Der Bruder ist der Ältere. Wenn auch nur um zwei Minuten. Lisa (Nina Hoss) und Sven (Lars Eidinger) sind Zwillinge. Doch der Bruder ist der Star, am Theater, als Schauspieler, während ihre Erfolge dort als Autorin schon länger her sind und sie unter einer Schreibblockade leidet. Doch nun ist sie es, die sich um den großen Bruder kümmert. Denn der ist krebskrank.

Gleich anfangs sieht man die Schwester, wie sie Knochenmark für ihn spendet. Dann fährt sie mit ihm nach der Entlassung aus dem Krankenhaus direkt in die Berliner Schaubühne. Denn Sven ist ein Bühnentier. Will sofort wieder spielen. Und erkennt bestürzt, dass sein Regisseur seine Paraderolle gerade mit einem anderen einstudiert.

Bringt viel von seiner eigenen Persona mit hinein: Lars Eidinger spielt einen Schauspieler, der wie er in der Schaubühne den Hamlet spielt - mit seiner Krone.
Bringt viel von seiner eigenen Persona mit hinein: Lars Eidinger spielt einen Schauspieler, der wie er in der Schaubühne den Hamlet spielt - mit seiner Krone. © Weltkino

Dann fährt Lisa mit Sven in seine Wohnung. Dort wartet die Mutter (Marthe Keller), die sich um Sven kümmern will, aber damit heillos überfordert ist. Kurzerhand entschließt sich Lisa, Sven mit zu sich in die Schweiz zu nehmen. Dort leitet ihr Mann Martin (Jens Albinus) ein Luxusinternat und spricht zu den Eltern seiner Zöglinge weihevolle Worte vom „Heim“-Gefühl und von einer „großen Familie“.

Vom Gast im eigenen Haus ist er dagegen wenig erbaut. Seine Frau, findet er, vernachlässigt darüber die beiden Kinder. Und dann würde er gern seinen Vertrag in der Schweiz verlängern, während Lisa unbedingt nach Berlin zurück will. Konflikte, die schon länger schwelen und nun offen ausbrechen.

Erste Zusammenarbeit auf Augenhöhe

„Schwesterlein“ ist nicht nur ein Krebsdrama, sondern auch ein Film übers Theater – und ein Diskurs über Familienwerte. Und vor allem ein sehr persönlicher Film, weil seine beiden Hauptdarsteller dabei viel von sich preisgeben. Vor allem Lars Eidinger. Sein Sven wohnt in seinem Kiez, spielt an seiner Bühne, spielt seinen „Hamlet“, trägt seine Hamlet-Krone. Und dann sind ­Nina Hoss und Lars Eidinger zwar keine Zwillinge, aber doch Seelenverwandte, die sich schon seit einem Vierteljahrhundert kennen.

Sie haben zusammen an der Ernst-Busch-Schule studiert, auch Nina Hoss ist im Ensemble der Schaubühne. Und doch haben die beiden noch nie miteinander gespielt. Nur in einem einzigen Film, „Fenster zum Sommer“, mit Eidinger in einer Nebenrolle. Nun sind sie beide in Hauptrollen und gleich als Geschwister zu erleben. Und Thomas Ostermeier, ihr Intendant an der Schaubühne, spielt den Schaubühnen-Intendanten, und zwar als ziemlich berechnendes Arschloch. In einem Drama, das an die Nieren geht.

Mehr und mehr gerät Lisas Ehe mit Martin (Jens Albinus) in die Krise.
Mehr und mehr gerät Lisas Ehe mit Martin (Jens Albinus) in die Krise. © Weltkino

Die Schweizer Bühnenschauspielerinnen und Filmregisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond sind zwar keine Schwesterlein, aber ebenfalls Seelenverwandte, die ihre Filme stets zusammen konzipieren. Im jüngsten Werk werfen sie einen Blick aufs eigene Metier.

Besetzungscoup beim Geschenke-Shoppen

Die Spitzenbesetzung kam dabei ganz zufällig zustande. Sie waren während einer Berlinale Geschenke kaufen, als sie auf Nina Hoss trafen und sie spontan ansprachen. Mutig sprachen sie auch noch Lars Eidinger an, und den überredeten sie sogar, viel von seiner Persona mit in die Rolle hineinzunehmen.

Nur kurz haben die Hauptdarsteller gezögert, ob dieser doppelte Boden heikel sein könnte. Doch das Spiel mit den Ebenen verleiht „Schwesterlein“ eine besondere Tiefe. Und das empfindet man als Zuschauer fast schmerzlich. Wobei der Fokus erst auf dem Brüderlein liegt, der immer alles gegeben hat und nun nicht mehr alles geben kann. Immer mehr aber verlagert sich das Gewicht dann auf die Schwester, die, je schwächer er wird, desto mehr über sich hinauswächst. Und sich dabei ganz zurücknimmt.

Am Ende unternimmt sie einen allerletzten Liebesbeweis. Weil keiner den Bruder mehr besetzen mag, will sie einen Monolog für ihn schreiben. Auch er vollbringt einen Liebesbeweis. Denn das Letzte, was er für sie tun kann, ist, sie wieder zum Schreiben zu bringen. Allein diese Szene ist herzzerreißend.

Drama CH 2020, 101 min., von Véronique Reymond und Stéphanie Chuat, mit Nina Hoss, Lars Eidinger, Marthe Keller, Jens Albinus