Fernsehen

„Alice“: Eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt

| Lesedauer: 4 Minuten
Sie geht unbeirrt ihren Weg: Nina Gummich als junge Alice Schwarzer.

Sie geht unbeirrt ihren Weg: Nina Gummich als junge Alice Schwarzer.

Foto: aRD/rbb / Alexander Fischerkoesen

Zu ihrem 80. zeigt die ARD einen Zweiteiler über Alice Schwarzer: „Alice“ überzeugt vor allem durch die Hauptdarstellerin Nina Gummich.

Selbstbewusst ist sie und forsch. Und von Männern lässt sie sich nichts sagen. Den herablassenden Spruch bei einer Bewerbung, „Ihre Arbeitsproben lesen sich überraschend vielversprechend“, der natürlich von einem Mann kommt, kontert sie keck: „Wieso überraschend?“ Den Nachsatz „Weil ich eine Frau bin?“ muss sie nicht aussprechen, der schwingt schon mit.

Den Dramatiker Fernando Arrabal fordert sie bei einem Interview so sehr herausfordern, dass er sie ohrfeigt. Doch sie entgegnet kühl, ob man das professionell zu Ende führen möge. Und als für ihre große „Stern“-Reportage, in der prominente Frauen gestehen, schon mal abgetrieben zu haben, nicht ein Kollektiv-Bild auf die Titelseite soll, sondern nur ein Star-Porträt von Romy Schneider, will sie den Artikel zurückziehen. Bis der überhebliche Chefredakteur Henri Nannen einknickt.

„Alice“: Die Persönlichkeit pointiert auf den Punkt gebracht

Nur drei ausgewählte Szenen. Aber sie bringen Alice Schwarzer auf den Punkt. Jene Frau, die für den Feminismus in Deutschland steht wie keine zweite. Die die immer aneckte und anecken wollte, die als Emanze verschrien war und mit der die ganze Nation sich stellvertretend an der Emanzipationsbewegung abarbeitete. Eine Frau, die von der Journalistin zur Aktivistin wurde, die so viel für die Gleichstellung der Frau geleistet hat und, da man sie in den Männer-dominierten Medien nie für ganz voll nahm, schließlich einfach ein eigenes Blatt gründete: die „Emma“, das erste Magazin von Frauen für Frauen.

Mehr zum Thema:Alice Schwarzer und Nina Gummich sprechen gemeinsam über den Film „Alice“

Am 3. Dezember wird die viel Gepriesene und Gescholtene 80 Jahre alt. Noch immer gibt sie die „Emma“ heraus. Und gibt sich kämpferisch wie eh und je. Die Haltung zu ihr hat sich freilich gewandelt. Ihre meisten Kritiker hat sie schlicht überlebt, nun überwiegt der Respekt vor ihrem Lebenswerk.

Nicht eine Alice, sondern zwei: Die öffentliche und die Privat-Person

Zu ihrem runden Geburtstag schenkt ihr die ARD nun gar einen Zweiteiler, der kurz und knapp „Alice“ heißt, als gebe es keine zweite im Land. Beide Teile werden am heutigen Mittwoch hintereinander gesendet, ein richtiger Themenabend, denn um 23.50 folgt noch die Dokumentation „Die Streitbare – Wer hat Angst vor Alice Schwarzer?“.

Während dieser Titel sich noch an den alten Klischees abmüht, geht der Film von Nicole Weegmann (Regie) und Daniel Nocke (Drehbuch) einen anderen Weg. Weil er quasi zwei Alices zeigt: die öffentliche und die private Person. Und die private ist viel verletzlicher, als man es denken würde. Wiewohl in drei Stunden erzählt, ist „Alice“ kein Rundum-Biopic, das durch die Dekaden hetzt.

Lesen Sie auch: Karoline Herfurth im Interview: „Ich möchte andere, zeitgemäße Bilder zeigen“

Es konzentriert sich auf die Jahre 1964 bis 1977, von der ersten Liebe, die zu Bruno (Thomas Guené) bei ihrem Au-Pair-Jahr in Frankreich, bis zum Erscheinen des ersten „Emma“-Hefts. Es erzählt von den vielen Rückschlägen, die sie erlebt, wie sie sich davon aber nicht unterkriegen lässt. Wie sie für das Recht auf Abtreibung kämpft, nachdem eine Freundin bei einem illegalen Eingriff fast gestorben wäre. Und wie sie ihre Arbeit immer über alles andere stellt und damit auch ihre Liebespartner*innen vor den Kopf stößt.

Grandiose Leistung: Nina Gummich verschmilzt mit ihrer Rolle

Ein feinfühliges, vielschichtiges Porträt, das auch viele persönliche Einblicke gibt. Und das Alice Schwarzer zwar unterstützt, aber nie kontrolliert hat. Der größte Trumpf dabei ist fraglos die Hauptdarstellerin: Nina Gummich, die gerade erst im ZDF-Film „So laut du kannst“ und im Kino in „Der Passfälscher“ überzeugte, verwandelt sich hier auf verblüffende Weise in die junge Schwarzer.

Und dabei geht es nicht nur um äußere Ähnlichkeiten und das Übernehmen bestimmter Marotten. Sie verschmilzt regelrecht mit ihrer Figur. Eine grandiose Leistung. Und ein schönes Geschenk. Nicht nur für die Jubilarin. Auch für die Zuschauer.