Sieben Minuten dauert das Intro von „Aqualung“, bevor Ian Anderson eine Note singt. Und es ist zum Niederknien großartig. Im Original ist der Song aus dem Jahr 1971 gerade mal etwas über sechs Minuten lang, doch live verwandeln Jethro Tull ihn in ein episches Gesamtkunstwerk. Mit einem komplexen, instrumentalen Progressive-Rock-Gefüge, bei dem Andersons Querflöte einmal mehr an diesem Abend dominiert. Und einem Songtext, der schon vor über 50 Jahren Obdachlosigkeit thematisiert hat. Dazu gibt es ein Video, das Wohnungslose und ihr tägliches Elend zeigt.

Nur ein Beispiel von vielen, das beweist, wie fortschrittlich Jethro Tull seit jeher waren. Ihre Songs haben sich schon immer um Sujets wie Umwelt, Tierschutz und Probleme der Zivilisation gedreht. Auch politisch hat die Band stets Stellung gegen Populismus und für ein friedliches Miteinander bezogen.

Scherze über die wechselnde Bandbesetzung

Nun haben die Briten auf ihrer ausgedehnten „Prog Years Tour“ ein umjubeltes Konzert im Admiralspalast gegeben. Mit 60 Millionen verkauften Tonträgern weltweit, mehr als 21 Alben – darunter 11 Gold- und 5 Platin – und mit mehr als 3000 Live-Auftritten in 40 Ländern muss man die 1967 gegründete Band aus Blackpool, England, nicht mehr vorstellen.

In Berlin spielt die Formation um den charismatischen Frontmann Ian Anderson Songs aus dem neuen 2022er-Album „The Zealot Gene“, das erste seit 19 Jahren, aber auch viele Lieder aus ihrer langen Karriere. Wobei sich Anderson lustig macht über die häufig wechselnden Bandmitglieder. Über 30 waren es im Laufe der Zeit.

Heute ist die fünfköpfige Band ein perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble. Gleichwohl bleibt Ian Anderson die einzige Konstante. Der gebürtige Schotte prägt den berühmten Tull-Sound. Nicht nur mit seiner einzigartigen, markanten Stimme, sondern vor allem auch mit seiner Querflöte. Keine andere Band hat es jemals gewagt, das Instrument in der Rockmusik einzusetzen.

Von Johann Sebastian Bach bis Gabriel Fauré

Anderson versteht es brillant, verschiedenste Techniken einzusetzen. Natürlich spielt er nur zu gern in der ikonischen Bänkelsänger-Pose mit angewinkeltem Bein. Der 75-Jährige liefert ohnehin eine hochenergetische Show ab. Jetzt zahlt sich aus, dass er nie ein wildes Rockstar-Leben voller Sex, Alkohol und Drogen geführt hat. Ihm waren Groupies nie wichtig. Sein Fokus gilt der Musik, dem Prog Rock.

Mit „Bourée in E-Moll“ von Johann Sebastian Bach, aber auch „Pavane“ von Gabriel Fauré werden nun sogar Evergreens der klassischen Musik in Andersons Lieblingsgenre verwandelt. Dazu gibt es Visuals, die psychedelischen LSD-Trips gleichen. Und selbstredend werden auch zahlreiche Hits von Jethro Tull wie „Songs From The Wood“ und „Living In The Past“ gespielt. Die Reise in die Vergangenheit hat allerdings schon vor dem Konzert angefangen. Das Gros des Publikums ist nämlich mit Ian Anderson ergraut. Manche tragen sogar noch die Langhaarfrisur von ihm auf, andere Tull-T-Shirts aus früheren Jahren.

Pink Floyd und Genesis grüßen von fern

Der Prog Rock mit seiner Liebe zu wuchtigen Klängen im Wechsel mit virtuosen Soli wirkt indes sehr modern. Zumal bei Jethro Tull nur Meister ihres Fachs auf der Bühne stehen. Es flimmern aber auch immer mal wieder Bilder anderer Progbands über die Leinwand. Darunter Pink Floyd und Genesis. Mit neuem Songmaterial wie „Mine Is The Mountain“ holen Jethro Tull ihren Sound jedoch nachhaltig in die Gegenwart. Spätestens mit der legendären Hymne „Locomotive Breathe“ untermauern die Musiker, dass sie längst die einzig wahren Hohepriester des Prog Rocks sind.