Berliner Ensemble

Atemberaubend intensiv: Cordelia Wege inszeniert „Amok“

| Lesedauer: 6 Minuten
Eingehängt und verstrickt: Cordelia Wege in dem von ihr entworfenen Gestell.

Eingehängt und verstrickt: Cordelia Wege in dem von ihr entworfenen Gestell.

Foto: Matthias Horn

Im Netz der Seelenqualen: Cordelia Weges schonungsloser Abend nach Novellen von Stefan Zweig

Womit mag man es assoziieren, das vielleicht drei Meter hohe Gestell aus Stahl, das im Großen Haus des Berliner Ensembles so drohend vor schwarzem Vorhang auf der Vorderbühne steht? Vielleicht mit der Schiffskabine, die dem Ich-Erzähler in Stefan Zweigs 1922 erschienener Novelle „Der Amokläufer“ auf dem Überseedampfer „Oceania“ zugewiesen wird – „ein kleiner gepresster, rechteckiger Winkel in der Nähe der Dampfmaschine“, wie wir lesen, „einzig vom trüben Blick der kreisrunden Glasscheibe erhellt“? Oder mag man den bleiernen Sarg darin erkennen, der auf demselben Schiff von Kalkutta in Richtung Neapel unterwegs ist?

Eine Schauspielerin wird vertäut

Aber noch ist das Bild ja nicht vollständig. Cordelia Wege betritt die Bühne, wendet sich dem Publikum zu und wartet ruhig ab, während Bühnenarbeiter von links und rechts mit Leitern kommen, Seile am Gestell befestigen und sie schließlich darin an der Hüfte, an Hand- und Fußgelenken vertäuen. Sie hängt freischwebend darin, vom Scheinwerferlicht gleißend erhellt – Leonardo da Vincis „Proportionsstudie nach Vitruv“ erscheint vor dem geistigen Auge, aber natürlich auch weit Schlimmeres, Foltersituationen, Vierteilungen, Kreuzigungen. Bis klar wird, dass sich die Schauspielerin in dieser Konstruktion auch bewegen kann: Die Seile an Händen und Füßen sind elastisch und erlauben in gewissen Grenzen auch Gestik, Abwehrhaltungen, Dynamik, Körpersprache. Die enorme Anstrengung, die all dies verursacht, ist einkalkuliert.

Mit volltönender und emotional enorm nuancierungsfähiger Stimme beginnt Cordelia Wege Wortkaskaden zu skandieren und damit die Atmosphäre der Geschichte zu umreißen, die diesem Abend die wesentliche Inspiration gibt. Ja, „Amok“ ist eine Novellensammlung, erschienen 1922, und aus den darin versammelten Erzählungen werden hier immer wieder Anleihen auftauchen. Aber im Zentrum steht der titelgebende „Amokläufer“ – und zwar nicht werkgetreu nacherzählt, sondern auf seine wesentlichen Motive reduziert und zugleich um eine spannende, zeitgemäße Neudeutung erweitert.

Der Kurzschluss zwischen zwei Menschen

Es ist die in die Rahmenhandlung einer Meeresüberquerung eingebettete Geschichte eines Arztes, der viele Jahre lang in einem abgelegenen Ort in Indonesien gearbeitet hat. Eines Tages erhält er überraschend Besuch von einer offensichtlich wohlhabenden Frau, der „ersten weißen Frau seit Jahren“, wie er fasziniert bemerkt. Er erlebt sie als kühl, kalkulierend und herablassend, umso mehr, als ihr Interesse zutage tritt: Sie ist schwanger, will eine Abtreibung und ist auch bereit, ihm eine erhebliche Geldsumme dafür zu bezahlen, die ihm die Rückreise nach Europa erlauben würde. Der Arzt sieht sich als käuflicher Lakai behandelt und seine Ehre mit Füßen getreten – und reagiert im wachsenden, sich schnell zur Raserei steigernden Zorn darüber mit einer lupenreinen Retourkutsche: Er verlangt für die Abtreibung eine Liebesnacht, was die Frau entschieden ablehnt.

Es begegnen sich zwei Menschen, die einander vorher nicht oder nur vom Hörensagen kannten, ein heftiger Kurzschluss entsteht, sie stoßen sich brüsk wieder ab: Das ist die Ausgangslage, aus der sich am Ende eine Katastrophe mit drei Toten entwickeln wird. Zweig verbleibt dabei in der Perspektive seiner Erzählerfigur, die man aufgrund des Wahns, dem sie verfällt, auch wegen der Zerrbilder, die sie sich von anderen Menschen entwirft, hochgradig unzuverlässig nennen muss. Cordelia Weges kluge Pointe besteht hier darin, diesem Spiegelkabinett männlichen Irrsinns in schnellen Schnitten die Sicht der Frau entgegenzusetzen, sie zur Stimme zu bringen – in ihrer Verzweiflung über ein Kind, das sie nicht bekommen will, vor allem aber in ihrer Ohnmacht über ein Hilfsangebot, das sich an unzumutbare Bedingungen knüpft.

Ein Duell der Selbstgespräche

„Ich bin ein menschliches Wesen!“, lässt sie beide ausrufen, und es hat nicht den kleinsten pathetischen Beiklang: Es rührt am Wesentlichen. In diesen hochintensiven, wie elektrisch aufgeladenen 75 Minuten, die Samuel Wiese mit hypnotischen Synthiesounds unterlegt, entsteht so ein Duell der inneren Monologe – Projektionen und Missverständnisse werden sichtbar, vor allem aber emotionale Triebkräfte: Sehnsüchte, Ängste, Herrschaftsfantasien, Scham, Verachtung, Freude, auch und immer wieder Ehrfurcht vor der Schönheit der Welt.

Vor zwei Jahren konnte man in Sebastian Hartmanns Inszenierung „Lear/Die Politiker“ erleben, wie Cordelia Wege im furiosen Schlussmonolog die große Bühne des Deutschen Theaters mit ihrem Charisma und ihrer enormen Ausdrucksvielfalt im Alleingang ausfüllte – in dieser akrobatischen, schmerzhaften Reise durch die menschliche Seele gelingt es ihr erneut. Dass ihr die Mitarbeiter dabei hin und wieder mit einer Leiter aushelfen müssen, wenn es zu hart wird, steigert nur den Respekt vor der Leistung, deren Zeuge man hier ist.

Ein Abschiedsblick ins brasilianische Exil

Am Ende des Abends stehen Auslöschungsfantasien. Gestell und Schauspielerin werden mit einer Seilwinde langsam nach links auf die Seite gelegt, grelle Neonröhren verstrahlen schmerzhaft helles Licht. Cordelia Wege, jetzt noch mit weiteren Sicherungsseilen in der Apparatur verstrickt, spricht vom Vergehen, Versinken und Verwelken, vom fliehenden Licht und von der kommenden Dunkelheit. In dieser Montage aus Wörtern, Zitaten und Gedankenblitzen erscheint Stefan Zweig in seinem brasilianischen Exil, ein heimatloser Dichter in der schwülen Fremde. Gegenwartsnäher und mitreißender kann man seine feinnervigen Texte nicht auf die Bühne bringen. Lange anhaltender und verdienter Applaus für das gesamte Team, für eine schauspielerische Ausnahmeleistung – und für eine neu entdeckte Regisseurin.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Weitere Vorstellungen: 5., 19.9. und 3.10., jeweils 19.30 Uhr. Informationen zu Tickets und Buchung unter www.berliner-ensemble.de