Staatsoper

Ein Walkürenritt in den Hörsaal

| Lesedauer: 5 Minuten
Volker Blech
Siegmund (Robert Watson) und Sieglinde (Vida Miknevičiūtė) flüchten an der Staatsoper in ein Versuchslabor mit lebenden Kaninchen.

Siegmund (Robert Watson) und Sieglinde (Vida Miknevičiūtė) flüchten an der Staatsoper in ein Versuchslabor mit lebenden Kaninchen.

Foto: Monika Rittershaus

In Dmitri Tcherniakovs Wagner-Inszenierung um ein modernes Forschungsinstitut wird Brünnhilde am Ende verstoßen.

Was bisher geschah: Regisseur Dmitri Tcherniakov lässt an der Staatsoper Richard Wagners vierteiligen Opernzyklus „Ring des Nibelungen“ in einem Forschungszentrum für menschliche Evolution spielen. Hier wirken die neuen Götter. Im „Rheingold“ demolierte Versuchskandidat Alberich das Labor und flüchtete mit den Forschungsdaten. Die Daten sind das Gold von Heute. Nach heftigen Turbulenzen bekam Institutschef Wotan seinen Laden wieder in den Griff.

Zu Beginn der „Walküre“, die am Montag ihre bejubelte Premiere hatte, beobachtet Wotan durch ein großes Fenster von seinem Büro aus eine dahinter liegende Wohnung. Sie gehört also zur Versuchsanordnung. Zugleich erfährt man aus eingespielten Fernsehnachrichten, dass ein psychisch gestörter und aggressiver Mann auf der Flucht ist. Die Drehbühne setzt sich in Bewegung und gibt den Blick auf die gläserne Wohnung von Hunding frei. Es beginnt eine atemberaubende Szene - szenisch und musikalisch.

Unter seiner Kapuze versteckt, erschöpft und waffenlos taucht Siegmund an der Wohnung auf. Er trifft unwissend auf seine Zwillingsschwester Sieglinde. Dmitri Tcherniakov hat eine hilflose, zarte Annäherung in Szene gesetzt. Die litauische Sopranistin Vida Miknevičiūtė kann mit ihrer verhuschten Jugendlichkeit das Knistern und Funken ausspielen und aussingen. Es liegt Erotik in der Luft, obwohl eigentlich nichts passiert.

Das Liebespaar flüchtet ins Versuchslabor mit lebenden Kaninchen

Ehemann Hunding ist ein Wachmann und hat Sieglinde einst von Verbrechern geschenkt bekommen. Ein archaisches Raubgut im Heute. Sie zittert vor ihm und ist zugleich unterwürfig. Mika Kares führt mit seinem dunkel-abweisenden Charakterbass den grobschlächtigen Hunding vor, der Siegmund erkennt und ihn am liebsten gleich mit der Pistole abknallen will. Das Geschwisterliebespaar flieht. Aber ihr Weg führt nicht in die Freiheit, sondern in das Versuchslabor mit den lebenden Kaninchen. Hier wird später Brünnhilde die Beiden aufstöbern. Siegmund wird bei Tcherniakov nicht getötet, sondern vom Wachschutz abgeführt.

Etwas Ungerechtes schwebt über diesem neuen „Ring“, etwas, was die Tenöre betrifft. Bereits im „Rheingold“ wurde Rolando Villazon als Loge maßlos ausgebuht, in der „Walküre“ trifft es am Ende Robert Watson als Siegmund. Dabei kann Watson mit einem schön geführten, abwechslungsreichen Tenor punkten. Und er ist ein durch und durch glaubwürdiger Darsteller. Er ist eben nur kein alle überstrahlender Heldentenor, sondern in Tcherniakovs Deutung ein Getriebener.

Christian Thielemann steht am Pult der Staatskapelle, und man kann seine „Walküre“ eine musikalische Offenbarung nennen. Er war für den erkrankten Generalmusikdirektor Daniel Barenboim eingesprungen. Zwei Stardirigenten, die charakterlich wohl kaum verschiedener sein können, aber sich musikalisch auf dieselbe Tradition berufen. Beide sind Wagner-Spezialisten. Und man fragt sich jetzt im Dunkel der Staatsoper schon, worin die Unterschiede in ihren Sichtweisen bestehen?

Selbst das Pathos verströmt einen Hauch von unerbittlicher Kälte

Sicherlich hat Barenboim beim „Ring“ immer das Ganze im Blick, dirigiert den Verlauf eines musikalischen Flusses nach, aus dem die jeweilige Dramatik erwächst. Dabei entstehen auch die auratischen Momente. Thielemann hingegen verortet die Musik im Augenblick. Wenn sein Instinkt ihm sagt, die Musik müsse stillstehen, dann lässt er sie mal eben im Pianissimo erstarren. Und selbst das Pathos, von dem der 3. Akt zehrt, strahlt bei Thielemann den Hauch einer unerbittlichen Kälte aus. Bemerkenswert ist, wie der Dirigent die Staatskapelle zurücknimmt, um die Sänger bestmöglich zu präsentieren.

Weitläufig wird an diesem gut fünfstündigen Opernabend das Verhältnis von Wotan zu seiner Lieblingswalküre Brünnhilde vorgeführt. Tcherniakov gelingt eine großartige psychologische Personenführung. Es ist ein Glücksfall, Michael Volle als Wotan und Anja Kampe als Brünnhilde auf der Bühne zu erleben. Zwei miteinander harmonierende Stimmen, die sich souverän durch alle Seelenzustände bewegen. Michael Volle führt Wotans Depressionen vor. Brünnhilde steckt in einer Beziehungsfalle, weil Wotan zwei einander widersprechende Forderungen an sie stellt.

Wotans außereheliche Kinder und der Inzest führen zum Konflikt

Wotans innerster Wunsch ist es, Siegmund zu retten, auch, weil er einen Freien braucht, um aus dem System ausbrechen zu können. Andererseits befiehlt er Brünnhilde, Siegmund im Kampf mit Hunding zu fällen. Letztlich ist das aber der Wunsch von Fricka (dominant auftrumpfend: Claudia Mahnke), die voller Eifersucht auf Wotans außereheliche Kinder ist und den Inzest verabscheut. Brünnhilde entscheidet sich für Siegmund und Sieglinde, Wotan wütet.

Der Walkürenritt führt direkt in den Sitzungssaal. Der Feuerzauber findet szenisch nicht statt. Brünnhilde stellt Stühle zusammen und malt Flammen darauf. Der Göttervater verstößt sie. Während Wotans Forschungsinstitut im Hintergrund verschwindet, bleibt Brünnhilde in der Welt draußen alleine zurück. Fortsetzung folgt.