Tosender Applaus

Konstantin Wecker verzaubert die Philharmonie

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Konstantin Wecker steht schon seit 50 Jahren auf der Bühne.

Konstantin Wecker steht schon seit 50 Jahren auf der Bühne.

Foto: THOMAS KARSTEN

Die Poesie als Lebensretter: Konstantin Wecker feiert seinen 75. Geburtstag mit Liebesliedern und Lebenserinnerungen.

Konstantin Wecker erinnert sich nur zu gut daran, als er beim Klavierspiel mit 18 oder 19 mal wieder von seinen Gefühlen überwältigt war und der Lehrer zu ihm sagte: „Net du sollst heulen, Bub. Die Leute sollen heulen.“ Heute, mit 75 Jahren, gibt der Liedermacher unumwunden zu, dass er in dieser Hinsicht immer noch gefährdet ist, wenn er seinen Song „Manchmal weine ich sehr“ singt. Eine Innenansicht aus der Psychiatrie. Die er hätte gebrauchen können, meint er, als er Kokain in rauen Mengen konsumiert habe. Seine Ratio hätte es aber nie zugelassen. Seine Lieder schon.

Klug, menschenfreundlich, streitbar, unangepasst und hochmusikalisch wie eh und je verzaubert Konstantin Wecker sein Publikum in der Philharmonie. Bevor er auch nur einen Ton anspielt, wird er mit tosendem Applaus gefeiert. Nach über zwei Jahren endlich wieder in der Hauptstadt. Künstler und Zuschauer haben sich gegenseitig schmerzlich vermisst. Der Auftaktsong „Ich sing, weil ich ein Lied hab“, den Wecker solo am Flügel performt, ist das Motto des Abends. Die Musik ist in Konstantin Wecker. Einen anderen Grund, um zu singen, braucht er nicht.

Eine musikalische Reise durchs eigene Leben

Der wortgewaltige Liedermacher zelebriert seinen 75. Geburtstag, den er im Juni feierte, live mit einer chronologischen, überwiegend musikalischen Reise durch sein Leben. Er ist ein künstlerischer Tausendsassa. Nicht nur Liedermacher, sondern auch Blogger, Komponist, Schauspieler und Schriftsteller. Und hat dementsprechend viel zu erzählen. Daher bittet er auch freundlich, pünktlich aus der Pause zurückzukommen. Man habe nur bis 23 Uhr Zeit, dann müsste das Konzert beendet sein.

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Begleitet von seiner fabelhaften Band unter der musikalischen Leitung von Pianist und Arrangeur Jo Barnikel, liest Konstantin Wecker auch Texte. Über die Schönheit der Zerbrechlichkeit. Oder über den ermordeten italienischen Filmemacher Pier Paolo Pasolini, den er sehr bewundert hat. Der Abend gehört aber vor allem der Musik. 50 Jahre steht Konstantin Wecker nun schon auf der Bühne. Wenn man die Zeit als Kindersopran im Chor dazurechnet, sind es 60. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich bei meinem törichten, prallen Leben mal so alt werden würde“, sinniert er. Gerettet habe ihn stets die Poesie. Die habe er sich nicht erarbeitet, sondern „In den stillen Momenten meines lauten Lebens gepflückt.“ Und er ist überzeugt, dass Musik und Poesie dazu ermutigen, zu sich selbst zu stehen und nicht der jeweiligen Gesellschaftsmoral zu erliegen.

Der Traum von einer Welt, in der alle mächtig sind

Seine Lieder zeugen von dieser Haltung. Er hat sie immer wieder verteidigen müssen gegen Kommunisten, Trotzkisten und andere, die ihm vorwarfen, nicht ideologisch zu sein. Ihnen hat er entgegnet: „Ich bin doch kein Flugblattvertoner!“ Was er eindrucksvoll mit beweist mit „Der alte Kaiser“, aber auch dem „Hexeneinmaleins“. Songs, die sich jeder Ideologie, jeder Art, regiert zu werden, erwehren. Schließlich träumt Konstantin Wecker von einer herrschaftsfreien Welt.

Natürlich kommen auch die sanften Liebeslieder nicht zu kurz, für die er Anfang der Achtziger von der Presse abgewatscht wurde. Man erwartete gesellschaftskritische Songs von ihm. Dabei hat seine Liebeslyrik einen nachgerade philosophischen Tiefgang. Eine Verbeugung vor seinen musikalischen Lehrmeistern Orff, Mozart, Schubert, Puccini und Verdi ist sie allemal. Sein „Liebesflug“ klingt sanft und frisch. Und der Applaus ist ein weiteres Mal tosend.