Meerjungfrauen küssen besser? Das jedenfalls legt Ingeborg Bachmanns berühmteste Erzählung nahe. In „Undine geht“ von 1961 rechnet die titelgebende Nixe mit den Menschenmännern ab: „Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!“ Die verlassen umstandslos ihre Frauen, wenn Undine ruft: „Komm.“ Nicht mehr als zehn Seiten, eine Anklage, eine „Verächtlichmachung“, in der durchaus auch Anerkennung mitschwingt.

Was ist das: Ein feministischer Schlüsseltext? Die Autorin, die eine Zwischenbilanz ihrer Beziehung zu Max Frisch zieht? Die Poesie selbst, die mit einer technokratischen Welt abrechnet? Das bleibt wundersam deutungsoffen, gerade weil es keine Handlung gibt: eine Herausforderung fürs Theater. Mit gutem Grund kann man sich fragen, ob die Erzählung, die über weite Strecken mehr rhythmisierte Poesie ist als Prosa, auf die Bühne muss.

Eine Art Monolog, man wähnt sich in einem Hörspiel

Immerhin: Der Text ist eine Art Monolog, den die junge Regisseurin Christina Deinsberger im Studio der Schaubühne auf zwei Schauspieler verteilt. Carolin Haupt und Renato Schuch tragen beide rosafarbene Hemden, weiße Hosen, blau schimmernden Nagellack. Wie nicht von dieser Welt treten sie barfüßig auf die Bühne, die Ulla Willis mit einer gewellten weißen Gaze in zwei Hälften teilt. Hier tasten sie sich verspielt durch Bachmanns Sprache, wiederholen Wörter, pflücken sich Laute aus der Luft, dazu tröpfeln weitere Silben vom Band, so dass man sich mal in einem Hörspiel wähnt, mal in einer Lesung konkreter Poesie.

Ins Netz gegangen: Haupt und Schuch spielen die Geschichte der Undine nach.
Ins Netz gegangen: Haupt und Schuch spielen die Geschichte der Undine nach. © Thomas Aurin

Wenig geschieht. Einmal setzt sich Haupt auf Schuchs Schoß und spricht, während er die Gesten dazu macht. Dann wieder verheddern sich die beiden zufällig in einer Umarmung. Sie umkreisen die Gaze-Trennung, durchschreiten sie. Mal treten sie an die Mikrofone, knacken einem die Worte angenehm in die Gehörgänge. Dazu rauscht freundliche Musik im Hintergrund, auch ein alter Schlager wie von fern.

Teile des ohnehin kurzen Textes sind gestrichen, dafür gibt’s Passagen aus Bachmanns „Malina“-Roman. Natürlich: Auch hier geht’s um Autorschaft und einen feministischen Blick auf die Welt. Nur bleibt der Abend so fern von jeder Konkretisierung, dass man schon sehr genau hinhören muss, um die Botschaft mitzunehmen.

Das mühsam gewebte Sprachnetz wird wieder zerrissen

Als es dann etwa zur Hälfte der 75 Minuten doch einmal konkret wird, wünscht man sich die angenehmen Worterkundungen und Satzzerdehnungen zurück. Denn nun spielen Haupt und Schuch die Geschichte der Undinen in grob geschnitzten Szenen nach: die „Meerweihe“ aus der frühen Neuzeit. Friedrich de La Motte Fouqués „Undine“-Märchen.

Oscar Wildes „Der Fischer und seine Seele“ (und nicht etwa Jean Giraudoux‘ „Undine“-Drama, in dem der Ritter erstmals Hans heißt). Schuch klappert als Ritter mit Rüstungsteilen, klimpert als Undine mit den Augen in gröbster Comedy und knabbert an Lachshappen; Haupt schüttelt ihre künstlichen Locken und zeigt dem Mann die kalte Schulter. Nun ja.

Das alles zerreißt das poetische Sprachnetz, das sie zuvor mühsam gewebt haben und das sich auch danach nicht mehr richtig schließen will. So bleibt von dieser Visitenkarte, die Regisseurin Deinsberger hier nach drei Jahren als Regieassistentin an der Schaubühne abgibt, vor allem der Eindruck einer Kunstübung, die zur Kunstanstrengung wird.k