Tempodrom

Eine bunte Party der großstädtischen Mittelschicht

| Lesedauer: 6 Minuten
Matthias Nöther
In „Aurora’s Nap“ (Dornröschens Nickerchen) wird auf vergnügliche Art Tschaikowskis klassisches Handlungsballett persifliert.

In „Aurora’s Nap“ (Dornröschens Nickerchen) wird auf vergnügliche Art Tschaikowskis klassisches Handlungsballett persifliert.

Foto: © Stuttgarter Ballett

Das Stuttgarter Ballett zeigt drei Werke des schwedischen Choreographen Johan Inger im Berliner Tempodrom.

Vor großer Kulisse tanzt das berühmte Stuttgarter Ballett in Berlin. Die Deutsche Oper, die zur Zeit saniert wird, hat zu diesem Zweck drei Abende im Tempodrom organisiert. Die Stuttgarter dürfen dort unter dem Titel „Pure Bliss“ (Reines Glück) drei Werke des schwedischen Choreographen Johan Inger zeigen. Es ist humorvoll abgeklärtes Menschsein, das sich durch den Abend zieht. Und das will in einer so oft auf das Glatte, Ornamentale, Maskenhafte hinarbeitenden Kunstform wie dem klassischen Ballett schon etwas heißen.

Mit welchen nicht nur technischen Werkzeugen, sondern auch poetischen Grundgedanken Inger dies mit dem Stuttgarter Ballett hinbekommt, davon gibt gleich die erste Choreographie „Bliss“ eine sehr konkrete Idee. Vor dem akustischen Horizont der Klavieraufnahme von Keith Jarretts „Köln Concert“ sehen wir die Stuttgarter Kompanie in legeren Küchenparty-Klamotten.

Die Menschen halten sich immer Alternativen offen

Zunächst sind da diese zwei jungen Männer. Sie strahlen liberales großstädtisches Mittelmaß aus. Ihre Annäherung ist nett und zugewandt. Aber ihre tänzerische Beziehung hat nichts Unbedingtes, man scheint sich immer Alternativen offenzuhalten. Ähnliches passiert mit einem entsprechenden Frauenpaar, schnell wird das Ganze aber zu einer Präsentation des gesamten Ensembles.

Nicht nur in der Kleiderwahl ist das Ganze auf den ersten Blick völlig unkontrolliert bunt – gepflegte großstädtische Party der Mittelschicht auf engem, teuer gemietetem Raum vermutlich. Die Geschichte oder Botschaft wäre dann die mehr oder weniger zufällige Summe vieler vergnüglich vor sich Hinlebender – doch mithilfe der Kostümbildnerin Francesca Messori inszeniert Johan Inger tatsächlich bis ins Kleinste eine bestimmte Haltung zu Leben und Kunst.

Das legendäre Kölner Jazzkonzert von Jarrett aus dem Jahr 1975 legt Grundzüge dieser Haltung vor: Bekanntlich konnte man den zweitklassigen Konzertflügel damals im oberen Register nicht gebrauchen, und so fing Jarrett in der Mittel- und tiefen Lage erstmal mit einer kleinen Improvisation über hauptsächlich zwei Akkorde an. Und entsprechend sind die Möglichkeiten auf einer Küchenparty unseres individualistischen Zeitalters ja, wohlverstanden, auch nicht unbegrenzt, sondern enden für jeden Einzelnen da, wo der oder die Andere beginnt. Auch Jarrett war da musikalisch zunächst mal vorsichtig und ein bisschen unverbindlich.

