Staatsoper

Christian Thielemann: „Das Leben ist manchmal bunt“

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Volker Blech
Christian Thielemann bei der Staatskapelle Berlin.

Christian Thielemann bei der Staatskapelle Berlin.

Foto: Jakob Tillmann

Stardirigent Christian Thielemann bereitet auf Wunsch von Daniel Barenboim den „Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper vor. Ein Gespräch.

Im Sitzungssaal der Staatsoper Unter den Linden hängt eine große Wand voller Bilder und Fotos mit den Intendanten und Musikchefs seit 1740. Die Bilder sind in Schwarz-weiß, denn nur die bereits Verstorbenen werden aufgehängt. Im Sitzungssaal empfängt am Donnerstag der amtierende Intendant Matthias Schulz, der im Herbst 2024 von Elisabeth Sobotka abgelöst wird. Der langjährige Generalmusikdirektor Daniel Barenboim ist seit einiger Zeit erkrankt. Und es scheint sich noch hinzuziehen. Auch deshalb warten wir im Sitzungssaal auf den Stardirigenten Christian Thielemann.

Daniel Barenboim selbst hatte Christian Thielemann angerufen. Zum Saisonauftakt soll Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ an vier Abenden innerhalb einer Woche jeweils als Premiere auf die Bühne kommen. Am 2. Oktober geht es mit der Premiere vom „Rheingold“ los. Wagners „Ring des Nibelungen“ war ursprünglich das Großprojekt oder auch Geschenk zum 80. Geburtstag von Daniel Barenboim, der am 15. November gefeiert wird. Für Barenboim übernehmen jetzt Christian Thielemann und Thomas Guggeis (29) die Leitung der drei im Oktober und November geplanten Zyklen von Wagners vierteiligem Werk.

„Das Leben ist manchmal bunt“, sagt Thielemann und meint damit: überraschend. Erst im Juni gab der 63-Jährige sein Debüt am Pult der Staatskapelle. Er war kurzfristig für den verletzten Herbert Blomstedt (95) eingesprungen und hatte unter anderem Wagners „Tristan“-Vorspiel dirigiert. „In Bayreuth bekam ich um Viertel vor Eins eine SMS“, erzählt Thielemann. Tags darauf sei er losgefahren. Bruckners Siebte stand als Hauptwerk in der Philharmonie auf dem Programm. „Ich kenne drei oder vier Musiker aus Bayreuth. Wir haben uns sofort verstanden. Das Orchester ist formidabel. Darauf konnten wir jetzt aufbauen.“

Eine Zeit mit wenig Alkohol, viel Schlaf und etwas Leckerem wie ein Gebäck

Jetzt geht es in die Endproben für den „Ring“. Vier Premieren in einer Woche. Thielemann erklärt, wie man diesen ungewöhnlichen Kraftakt bewältigt. „Wenig Alkohol, genug Schlaf, genügend Wasser und mal etwas Leckeres wie ein Gebäck. Und vor allem muss man fokussiert sein. Man muss seine Kräfte da einsetzen, wo es nötig ist.“ Und dann fügt er noch hinzu: „Ich habe das Glück, ich kenne das Stück ganz gut.“ Es folgt ein breites Lächeln des weltbekannten Wagner-Spezialisten.

Mit Barenboim spräche er jeden Tag, sagt Thielemann. „Ich habe vorhin mit ihm telefoniert. Ich werde ihn am Sonntag besuchen. Ich berichte ihm immer von den Proben. Ich sage ihm: Wir haben das im Griff. Er sagt dann: Wenn er das höre, dann sei es Medizin für ihn.“ Thielemann will in diesem Gespräch immer wieder seine Nähe zu Barenboim hervorheben. „Künstlerisch sind wir uns auf eine manchmal unheimliche Weise sehr einig“, sagt Thielemann. Und sein Blick sucht nach dem Foto von Wilhelm Furtwängler an der Ahnenwand. Thielemann wie Barenboim sehen sich schon in dessen Tradition.

In Berlin war Christian Thielemann bereits einmal Generalmusikdirektor. 1997 erhielt der gebürtige West-Berliner einen Ruf an die Deutsche Oper in Charlottenburg. Manch einer wird sich noch an die kulturpolitischen Querelen der Zeit erinnern. Diese wilden Jahre nennt Thielemann jetzt die „Opernverteilungsdiskussion“, in der alle überfordert waren. Am Ende der Diskussionen oder Streitigkeiten wurden 2004 die drei Opernhäuser in eine gemeinsame Stiftung überführt. Thielemann hatte seinen Vertrag gekündigt.

Thielemann und Barenboim: Spannungen sind kein Thema mehr

Dass es in dieser Zeit auch Spannungen zwischen ihm und Barenboim gab, ist inzwischen kein Thema mehr. Thielemann betont die Gemeinsamkeiten und auch seine Dankbarkeit. „Wir kennen uns seit 42 Jahren von der Deutschen Oper her“, sagt Thielemann. „Ich war beim ,Tristan’ sein Korrepetitor. Er hat mich dann mitgenommen nach Bayreuth und Paris. Wir haben sehr viel miteinander zu tun gehabt. Ohne Barenboim wäre ich als Assistent gar nicht in Bayreuth gelandet.“

Aber manchmal verliere man sich ein bisschen aus den Augen, fügt er hinzu. „Der Beruf ist eben so. Aber wir hatten über Jahre hinweg immer wieder einen regen Austausch. Ich bin oft hierher eingeladen worden. Mit Daniel habe ich mich aber meist woanders getroffen. Im München im Hotel oder in Hamburg. Ich kann gar nicht sagen, wo wir uns überall gesehen haben. Er sagte immer: Wann kommst Du und dirigierst meine Kapelle? Es hat nie so richtig hingehauen, denn mein Kalender ist ja auch voll.“

Die designierte Intendantin Elisabeth Sobotka hat Thielemann getroffen

Thielemann war 2004 Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker geworden und hatte 2012 die Dresdner Staatskapelle übernommen. Zugleich wurde er der prägendste Wagner-Dirigent bei den Bayreuther Festspielen. Beide Positionen musste Thielemann inzwischen aufgeben. Ob er sich vorstellen könne, wieder eine feste Position anzunehmen? „Das käme auf die Situation an“, sagt er knapp. Weitere Pläne für die Staatsoper? „Es ist ein Haus, in das man sehr gerne wiederkommen würde.“

Frau Sobotka habe er einmal kurz getroffen, sagt der Dirigent. „Aber die Situation ist so, nachdem bekannt wurde, dass Dresden dem Ende entgegen geht, bekam ich sofort viele Anrufe.“ Viel Amerika steht demnach auf dem Plan. Und dennoch: Thielemann schwärmt geradezu von der Berliner Staatskapelle als „ein erfahrenes, biegsames Orchester vor, das musikalisch sehr auf meiner Linie liegt“.