Berliner Ensemble

Die Frau spielt, der Mann macht die Ansagen: „The Writer“

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In Fremdheit vereint: Regisseur (Jonathan Kempf) und Autorin (Pauline Knof).

In Fremdheit vereint: Regisseur (Jonathan Kempf) und Autorin (Pauline Knof).

Foto: Moritz Haase / Berliner Ensemble

Im Rahmen des Nachwuchsförderprogramms „Worx“ hat Fritzi Wartenberg aus Ella Hicksons Stück einen rasanten Abend gemacht.

Es ist eine zufällige Begegnung am Ende eines Tages, den eigentlich schon alle für beendet hielten. Die Vorstellung am Theater ist vorbei, die Bühne ist leer. Nur eine verlorene Zuschauerin (Theresa Gmachl) irrt hier noch herum, weil sie ihren Rucksack liegen gelassen hat. Sie läuft dem Regisseur des Abends (Max Gindorff) über den Weg und will eigentlich gleich wieder weg – aber der Mann lässt sie nicht. Er will sie ausfragen und erfahren, wie sie das alles fand.

Es stellt sich heraus, dass die junge Frau Autorin ist und die das Stück als pure Zumutung erlebt hat: als eine jener vielen vorgestrigen Inszenierungen, in denen Frauen auf ihren Körper reduziert werden und Männer philosophische Weisheiten von sich geben dürfen. Ein Abend in der Perspektive des „male gaze“, der die Frage aufwerfe, ob die Verantwortlichen denn gar nichts mitbekommen hätten von den dringenden Fragen der Gegenwart: Klimakatastrophe, Diversität, Geschlechtergerechtigkeit. Die Autorin ist wütend, sehr wütend.

Die Wut könnte an der Kasse einiges einbringen

Und wird umso wütender, als sie die ganze Zeit in ein bräsig grinsendes Gesicht sprechen muss. Der Regisseur kann ihren Furor nicht nachempfinden, wittert darin aber ein Lockmittel, um Zuschauer ins Haus zu holen. Ob sie sich vorstellen könne, für ihn zu schreiben? In dem so gönnerhaften wie herablassenden Angebot reproduziert sich die Konstellation, die die Frau zur Empörung treibt. Das System scheint unhintergehbar.

Die britische Autorin Ella Hickson begann mit ihrer Arbeit an „The Writer“ nur wenige Wochen, bevor der Skandal um den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein im Oktober 2017 Hollywood und die Welt erschütterte. Die darin ans Licht gekommenen Vorfälle eklatanten Machtmissbrauchs haben Spuren in dem Stück hinterlassen, es geht darin aber nicht auf. Was den Text so stark macht, sind Fragen nach Formen neuer dramatischer Erzählung, nach weiblicher Freiheit und Selbstermächtigung, auch nach Souveränität des Individuums. Vor allem aber ist es ein unschlagbarer, zündender Witz.

Die Strukturen erscheinen unhintergehbar

Denn „The Writer“ ist ein Stück, in dem Ernstes mit klugen Plotvolten immer wieder ironisch gebrochen wird und das die Tugenden des „well made play“ spannend mit postdramatischen Traditionen vereint. Regisseurin Fritzi Wartenberg, die im Rahmen des Nachwuchsförderprogramms „Worx“ am Berliner Ensemble inszeniert, hat aus der Vorlage einen kurzweiligen, sehenswerten Abend gemacht, der den Werkraum im Neuen Haus des Berliner Ensembles am Ende zurecht in Begeisterung versetzt.

Und das liegt zuallererst an den Darstellerinnen und Darstellern. In der zweiten Szene entpuppt sich das zuvor Gesehene als Inszenierung. Vier Stühle werden auf die Bühne gestellt, es ist Zeit für ein Publikumsgespräch. Es nehmen Platz: Die Autorin (Pauline Knof), Schauspielerin und Schauspieler (Gmachl/Gindorff) sowie der Regisseur (Jonathan Kempf). In der naturgemäß nicht ganz unverkrampften Situation des öffentlichen Stuhlkreises entwickelt sich nun eine präzise Spiegelung der Hierarchien und Machtstrukturen, um die es zuvor bereits ging: Die idealistische Autorin scheitert mit ihren Ideen an der Definitionsmacht des künstlerischen Chefs, die Kempf in wunderbar bürokratischer Dickfelligkeit zur Schau stellt. Und zwischen den Fronten dieses Konfliktes: der schüchterne schauspielerische Nachwuchs.

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Es ist ganz wunderbar, wie hier die Rollen im Handstreich umverteilt werden und doch alles zermürbend beim Alten bleibt: Der Mann bestimmt über Sein und Nichtsein kreativer Arbeit, die Frau hat sich zu fügen. Die Autorin geht im Regen nach Hause. Janina Kuhlmanns Bühne verwandelt sich mit wenigen Handgriffen in eine Studentenbude, in der der Partner (wiederum Max Gindorff, nun ohne Langhaarperücke) mit Kochschürze auf die Heimkehrerin wartet – Cassoulet und Süßkartoffeln stehen auf dem Herd, der Tempranillo ist schon dekantiert. Es gibt ja auch etwas zu feiern, jedenfalls aus seiner Sicht: Der Autorin sind 50.000 Euro für die Verfilmung ihres Manuskriptes angeboten worden. Aber sie möchte lieber nicht: Sie fürchtet, ihr Anliegen würde kommerziell zermahlen werden. Der Mann ist entsetzt und schreit die Bude zusammen, das Gekochte landet auf dem Laptop der Frau, und Babygeschrei aus dem Off setzt sie mit der Frage unter Druck, wohin es eigentlich gehen soll mit ihrer Lebensplanung.

Stroboskoplicht in der Dschungelwelt

Und dann bricht alles auseinander. Die Wohnung löst sich auf. Das Stück führt nun in die Vision einer Lebenswelt ohne Männer, in der Frauen gemeinsam im Dschungel den Widrigkeiten der Natur begegnen, im Stroboskoplicht wilde Freiheitstänze aufführen, Ganzheitlichkeit feiern und Schlingpflanzen aus dem Bühnenboden reißen: mythenüberformte weibliche Koexistenz, esoterisch, überzeichnet und komisch, am Schluss erneut doppelt ironisch gebrochen – in der erwartbaren männlichen Reaktion darauf, aber auch in Gestalt einer realistisch gezeichneten lesbischen Liebesbeziehung. Das ist schnell und präzise, es schlägt viele Haken und Funken.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Termine und weitere Informationen hier.