Schaubühne

Die braunen Schatten der Vergangenheit: „Nachtland“

| Lesedauer: 3 Minuten
Katrin Pauly
Familienaufstellung: Julia Schubert, Genjia Rykova, Moritz Gottwald und Jenny König (v.l.).

Familienaufstellung: Julia Schubert, Genjia Rykova, Moritz Gottwald und Jenny König (v.l.).

Foto: Gianmarco Bresadola

Darf man mit einem Gemälde von Hitler Geld verdienen? Marius von Mayenburg erkundet an der Schaubühne deutsche Abgründe.

Genau genommen geht es nur um 30 mal 40 Zentimeter romantisch-idyllischen Kitsch. Ein kleines sepia-braunes Bild mit einer Kirche, ein paar Wölkchen. Die Geschwister Nicola (Genija Rykova) und Philipp (Moritz Gottwald) finden es im Nachlass des verstorbenen Vaters. Sie sind nebst jeweiligen Lebenspartnern (Jenny König, Damir Avdic) zusammengekommen, um die Wohnung aufzulösen. Das bemalte Stück Pappe wird in der Komödie „Nachtland“ von Schaubühnen-Hausautor Marius von Mayenburg zum Ausganspunkt eines familiären Zwistes, der seinen Nährboden im Erbe dunkler deutscher Vergangenheit findet.

Auf den zweiten Blick offenbart das Bild nämlich eine Signatur des vermeintlichen Malers: A. Hitler. Ab sofort quillt aus dem Aquarell Geschichte, wodurch sich letztlich auch in der eigenen Familie moralische Fragen und Fronten auftun. Denen spürt Marius von Mayenburg, der hier auch Regie führte, sehr wortreich nach.

„Willst du in einem solchen Haus leben?“

Was tun mit diesem Bild? Da ist jetzt ja nicht mehr nur Kitsch, da ist auch Kohle. Eine Gutachterin (Julia Schubert) schätzt, es seien mindestens 100.000 Euro drin bei einem Verkauf. Philipp würde sich gerne eine Immobile kaufen. Darf man das? „Willst du in einem Haus leben, das Hitler dir spendiert hat?“, fragt seine jüdische Frau Judith. So geht es hin und her, der Plot nimmt irre viele Wendungen, schon weil die Kohle ja nur bei eindeutiger Provenienz des Bildes fließen würde. Das allerdings hieße, dass die Familie den Nazis womöglich doch nicht so fern stand wie immer behauptet.

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Verhandelt wird das alles in einem flauschig-braunem Ambiente, ein fransiger Riesenteppich bedeckt den Boden der halbrunden Globe-Spielstätte und einen Teil der Wände. Oben hängen fünf schmale Leinwandstreifen, auf die animierte Idyllen projiziert werden. Auf der Bühne zerfleischen sie sich derweil weiter. In hervorragend geschliffenen Dialogen, dafür hat Marius von Mayenburg ein wirklich gutes Gefühl. Doch es hat auch einen Preis: Es wird wahnsinnig viel absichtlich missverstanden, gezielt provoziert und moralisch randaliert. In einem Tempo, das kaum Luft lässt, den gerade platzierten Bösartigkeiten nachzuhorchen.

Ein Stoff mit hohem Potenzial

Die Argumentationsspiralen, in die sich hier alle hineinschrauben, sind an diesem Abend sehr dominant, sodass die Figuren zwar viel zu reden, aber eher wenig zu spielen haben. Das macht sie letztlich etwas eindimensional. Trotzdem steckt in dem Stoff zweifellos dramaturgisches und politisches Potenzial. Vielleicht bräuchte es dafür beim nächsten Mal eine Regie, die nicht gleichzeitig auch die Autorenschaft verantwortet, sondern sich traut, Seitenstränge zu kappen und das Stück beherzt um ein paar Windungen zu erleichtern.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Kartentel. 89 00 23. Nächste Termine: 05.12., 06.12., und 07.12..