Im Magazin der New York Times erschien in der Weihnachtsausgabe des Jahres 2017 ein langer Artikel mit der Schlagzeile „Der größte Terrorist der Welt hat eine Pikachu-Tagesdecke“. Die Überschrift war ein Zitat und stammte von der Mutter der 1991 geborenen Sprachwissenschaftlerin Reality Winner. Mit dem Verweis auf das vor allem bei Kindern beliebte Fantasiewesen aus Japan verlieh die Mutter ihrer Fassungslosigkeit darüber Ausdruck, was man Reality vorwarf: Gegen die junge Frau wurde wegen Verstoßes gegen das Spionagegesetz ermittelt.
Bis heute muss sie eine Fußfessel tragen
Nach vielen Jahren bei der U.S. Air Force hatte Reality Winner, die neben ihrer englischen Muttersprache Farsi, Dariu und Pashto spricht, als Linguistin bei einem Informationsdienstleister der National Security Agency (NSA) im US-Bundesstaat Georgia gearbeitet und wurde als Regierungsbeauftragte mit Top-Secret-Freigabe eingesetzt. In dieser Funktion hatte sie nachrichtendienstliche Erkenntnisse zur russischen Beeinflussung des US-Wahlkampfs 2016 an die Website „The Intercept“ weitergegeben, die man dort veröffentlichte. Sie wurde deshalb zu 63 Monaten Gefängnis verurteilt und muss seit ihrer Haftentlassung im Sommer 2021 bis zum heutigen Tag eine elektronische Fußfessel tragen.
Das Protokoll der Vernehmungen der Whistleblowerin hat Tina Satter, Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Leiterin des New Yorker Theaterensembles Half Straddle, zu einem faszinierenden Stück dokumentarischer Dramatik verarbeitet, das nach seiner Uraufführung von Publikum und Kritik frenetisch gefeiert wurde.
Produktionen aus fünf Ländern und drei Kontinenten
Jetzt war es im Rahmen des Festivals Internationale Neue Dramatik (FIND) an der Schaubühne zu sehen. Die FBI-Agenten (Will Cobbs, Pete Simpson und Becca Blackwell) treffen Reality Winner (Katherine Romans) zuhause an, sie kommt gerade mit vollen Tüten vom Einkaufen. Im Wechsel von verkrampftem Smalltalk und rüdem Machtgestus der Beamten entwickelt sich ein Kammerspiel über psychologische Gewalt, die Männer auf eine Frau ausüben – beglaubigt durch eine Sprache, die man auf der Bühne sonst nicht hört: die in der Realität gesprochene und dann wörtlich protokollierte mit all ihren Lücken, Lauten und Wiederholungen. Die seltsame Frage „Is This A Room“ bezieht sich dabei auf die Suche der Ermittler nach einem Vernehmungszimmer. Geschwärzte Passagen der Verhör-Mitschrift werden mit einem tiefen Lautsprecherton und pinkem Scheinwerferlicht angezeigt. Am Ende der schockierenden 75 Minuten ist aus der lebenslustigen Reality ein zitterndes Wrack geworden.
Internationale Impulse wie dieser gehören zur Signatur des Festivals FIND, das seit dem Jahr 2000 alljährlich an der Schaubühne die internationale Theatergemeinde einlädt, die etablierte wie die neu zu entdeckende. Nach coronabedingt europäischem Fokus 2021 sind in diesem Jahr Produktionen aus fünf Ländern und drei Kontinenten vertreten. Einen Schwerpunkt bilden die Arbeiten des kanadischen Theaterregisseurs Robert Lepage, dessen Monumentalarbeit „The Seven Streams of the River Ōta“ gezeigt wird: eine mehr als sieben Stunden lange Reise durch ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte. In seinem jüngsten, mit 120 Minuten vergleichsweise kurzen Monodrama „887“ wird Lepage selbst auf der Bühne stehen. Spannend auch: die internationale Premiere der Choreographie „Oasis de la Impunidad“ des chilenischen Autors und Regisseurs Marco Layera. Auch hier geht es um das konfliktreiche Gewaltgefälle zwischen Staat und Zivilgesellschaft.



