Uraufführung

Berliner Ensemble: An der Grenze zwischen Traum und Realität

| Lesedauer: 3 Minuten
Ansagen im Großen Haus: Bertolt Brecht (Martin Rentzsch).

Ansagen im Großen Haus: Bertolt Brecht (Martin Rentzsch).

Foto: Raum + Zeit

Mit und ohne VR-Brille durch das Leben der Künstlerin Ruth Berlau: Bernhard Mikeskas Installation „Berlau :: Königreich der Geister“

Erinnerungen und Träume sind einander darin ähnlich, dass sie sich nicht um erzählerische Logik scheren. Man schlägt die Augen auf und findet sich in einem kleinen Raum auf einem Stuhl wieder, die Wände drängen von beiden Seiten heran. Wie ist man hierhin gekommen, wo ist man? Und wann?

Offenbar ist es die Garderobe eines Theaters: Aus einem unsichtbaren Lautsprecher drängelt die Stimme des Inspizienten (Peter Luppa) und zählt den Countdown für den „Kaukasischen Kreidekreis“. Wird man gesucht, gebraucht, erwartet? Einen Wimpernschlag später hält Bertolt Brecht (Martin Rentzsch) im Großen Haus des Berliner Ensembles Vorträge genau darüber – und gibt doch keine Antworten. Mal erscheint er in der Loge, dann direkt auf dem Nachbarsitz. Alles wird schwarz, bevor man wieder in der kleinen Kammer erwacht, nun allein in Gegenwart der leibhaftigen Ruth Berlau (Susanne Wolff, Amelie Willberg und Esther Hausmann) – sie flirtet und antichambriert hinreißend, sie oszilliert zwischen Hoffnung und Absturz. Sie erlischt in tiefster Traurigkeit.

Vor dem Besuch dieses sicher ungewöhnlichsten und intensivsten Theaterabends der laufenden Spielzeit sind einige Informationen wichtig, während andere vieles verderben können. Dass die dänische Kommunistin Ruth Berlau Bertolt Brecht in seinem dänischen Exil 1933 kennenlernte und umwarb, ihm künstlerisch und als Geliebte eng verbunden war, dass sie ihm und seiner Familie in die USA und später nach Ost-Berlin folgte, ein Kind von ihm bekam und nach neun Tagen wieder verlor, dass sie als Fotografin, Regisseurin und Schriftstellerin eine hochproduktive Künstlerin, zugleich aber eine zerbrechliche, am Ende zerbrochene Persönlichkeit war und am 15. Januar 1974 in der Charité verbrannte, nachdem ihr Bett durch eine Zigarette Feuer gefangen hatte: Das alles sollte wissen, wer sich auf diesen Parcours im Neuen Haus des Berliner Ensembles begibt.

Womit wir bei den eher heiklen Informationen wären, bei der Spoilergefahr. Sie liegt hier in der Form. Regisseur Bernhard Mikeska vom deutsch-schweizerischen Kollektiv Raum+Zeit hat sich auf szenische Installationen spezialisiert, in denen die Grenzen zwischen virtueller und analoger Realität gezielt verwischt werden. Die Zuschauerinnen und Zuschauer, die einzeln durch den 65-minütigen Abend geführt werden, tragen zeitweise VR-Brillen, dann wieder finden sie sich in realen Spielsituationen wieder, die man schon wegen der räumlichen Nähe zu diesen herausragenden Darstellerinnen umwerfend nennen muss. Die Verunsicherung über die eigene Rolle und die Reichweite der Interaktion sind Teil der Erfahrung, die am Ende ein künstlerisch stimmiges Ganzes ergibt – und an die man nur die Frage richten möchte, ob sie Ruth Berlaus Leben nicht zu ausschließlich als einzig auf Bertolt Brecht fixierte Liebesgeschichte liest. Als solche aber ist sie, das grandiose Finale eingeschlossen, sehr ergreifend und im besten Sinne verstörend.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Karten und Termine unter berliner-ensemble.de