Schaubühne

Auslandsadoptionen: „Kindheitsarchive“ an der Schaubühne

| Lesedauer: 5 Minuten
Georg Kasch
„Wir reden über das Mutterwerden, das Sohnwerden“: Caroline Guiela Nguyen.

„Wir reden über das Mutterwerden, das Sohnwerden“: Caroline Guiela Nguyen.

Foto: Michael Braun / Schaubühne

Geo- und Familienpolitik: Theatermacherin Caroline Guiela Nguyen widmet sich an der Schaubühne einem sehr komplexen Thema.

Madonna war der berühmteste Fall, als sie 2008 einen Jungen und später noch drei weitere Kinder aus Malawi adoptierte. Aber auch in Deutschland gibt es viele Beispiele, in denen Kinder aus dem Ausland adoptiert wurden. Dass die Zahlen bei uns extrem zurückgegangen sind – zwischen 2010 und 2020 um 75 Prozent – hat viele Gründe: verbesserte Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin. Schärfere Regeln und Gesetze. Das Subsidiaritätsprinzip, demzufolge man immer erst nach Adoptiveltern im Herkunftsland sucht.

Gründe, die auch im Stück „Kindheitsarchive“ an der Schaubühne diskutiert werden, das am Freitag an der Schaubühne Premiere hat. Darin zeigt Autorin und Regisseurin Caroline Guiela Nguyen exemplarisch, was es für Eltern, Kinder und Behörden bedeutet, wenn Kinder aus Ländern wie Russland, Vietnam und Kolumbien in westliche Staaten wie Deutschland und Frankreich adoptiert werden.

Die erste Arbeit mit dem Schaubühnen-Ensemble

„Meist wird von Auslandsadoptionen gesprochen, als ob sie etwas Schönes wären“, sagt Nguyen: „Die Kinder wurden gerettet, jetzt sind sie glücklich. Ich möchte zeigen, wie komplex das Thema eigentlich ist.“ Die französisch-vietnamesische Theater- und Filmemacherin wirkt beim Gespräch im Café der Schaubühne wegen der Endproben – bei aller Eleganz und Neugier, die sie auch ausstrahlt – etwas gestresst. Immerhin ist es ihre erste Arbeit mit dem Schaubühnen-Ensemble. Zweimal war sie zuvor mit ihrer französischen Kompanie Les Hommes Approximatifs beim FIND-Festival zu Gast: 2018 mit „SAIGON“, in diesem Jahr mit „FRATERNITÉ, Conte fantastique“.

Nguyen selbst ist als Tochter einer vietnamesischen Mutter in Frankreich aufgewachsen. „Ich habe das Gefühl, dass ich mir erstmal das Recht erkämpfen musste, über das Thema erzählen zu dürfen, weil ich selbst nicht adoptiert wurde“, sagt sie. Deshalb war es ihr wichtig, sich beim Schreiben nicht nur auf ihr Einfühlungsvermögen zu verlassen, sondern auf Recherchen. Sie hat mit zahlreichen Menschen gesprochen, die als Kind in ein anderes Land adoptiert wurden und in der französischen Agentur für Adoption recherchiert.

Allerdings, das ist wichtig: „Kindheitsarchive“ ist kein Dokumentartheater, sondern ein Theaterstück mit einer klaren Handlung, Figuren, genau gebauten Szenen, das in einer fiktiven Adoptionsvermittlungsstelle spielt. „Ich versuche, aus dem Material eine emotionale Landschaft zu schaffen“, sagt Nguyen. „Dann entwickle ich die Figuren.“ Für ihre Arbeit als Dramatikerin wurde Nguyen bereits mehrfach ausgezeichnet, in Deutschland zum Beispiel mit dem renommierten Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis.

„Ich wurde sehr wohlwollend empfangen“

Jetzt, in den Proben mit den Schauspielern, werden nur noch Details des Texts geändert. Von der Arbeit mit dem Schaubühnenensemble ist sie begeistert, da wirkt sie ganz wach, sprüht vor Energie: „Das sind sehr starke Spieler, die starke Vorschläge machen“, schwärmt sie. „Wenn man frei arbeitet, ist es meist so, dass man als Regisseurin die Schauspieler zur Mitarbeit einlädt, sie willkommen heißt.“ Hier ist es andersherum. „Ich wurde sehr wohlwollend empfangen. Sie vertrauen mir.“

Auch über die Sprachbarriere hinweg. Schon in „SAIGON“ und „FRATERNITÉ“ konnte man erleben, dass in Nguyens Arbeiten die verschiedensten Sprachen aufeinandertreffen, um die Verflechtungen über Grenzen hinweg sichtbar zu machen. In jedem ihrer Stücke gibt es deshalb eine Dolmetscher-Figur. Auch in „Kindheitsarchive“, wo auf der Bühne neben Deutsch auch Spanisch, Französisch und Englisch gesprochen wird. Wie arbeitet man als Autorin und Regisseurin, wenn man mit einer Übersetzung des eigenen Stücktextes arbeitet, die Bühnensprache nicht versteht? „Ich spüre es, empfinde es, sehe es. Wenn gesprochen wird, ist das ja auch ein körperlicher Akt. Ich verstehe zwar nicht die Worte, aber ich verstehe, was in den Herzen und Köpfen der Schauspieler passiert.“

Fassbinders „Angst essen Seele auf“: Eine wichtige Inspiration

Dass die Schaubühnen-Schauspieler ihr vertrauen, könnte auch an Nguyens Ästhetik liegen. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch einen poetischen Realismus aus, der gut zur Schaubühne passt. Den wird es auch bei „Kindheitsarchive“ geben, wie ein erstes Produktionsfoto nahelegt. Außerdem arbeitet Nguyen auch hier mit Alice Duchange zusammen, die schon das Bühnenbild der FIND-Gastspiele gestaltet hatte. Dort bekam das realistische Setting oft ein Leuchten, das an den späten Rainer Werner Fassbinder erinnerte.

Das passt. Denn Nguyen orientiert ihre Bildsprache weniger am Theater- als am Filmrealismus und nennt Fassbinders „Angst essen Seele auf“ als wichtige Inspirationsquelle, der 1974 von der Beziehung zwischen einer alternden Frau aus Deutschland und einem Mann aus Algerien erzählte. „In diesem Film werden die geopolitischen Themen anhand einer Liebesgeschichte verhandelt.“ So wie in „Kindheitsarchive“, in dem die internationalen Verflechtungen und Machtverhältnisse auf der zwischenmenschlichen Ebene gezeigt werden. „Das ist auch der Grund, weshalb ich zum Thema Auslandsadoption arbeiten wollte“, sagt Nguyen: „Wir reden über das Mutterwerden, das Sohnwerden. Und gleichzeitig geht es um Geopolitik und internationale Beziehungen.“

Schaubühne am Lehniner Platz, Charlottenburg. Termine: 7.10. (20.30 Uhr), 10.10., 11.10., 14.10., 15.10. (jeweils 20 Uhr), 16.10. (19 Uhr).