Getanzte Stimmungswechsel wie auf der berühmten alten Jazzplatte

Auf der Ebene des Balletts ist der Abend schon in diesem frühen Stadium atemberaubend, auch wenn das tänzerische Handwerk hier noch nicht offensiv ausgestellt wird. Doch die in die beruhigende Stimmung der zwei Harmonien hineinblitzenden Klavier-Ornamente von der berühmten alten Jazzplatte finden sofort ihre Entsprechung: Die Aktionen der Tänzer greifen plötzlich und körperlich offensiv aus und kehren zurück ins unverbindliche Partygetue. Ja, man ist eben emotional bedürftig, auch wenn man das keinesfalls so zeigen darf, doch irgendwann kommts eben raus und dann umso heftiger.

Die individuellen Bedürfnisse sind dann doch gemeinsame – keine übergeordnete Botschaft, kein formuliertes gesellschaftliches Leitbild, gar eine Ideologie formt am Ende dann doch die Stuttgarter Formation in dem Stück „Bliss“ als Gruppe, sondern die Bedürfnisse der Einzelnen, die die Bedürfnisse Aller sind. So ekstatisch und wuchtig wie im weiteren Verlauf von Keith Jarretts „Köln Concert“ wird es bei Bliss in der Tempodrom-Manege nicht, doch die Möglichkeit dazu steht offen.

Das ganz in Schwarz-Weiß gehaltene Stück „Out of Breath“ (Außer Atem) setzt einen bewussten Gegensatz zu dieser Buntheit. Live begleitet von einem Streichquartett aus den Reihen des Orchesters der Deutschen Oper und dem klanglich in der Manege beeindruckend präsenten Violinsolisten Sebastian Klein vom Stuttgarter Staatsorchester, gibt man sich mit kleinen zwischenmenschlichen Partyerfolgen nicht zufrieden. Es geht nicht um angenehme Bekanntschaften, sondern um Leben und Tod. Mit der Solistin Agnes Su im Mittelpunkt versuchen die sechs Tänzerinnen und Tänzer ein augenscheinlich mit menschlicher Technik hergestelltes, aber wie in einem Sumpf schief versunkenes wendeltreppenartiges Gebilde zu erklimmen. Der Tanz ist jetzt artifizieller, abstrakter – auch deutlicher nach Lebenssinn und Herrschaft greifend.

Die Choreographie zeigt den Weltrang des Stuttgarter Balletts

Der Weltrang des Stuttgarter Balletts zeigt sich in dieser Choreographie sehr offen. Auch zeigt sich der Anspruch des Choreographen Inger, modern und relevant zu sein, wenn das Korsett klassischen Tanzes zeitweise in sich zusammenzufallen und in der Alltäglichkeit hektischer Bewegungen zu verglimmen scheint: in dem Moment nämlich, in welchem der unbedingte Wille, das Gebilde auf der Bühne auch wirklich zu erzwingen, zum Überlebenskampf der Protagonisten wird.

Die abschließende Uraufführung des Abends wiederum ist sehr bunt, denn sie persifliert unter dem Titel „Aurora’s Nap“ (Dornröschens Nickerchen) auf meisterhafte und vergnügliche Art das klassische Handlungsballett zur Musik von Tschaikowski, dargeboten vom bestens motivierten Orchester der Deutschen Oper unter Leitung von Wolfgang Heinz. Romantische Inszenierungen von Spitzentanz mögen etwas fürs Bolschoitheater oder fürs Museum sein und sind ein gefundenes Fressen für die moderne Märchenparodie, wie sie hier mit einer wenig märchenhaften Hüpfburg am Horizont des Tempodroms vonstatten geht.

Aber das Geschehen zeigt auch die Zeitlosigkeit der alten Techniken, wenn Johan Inger sein grandioses Stuttgarter Ensemble mitsamt dieser Techniken in seinen eigenen hemdsärmligen Slapstickhumor einbindet. In der melancholisch gebrochenen Romantik eines finalen Pas de deux von Dornröschen und Prinz in Gestalt der Stuttgarter Stars Elisa Badenes und Friedemann Vogel zeigt sich schließlich doch, wie ernst es dem Choreographen Inger damit ist, klassischen Tanz in der Gegenwart zu verankern.