicht nur weil an dieser Koproduktion so viele Länder beteiligt waren, nicht nur, weil auch der Cast sehr international besetzt war (unter anderem auch mit Iris Berben und Sunnyi Melles). Sondern auch, weil diese Gesellschaftssatire alles, was Europa gerade beschäftigt, irgendwie auf den Punkt bringt.

Fast konnten einem der Belgier Lukas Dhont mit seinem zarten Jungendrama „Close“ und der Iraner Ali Abbasi mit „Holy Spider“, seinem Film über einen Prostituiertenmörder, der zum Helden wird, leid tun. Denn ihre Filme waren ebenfalls je vier Mal nominiert, gingen aber beide leer aus. Immerhin war „Triangle of Sadness“ nicht auch noch in der Kategorie beste SchauspielerDer ging nicht an die Deutsche Meltem Kaptan für das Guantanamo-Drama „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“, sondern an die in Berlin lebende Luxemburgerin Vicky Krieps – für ihre Darstellung einer reifen, von jedem Kitsch befreiten Kaiserin Sisi im Film „Corsage“ der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer.

Thanks again“: Immer wieder durfte Ruben Östlund auf die Bühne kommen.
Thanks again“: Immer wieder durfte Ruben Östlund auf die Bühne kommen. © dpa | Sebastian Gabsch

Krieps war allerdings nicht persönlich vertreten. Sie musste zuhause in Berlin bleiben, weil sie stark erkältet ist. Sie ließ sich in ihrem Zustand aber dennoch zuschalten, in einem allerdings recht wunderlichen Outfit. Bei aller Freude gab sie auch zu, dass sie ein seltsames Verhältnis mit Preisen habe. Deshalb wolle sie ihn lieber all den Frauen widmen, „die noch gehört und gesehen werden müssten“. Dann dankte sie noch ihrer Regisseurin, der Österreicherin Marie Kreutzer. Und vor allem ihren Kindern: dass die das alles mitmachen.

Die bislang politischste Verleihung - dank Stimmen aus der Ukraine

Der 35. Europäische Filmpreis wurde in Reykjavík verliehen, wo die Gala eigentlich schon vor zwei Jahren hätte stattfinden sollen. Damals aber machte Corona dem einen Strich durch die Rechnung, die Verleihung konnte nur virtuell stattfinden. Nun kam die isländische Hauptstadt doch noch zum Zuge. Und fuhr alles auf, was es konnte. Nicht nur der Kulturminister, selbst der Staatspräsident war anwesend (wann hat es das in Berlin, wo der Filmpreis alle zwei Jahre verliehen wird, je gegeben?).

Mit einer ungewohnt ironischen Zeremonie im Harpa, der futuristischen Konzerthalle der Stadt. Für die musikalische Einlage sorgte die schwer angesagte E-Musik-Formation GusGus, bei der es keinen Einheimischen auf dem Sitz hielt. Und bei der Party danach legte die leibhaftige Björk auf. Ganz Island schien stolz darauf zu sein, zur großen europäischen Familie gehören zu dürfen und diese Gala einmal ausrichten zu dürfen.

Zeichen der Solidarität: Oleksandra Sorokhan und Dmytro Sukholytkyy-Sobchuk fordern die Befreiung von Maksym Butkevych.
Zeichen der Solidarität: Oleksandra Sorokhan und Dmytro Sukholytkyy-Sobchuk fordern die Befreiung von Maksym Butkevych.© picture alliance / Geisler-Fotopress | Sebastian Gabsch/

Nicht alle in der europäischen Familie folgten freilich dieser Einladung. Am schmerzlichsten wurde das deutlich, als es um die beste Schauspielerin ging. Nur zwei Nominierte saßen wirklich im Saal, Meltem Kaptan und Zar Amir Ebrahimi für den iranischen Thriller „Holy Spider“. Vicky Krieps ließ sich wie erwähnt zuschalten.

Die beiden populärsten Anwärterinnen aber, Penélope Cruz (für „Parallele Mütter“) und Léa Seydoux (für „An einem schönen Morgen“), glänzten durch Abwesenheit. In digitalen Zeiten kann dies nur bedeuten, dass dieser Preis nicht ernst genommen wird. Das dürfte die Europäische Filmakademie empfindlich treffen. Steht sie doch so sehr für ein gemeinschaftliches Europa ein, und das nicht nur in der Sektion Film, wofür es aber offensichtlich nicht mal in der eigenen Branche genügend Rückhalt gibt.

