Staatsoper

"Rheingold" an der Staatsoper: Im Forschungslabor der Götter

| Lesedauer: 5 Minuten
In einem Forschungszentrum lässt Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov „Das Rheingold“ an der Staatsoper spielen.

In einem Forschungszentrum lässt Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov „Das Rheingold“ an der Staatsoper spielen.

Foto: Monika Rittershaus

Mit Wagners „Rheingold“ in der Regie von Dmitri Tcherniakov startete bejubelt der neue „Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper.

Dass sich der Moskauer Starregisseur Dmitri Tcherniakov treudeutsch auf Richard Wagners Opernmythos vom „Ring des Nibelungen“ einlassen würde und Götter auf Bergeshöhen, Rheintöchter auf dem Grunde des Rheins und unterirdische Finsterlinge in Nibelheim zeigen würde, war nicht zu erwarten. Tcherniakov, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, bringt das Publikum zunächst einmal mit der ganzen Bühnenmaschinerie zum Staunen. Es wurde bei der bejubelten Premiere am Sonntag geklotzt wie noch nie seit der auch bühnentechnischen Grundsanierung der Staatsoper.

Am Beginn vom „Rheingold“, dem sogenannten Vorabend des vierteiligen Opernzyklus, wird zunächst der Grundriss des riesigen Forschungszentrums E.S.C.H.E. eingeblendet. Die Abkürzung steht für Experimental Scientific Center for Human Evolution. Man sieht Forscher, die auf einer Leinwand im Auditorium ein Gehirn-Experiment verfolgen. Das sind für den Regisseur die neuen Wagner-Götter.

Über vier Bilder hinweg führt Tcherniakov ausgefeilt sein gigantisches Forschungsinstitut vor, welches über mehrere Stockwerke hinauf und hinunter und von links nach rechts fährt und über einen Fahrstuhl, ein großes Versuchslabor mit lebenden Kaninchen, enge Flure, Büroräume, Sitzungszimmer und Innenhof mit Esche verfügt. Man hat viel zu bestaunen, auch wenn es insgesamt ein unsinnliches Setting bleibt.

Alberich demoliert das Labor und flüchtet mit den Forschungsergebnissen

Im „Rheingold“ werden die ersten Fährten für den Zyklus ausgelegt, der am kommenden Sonntag mit der „Götterdämmerung“ enden wird. Noch ist nicht erkennbar, ob dem Regisseur eher eine Gesellschaftsutopie oder eine Dystopie vorschwebt. Vermutlich aber letzteres. Was man bisher weiß: In der Schlüsselszene des ersten Bildes ist Alberich wie ein Versuchskaninchen mit einer Art Virtual-Reality-Brille in einem gläsernen Labor gefesselt. Die drei Rheintöchter betreuen ihn im weißen Kittel. Der halluzinierende Alberich dreht durch, demoliert das Labor und flüchtet mit dem Rheingold von Heute. Das moderne Gold sind die Forschungsergebnisse.

In der Staatsoper werden also keine Goldberge aufgeschichtet. Aber ein bisschen Wissenschafts-Retro wirkt das Ganze dennoch. Denn kurzzeitig fühlt man sich an die Götter in Weiß und mit Institutschef Wotan, den Bariton Michael Volle weise und dauergrantelnd aussingt, an Professor Brinkmann von der Schwarzwaldklinik erinnert. Die Telefone sind altmodisch, die Holztäfelungen ebenfalls. Der gierige Riese Fafner (Peter Rose) knallt seinen Bruder mit einer Pistole ab. Die beiden Riesen sind offenbar die Mafia mit einem Schlägertrupp in Anzügen hinter sich. Die gekidnappte Freia ist eine Handelsware.

Das Bemerkenswerteste findet beim „Ring“-Auftakt allerdings im Orchestergraben statt. Dort dirigiert Christian Thielemann anstelle des erkrankten Generalmusikdirektors Daniel Barenboim die Staatskapelle. Thielemann weiß das Premierenpublikum zu überraschen, gerade auch, weil er sich am Pult extrem zurücknimmt. Selten ist im „Rheingold“ das Orchester als ein so feinsinniger Begleiter der Sänger zu erleben, die an diesem Abend nicht gegen Klangmassen ansingen oder anschreien müssen, um ihre Partien auch mit großer Textverständlichkeit zu füllen.

Dirigent Christian Thielemann wird mit stehenden Ovationen bejubelt

Thielemann wird am Ende als einziger mit stehenden Ovationen bejubelt. Das kann man als Statement des Publikums für ein weiteres Engagement des Berliner Dirigenten an der Staatsoper deuten. Darüber hinaus lässt Thielemann die Musik genüsslich und mit einer gewissen Leichtigkeit auskosten. „Das Rheingold“ kommt mit zweidreiviertel Stunden Aufführungsdauer langsam daher. Aber falsches Pathos wird vermieden, es ist ein großartiger Abend mit einer streckenweisen Parlando-Leichtigkeit.

Startenor Rolando Villazón ist der Einzige, der am Sonntag beim Schlussbeifall einen Buhsturm einstecken muss. Er erträgt es mit Fröhlichkeit. Der Sänger hat auf gekonnte Weise den Loge, dem normalerweise auch etwas Mephistophelisches anhaftet, in einen verspielten Amor der Forscherwelt verwandelt. In einen Wotan-Begleiter, der glücklich darüber ist, gebraucht zu werden. Darüber hinaus geht Villazón die Wagner-Partie überraschend gut über die Lippen.

Für die gekidnappte Freia ist kurzfristig die lettische Sopranistin Vida Miknevičiūtė eingesprungen und überzeugt mit Stimmfrische und Gestaltungswillen. Andere Sänger tun sich manchmal damit schwerer. Natürlich ist „Das Rheingold“ eine Oper, in der die Götter- und Riesengesellschaft den halben Abend auf der Bühnen nebeneinander steht und nur ein oder zwei singen. Bei Tcherniakov dürfen die acht- bis zehn Figuren auch im Konferenzraum sitzen und ins Publikum singen.

Die Verwandlung in Riesenschlange und Kröte misslingt Alberich

Bariton Johannes Martin Kränzle kann beeindruckend den Alberich als einen Underdog zwischen Verzweiflung, Wut und Hybris darstellen, auch wenn ihm stimmlich die dunkle Grundierung fehlt. Die Verwandlung in Riesenschlange und Kröte misslingt Alberich, Psychiatriewärter schleppen ihn weg. Im Schlussbild trifft sich die Forschergesellschaft im Innenhof mit der Esche. Donner (Lauri Vasar) führt Zauberkunststücke mit Feuer vor. Aus einer bunten Blume entrollt sich symbolisch die Regenbogenbrücke, die zur neuen Burg mit Namen Walhall führt. Aber eine Burg ist nicht in Sicht. Die Rheintöchter beklagen derweil den Raub des Goldes. Fortsetzung folgt!