Berliner Ensemble

Gegen den Fanatismus: Ein Abend zu Ehren von Salman Rushdie

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Eva Menasse und Deniz Yücel, Sprecher des PEN Berlin.

Eva Menasse und Deniz Yücel, Sprecher des PEN Berlin.

Foto: Christoph Soeder / picture alliance/dpa

Mitglieder des neu gegründeten PEN Berlin trugen am Berliner Ensemble Texte des britisch-indischen Schriftstellers vor.

Es war ein so kurzfristig angesetzter wie wichtiger Abend. Die Belegschaft des Berliner Ensembles war gerade erst aus der Sommerpause zurückgekehrt, als die Anfrage der jüngst gegründeten Schriftstellervereinigung PEN Berlin eintraf, ob man nicht eine Lesung mit Texten des indisch-britischen Schriftstellers Salman Rushdie am Schiffbauerdamm veranstalten könne. Auf Rushdie war am 12. August während eines Vortrags in Chautauqua (US-Bundesstaat New York) ein Anschlag von einem schiitischen Extremisten verübt worden, der ihn mit mehreren Messerstichen an Hals, Gesicht, Leber und Arm verletzt hatte. In den Stellungnahmen regierungsnaher iranischer Medien, in denen die Tat begrüßt und Rushdie als „Satan auf dem Weg zur Hölle“ beschimpft wurde, machte sich fast im Wortlaut die vom iranischen Staatschef Chomeini 1989 geprägte Rhetorik bemerkbar, als Rushdie mittels einer Fatwa zum Tode verurteilt worden war.

Salman Rushdie: Gläubige Muslime an seiner Seite

Zwingend daher, dass PEN-Sprecherin Eva Menasse den Abend mit einem wegweisenden Text Rushdies über Literatur und Zensur eröffnete. „Sie werden sogar Leute finden“, hieß es in seiner „Arthur Miller Lecture“ aus dem Jahr 2012, „die das Argument vorbringen, Zensur sei gut für Künstler, weil sie ihre Fantasie herausfordere. Das ist so, als sagte man, wenn man einem Menschen die Arme abhackt, kann er dafür gefeiert werden, dass er mit dem Stift zwischen den Zähnen zu schreiben gelernt hat.“ Günter Wallraff, der den verfolgten Schriftsteller 1993 beherbergt hatte, las einen Auszug aus Rushdies 2012 veröffentlichter Autobiografie „Joseph Anton“ vor, in der die staatlichen Repressionen gegen Rushdie in der Forderung spürbar wurden, er möge sich bei den Muslimen entschuldigen, die er mit seinem Roman „Die Satanischen Verse“ verletzt habe. Die Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş und der Journalist Eren Güvercin trugen Rushdies Texte mit dem Hinweis vor, hier als gläubige Muslime auf der Bühne zu stehen – und beugten damit dem fatalen Missverständnis vor, der Attentäter könnte im Namen einer Weltreligion gehandelt haben. Spürbar wurde vor allem die zarte Schönheit der Prosa Rushdies – das wohl stärkste Argument gegen Fanatismus und Gewalt.