Bei Europas Oscar sind alle Filme „foreign“

Europa stand dennoch zusammen und konnte sich feiern. Denn dies war wohl die politischste Verleihung in der 35-jährigen Geschichte des Filmpreises. Das lag zum einen an einem neuen Preis für Nachhaltigkeit, der im ersten Jahr an den Green Deal der Europäischen Kommission verliehen wurde und den die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (auch sie nur zugeschaltet) entgegennahm.

Das lag dann aber auch, und das gleich doppelt, am russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Der Eurimages-Koproduktionspreis ging in diesem Jahr an alle Filmproduzenten der Ukraine, die unter den widrigsten Umständen weitermachen, um Filme zu drehen und die Welt über die Realität aufzuklären. Dazu waren einige Produzenten live auf der Bühne und einige andere zugeschaltet. Der wohl ergreifendste Moment des Abends, bei dem es Standing Ovations gab.

Das wiederholte sich dann noch beim drittletzten Preis, der vergeben wurde, der für den besten Dokumentarfilm. Und der ging an „Mariupolis 2“ von Mantas Kvedarasvicius. Der Litauer hatte bereits 2016 einen Film über die ukrainische Stadt Mariupol gedreht und kehrte nach dem Einmarsch der russischen Truppen zurück, um dies zu dokumentieren, wurde dabei aber offenbar gezielt getötet. Den Preis nahm nun seine Tochter entgegen und hielt eine zu Tränen rührende Dankesrede. Auch dafür gab es Standing Ovations. Und da stand nicht nur der ganze Saal, sondern wirklich die ganze Branche zusammen.

Margarethe von Trotta erhielt den Ehrenpreis. Und musste die Trophäe für ihre Dankesrede abstellen.
Margarethe von Trotta erhielt den Ehrenpreis. Und musste die Trophäe für ihre Dankesrede abstellen. © picture alliance / Geisler-Fotopress | S

Während die Berliner Verleihungen immer etwas steif und überlang ausufern, haben die Isländer vorgemacht, wie es auch geht. Es sind allerdings immer noch viel zu viele Preise. Und da nutzt es auch nichts, wenn man die Nebenpreise im Schnelldurchlauf abhakt. Wenn man zugleich neue Preise auslobt und gleich zwei Ehrenpreise vergibt: für den Beitrag zum Weltkino (an den palästinensischen Regisseur Elia Suleiman) und fürs Lebenswerk (an die deutsche Filmemacherin Margarethe von Trotta) - und dann noch einen für innovatives Erzählen (an den italienischen Regisseur Marco Bellocchio).

Auch wenn die Europäische Filmakademie, die diesen Preis verleiht, es nicht gerne hört, wenn man ihn Europas Oscar nennt: Der Vergleich steht natürlich immer im Raum. Und von Hollywood könnte man doch noch in Sachen Glamour, Staraufgebot und Entertainment lernen. Den Vergleich wagte nun auch die isländische Moderatorin Ilmur Kristjánsdóttir, meinte aber sehr charmant: „Hier sind alle Filme foreign.“ Ein kleiner Seitenhieb darauf, dass Europas Kino in Hollywood kaum eine Rolle spielt und meist nur in der Kategorie Foreign Film auftaucht.

Nun, fremdeln muss man hier nicht. Und bei diesem Europäischen Filmpreis wurden Dankesworte sympathisch auch mal wieder in mehreren Sprachen gesprochen. Am Ende verriet Ruben Östlund auch noch, was er als nächstes plant. Eine illustre Runde in ein Flugzeug setzen und in eine Katastrophe steuern lassen. Mal sehen, was er uns damit wieder bescheren wird.

Europäischer Film: „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund.

Regie: Ruben Östlund („Triangle of Sadness“).

Schauspielerin: Vicky Krieps („Corsage“).

Schauspieler: Zlatko Burić („Triangle of Sadness“).

Drehbuch: Ruben Östlund („Triangle of Sadness“).

Dokumentarfilm: „Mariupolis 2“ von Mantas Kvedaravičius.

Animationsfilm: „No Dogs or Italians Allowed“ von Alain Ughetto.

Komödie: „Der perfekte Chef“ von Fernando León De Aranoa.

Kurzfilm: „Granny’s Sexual Life“

European Discovery – Prix Fipresci: „Small Body“ von Laura Samani.

Preis für Nachhaltigkeit: Prix Film4Climate: European Green Deal.

Preis für innovatives Storytelling: Marco Bellocchio.

Beitrag zum Weltkino: Elia Suleiman.

Ehrenpreis fürs Lebenswerk: Margarethe von Trotta