Dantes „Göttliche Komödie“ gehört in Italien zum allgemeinen Bildungsgut wie hierzulande Goethes „Faust“. Wer auf einem Bildnis Faust und Mephisto entdeckt, weiß meist sofort, welcher Pakt die beiden miteinander verbindet, und kann sogar einzelne Szenen der Tragödie zuordnen. Wer hingegen in der neuen Ausstellung „Höllenschwarz und Sternenlicht“ des Kupferstichkabinetts auf Sandro Botticellis hauchzarte Zeichnung „Dante und Vergil im fünften Ring des Purgatoriums“ von 1492/1495 schaut, muss wahrscheinlich erst einmal nachschlagen. Botticellis Renaissancebild, das die im Leben Geizigen und Verschwender büßend auf dem Bauch liegend zeigt, ist auf jeden Fall der kostbare Dreh- und Angelpunkt der feinsinnigen Schau am Kulturforum.

Wie populär der vermutlich 1265 in Florenz geborene, dem niederen Adel angehörende Dichter und Philosoph Dante Alighieri heute noch in Italien ist, offenbarte sich während der vergleichsweise harten Corona-Lockdowns in den aufmunternden Parolen der Medien. Ein Mutmacher lautete: Wir werden bald wieder draußen sein, um die Sterne zu sehen! Das ist eine Anspielung auf den 34. Gesang in Dantes Inferno. Dante und sein Führer Vergil kehren an die Erdoberfläche zurück, nachdem sie die neun Kreise der Hölle durchquert hatten. Endlich können sie den Sternenhimmel wieder erblicken. Dante selbst hatte das Leben eines Exilanten führen müssen, weil er in seiner Heimatstadt den kaiserfreundlichen Guelfen angehörte. Als die den Papst unterstützenden Ghibellinen die Macht in Florenz übernahmen, wurde Dante verbannt. Bis zu seinem Tod am 14. September 1321 in Ravenna war er auf Wanderschaft. In der „Göttlichen Komödie“ wird die Reise des Dichters durch die drei Teile Hölle, Fegefeuer und Paradies beschrieben.

Künstler und Geistesgrößen haben Dante erforscht

In Berlin wird jetzt die wegen der Pandemie leicht verspätete Jubiläumsausstellung zum 700. Todestag eröffnet. Das Kupferstichkabinett versteht sich nach wie vor als eine Art „Dante-Museum“, nachdem 1882 der Botticelli-Zyklus zu Dantes Meisterwerk erworben werden konnte. Es hatte einiges ausgelöst. Wie bei Goethes „Faust“ haben sich seit Jahrhunderten Künstler und Geistesgrößen an Dantes „Göttlicher Komödie“ abgearbeitet. Einige dieser künstlerischen Auseinandersetzungen präsentieren Direktorin Dagmar Korbacher und Kurator Andreas Schalhorn in ihrer stimmigen Ausstellung mit dem Untertitel „Dantes Göttliche Komödie in Moderne und Gegenwart“.

Die Gegenwart fällt einem sofort ins Auge, weil sie gar nicht erst versucht, künstlerisch leise daherzukommen, sondern sich bunt und auch politisch plakativ zu Wort meldet. Der in Berlin lebende Künstler Andreas Siekmann hat die Botticelli-Vorlagen in seinen am Computer gezeichneten Digitaldruck „Die Exklusive. Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten“ eingearbeitet. Wie eingeritzt erscheinen Botticellis Dante- und Vergil-Umrisse in den neuen Konstellationen von Inferno und Paradies. Siekmann konfrontiert Szenen von Kreuzfahrtschiffen mit Flüchtlingskuttern im Mittelmeer, thematisiert Ausgrenzung in vermeintlichen Idyllen, setzt Raubbau gegen falsche Romantik.

Der Weg einmal durch die Hölle und zurück ist politisch konkret verortet. Im Zyklus „Dresden“ hat Siekmann in ein Bild ein Plakat des Bundesgrenzschutzes eingearbeitet, das die Taxifahrer warnt, sich mit Schleppern und Schleusern einzulassen. Der Ausstellung beigelegte Informationsblätter erinnern etwa an die Geschichte Ende der 1990er-Jahre, als ein Taxifahrer vom Amtsgericht Löbau-Zittau wegen „Einschleusens von Ausländern“ zu einer Gefängnishaft ohne Bewährung verurteilt wurde. Botticelli und Siekmann führen im Zentrum der Ausstellung auf Stellwänden in die diesseitige Hölle. Die jenseitige findet drumherum an den Raumwänden statt, denn dort wird die „Göttliche Komödie“ in Linol- und Holzschnitten und mit hilfreichen Erklärungen einmal durcherzählt. Die Bilder sind raffiniert gehängt und erinnern an eine Art Melodie.

Klaus Wrages Holzschnitte gingen im Krieg verloren

Es war ein völlig unerwarteter Fund, so stellt es Andreas Schalhorn dar. Ein spanischer Kunsthändler hatte das Kupferstichkabinett angerufen und auf die Holzschnitte von Klaus Wrage (1891–1984), die sich in den 1920er-Jahren mit Dante auseinandersetzten, aufmerksam gemacht. Sie trugen den Stempel des Kupferstichkabinetts. Die Kriegsbeute war längst vergessen, aber bei einem italienischen Sammlererben aufgetaucht. Gemeinsam mit den Linolschnitten der dänischen Künstlerin Ebba Holm (1889–1967) bilden die beiden Zyklen jetzt den Rahmen für die Ausstellung.

Der Kurator hat sie mit Dante-Interpretationen von Künstlern wie Johann Anton Ramboux, Bonaventura Genelli, Eugène Delacroix, Max Klinger oder Wilhelm Lehmbruck kombiniert.

Die Schau läuft bis zum 8. Mai 2022.