Theater

„Ein Oscar für Emily“: Eheschlacht mit Auszeichnung

| Lesedauer: 7 Minuten
 Warten auf EIN OSCAR für EMILY Felix von Manteuffel Leslie Malton

 Warten auf EIN OSCAR für EMILY Felix von Manteuffel Leslie Malton <p/>

Foto: Thomas Räse / Thomas-Raese

Am Renaissance Theater spielt das Schauspielerpaar Leslie Malton und Felix von Manteuffel ein sich zoffendes Schauspielerpaar.

Im Hintergrund hängt ein Filmplakat. Auf den ersten Blick sieht es so aus wie das des Klassikers „Vom Winde verweht“, der im Original „Gone with the Wind“ heißt. Doch sieht man genauer hin, steht da „One with the Wind“, und die Stars heißen auch nicht Vivien Leigh und Clark Gable, sondern Emily White und Henry Porter. Da wird schon eine Fährte gelegt: Denn das Stück „Ein Oscar für Emily“, das am Sonntag im Renaissance-Theater Premiere feierte, handelt von einem älteren Schauspieler-Ehepaar, das eine Film - und Bühnenkarriere zurückblickt. Aber es ist immer auch ein Spiel mit Realitäten, Einbildungen und dem, was man heute so gern alternative Fakten nennt. Und damit ist man schon mitten drin im Stück.

Es ist März 1998, in Los Angeles wird am Abend die 70. Oscar-Verleihung begangen. Und Emily White (Leslie Malton) und Henry Porter (Felix von Manteuffel) hoffen beide, den Oscar für das Lebenswerk zu erhalten. Und da der Preis nur an einen vergeben wird, hofft jeder es für sich. Dem anderen traut man nicht viel zu, der hat ohnehin nur Karriere im Schatten des eigenen Ruhms gemacht. Das Warten auf den Oscar ist ein bisschen wie das aufs Christkind. Da bleibt noch viel Zeit, sich schön – und den anderen runter zu machen.

„Ein Oscar für Emily“: Zwei Alt-Stars, die sich gegenseitig nichts schenken

Denn das ist der Hauptreiz des Stücks von Folker Bohnet und Alexander Alexy: Dass das Paar sich nichts schenkt und sich permanent böse Dinge an den Kopf wirft. Da die beiden schon so lange zusammen sind und wohl auch schon solange gifteln, haben sie sich indes beide eine dicke Haut zugelegt. So richtig in Fahrt kommen sie daher erst, als Jeff (Jonas Minthe), der junge Mann vom mobilen Lunchservice, das Essen bringt. Denn jetzt haben sie ein Publikum, vor dem es sich erst zu streiten lohnt. Die Streithammel, das wird schnell klar, sind die Rollen ihres Lebens.

Wenn Paare Paare spielen, die sich zoffen, hat das immer einen besonderen Reiz. Auch für die Schauspieler, die sich in der Arbeit noch mal neu begegnen, erst recht aber fürs Publikum, dass sich dann ausmalen darf, wie das wohl bei den Künstlern zuhause zugehen mag. Der Zufall will’s, dass man diese Bühnenpaarungen in Berlin nun gleich doppelt erleben darf.

Mehr zum Thema: Leslie Malton will „das Schöne mit dem Schönen“ verbinden

Ab kommenden Sonntag in der Komödie im Schiller Theater, wo Edgar Selge und Franziska Walser, seit 1985 verheiratet, in „Rosige Aussicht“ ein Paar spielen, das 50 Jahre verheiratet ist – bis die Gattin dem Gatten die Ehe aufkündigt. Diese Eheschlacht kann man dann direkt vergleichen mit „Ein Oscar für Emily“, wo eben Leslie Malton und Felix von Manteuffel, seit 1995 verheiratet, ein Paar spielen, das 45 Jahre zusammen ist.

Man sitzt lange im falschen Film – weiß aber nicht, in welchem

Aber das wird scheinbar nur noch noch die gegenseitigen Sticheleien zusammengehalten. Wobei nicht nur der unfreiwillige Zuschauer Jeff, sondern auch der Zuschauer im Parkett etwas verwirrt ist, wie die Triumphe des anderen umgedeutet wird. Und der gemeinsame Sohn mal Arzt und mal Anwalt sein soll.

Das Vorbild ist klar. Sofort muss man an „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ von Edward Albee denken (grandios verfilmt mit Liz Taylor und Richard Burton: ein Schauspielerpaar, das sich auch öffentlich leidenschaftlich zoffte und dem Film damit PR de luxe gab). Das Vorbild wird auch gar nicht kaschiert, auch Emily und Henry wollen es schon gespielt haben.

Bei Albee war es übrigens ein junges Pärchen, das dem älteren als Publikum dient. Und auch da differierten die Angaben über den Sohn – bis ein schreckliches Geheimnis zutage trat. Man ahnt da bald, dass auch hier etwas nicht ganz stimmt. Und tatsächlich ist es gerade der junge Mann, der eine große Lebenslüge aufdeckt. Womit das Stück noch eine ganz andere Wendung nimmt.

Lesen Sie auch: Franziska Walser und Edgar Selge über ihre Proben und das Geheimnis einer Ehe

„Ein Oscar für Emily“ ist also eine Art komödiantische Variante von „Wer hat Angst vor Virgina Woolf?“ Ein ähnlicher Erfolg war ihm nach seiner Uraufführung 2010 aber nicht beschieden. Das Paar Malton/von Manteuffel wurde selbst erst fündig , als es nach einem geeigneten Stoff für sich suchte. In Szene gesetzt wurden sie von Peter Jordan, einem Schauspielerkollegen, und Leonhard Koppelmann, die immer zu zweit Regie führen und gerade erst damit ihr Berlin-Debüt in „Marie Antoinette“ im Schiller Theater feierten.

Sie haben das Stück gehörig eingestrichen und aufpoliert. Und setzen immerzu Ironiesignale. Wie das falsche Filmplakat. Oder wenn sie jedes Mal, wenn einer der Schauspieler zu einem Shakespeare-Monolog ansetzt, diesen mit klassischer Hollywood-Filmmusik der 30er-Jahre unterlegen. Man ist also irgendwie immer im falschen Film. Und bald kann sich der Zuschauer alles vorstellen: dass die beiden gar keine Schauspieler sind, dass sie womöglich sogar in einem Irrenhaus sitzen und alles nur Spinnereien sind.

Der Abend leidet ein bisschen: Ausgerechnet das Paar spielt nicht auf demselben Niveau

Das Dreipersonenstück ist kein simpler, leichter Komödienstoff. Da werden auch ganz große Themen verhandelt wie Verlust, Krankheit, Missbrauch, worauf man sich erst mal einlassen muss. Das Stück wird damit zu einer emotionalen Achterbahnfahrt. Und doch stimmt etwas nicht ganz an diesem Abend. Lange muss man überlegen, woran es liegt. Es ist ausgerechnet das Schauspieler-Paar, das nicht ganz auf demselben Level spielt.

Leslie Malton gibt herrlich die überkandidelte Diva, Felix von Manteuffel wirkt dagegen ein wenig zu bodenständig und brav. Vielleicht ist es der Premiere geschuldet, vielleicht muss man da noch etwas nachjustieren. Denn bei aller Komödie muss es hier richtig wehtun, um unter die Haut zu gehen.