Star-Interview

Nina Hoss: „Das sind Momente, die bleiben dir“

Lange schien es still um die Berliner Schauspielerin Nina Hoss. Doch nun meldet sie sich mit gleich mehreren Filmen zurück. Ein Treffen

„Ich musste bei der Schaubühne mal Pause machen“, sagt Nina Hoss. „Ich hätte sonst all die Projekte, die bei mir angeklopft haben, nicht machen können.

„Ich musste bei der Schaubühne mal Pause machen“, sagt Nina Hoss. „Ich hätte sonst all die Projekte, die bei mir angeklopft haben, nicht machen können.

Foto: imago stock

„Montauk“ hatte vor zwei Jahren Premiere auf der Berlinale. Seither gab es keinen neuen Film mehr mit Nina Hoss. Sie ist auch nicht mehr fest im Ensemble der Schaubühne. Brauchte die rastlose Schauspielerin eine Pause? Im Gegenteil. Sie hat permanent gedreht. Zwei Filme starten jetzt sogar recht kurz hintereinander: „Das Vorspiel“ am 23. Januar und „Pelikanblut“ am 23. April. Auch für ein Interview war kaum Zeit: Die 44.-Jährige ist gerade auf Werbetour für „Das Vorspiel“. Wir trafen uns deshalb im Restaurant des Hamburger Bahnhofs. Sie kam mit Rollkoffer, weil sie gleich zum Hauptbahnhof auf den Zug musste.

Berliner Morgenpost: Frau Hoss, zwei Jahre lang gab es keinen Film mehr mit Ihnen, Sie spielen auch nicht mehr an der Schaubühne. Brauchten Sie eine Auszeit?

Nina Hoss: (lacht) Im Gegenteil. Ich habe so viel gedreht. Erst „Pelikanblut“, gleich danach „Das Vorspiel“, dann „Schwesterlein“ mit Lars Eidinger. Und mehrere internationale Produktionen, eine Folge der Serie „Criminal“, dann die Serie „Shadowplay“. Und „Violence in Action“ in Rumänien mit Chris Pine . Ich bin von einer Produktion zur nächsten gehetzt. Von Auszeit kann also keine Rede sein. Im Gegenteil, ich musste Thomas Ostermeier sagen, dass ich mal Pause machen muss. Ich hätte sonst all die tollen Projekte, die da bei mir angeklopft haben, nicht machen können. Und ich wäre dem Theater nicht gerecht geworden.

Eine Pause heißt aber, Sie kommen auch wieder zurück an die Schaubühne?

So sind wir verblieben. Aber wie lange die Pause geht, vermag ich nicht zu sagen. Wir haben erst mal zwei Jahre vereinbart, aber ich ahne schon, dass das nicht reichen wird.

Jetzt starten zwei Filme relativ kurz nacheinander. Ist das unglücklich?

Das hat man halt nicht in der Hand. Natürlich wäre es für alle besser, wenn das nicht so geballt käme. Andererseits sind die Filme so unterschiedlich, dass sie sich wirklich nicht in die Quere kommen. Hoffe ich zumindest. Es ist momentan schwierig genug, Zuschauer ins Kino zu kriegen.

In beiden Filmen spielen Sie eine Mutter. Einmal eine Musiklehrerin, die über ihren Beruf ihr Kind vernachlässigt, einmal eine Pferdetrainerin, die für ihr Kind alles tut und sogar den Beruf opfert. Sind die Filme nicht doch wie ein Spiegel zueinander?

Während man dreht, nimmt man das nicht so wahr. Im Nachhinein schon. Es ist sicher nicht beabsichtigt, die Filme sind so unterschiedlich wie nur möglich. Aber in beiden Fällen geht es um Mütter, die erst mal mit ihrer Situation überfordert, dann aber doch sehr konsequent und radikal sind. Und beide Figuren ringen um etwas. Sie haben dieselbe Sehnsucht. Aber der Kampf ist ein anderer.

Sie spielen mal wieder sehr komplexe, schwierige Figuren. Reizen Sie solche Stoffe besonders? Oder sind Sie schon so abonniert darauf, dass man Ihnen gar nichts anderes mehr anzubieten traut?

Wie man sieht, greife ich da mit Freude zu. Aber das geht doch jedem so. Bei solchen Figuren gibt es so viel zu erzählen, so viel zu entdecken. Und in beiden Fällen gibt es kein Schwarz und Weiß, sondern viele Grauschattierungen.

Im „Vorspiel“ spielen Sie auch Geige. Und sie tun es sichtlich selbst. Haben Sie das extra für den Film gelernt?

Ich spiele Klavier. Aber Geige habe ich eigens für den Film gelernt. Ich habe geübt wie eine Besessene. Wenn ich eine Frau spiele, die eine große Violinistin ist, sich aber selber im Wege steht – dann muss ich halt die Arbeit leisten, dass es auch so aussieht. Sonst steigt man beim Film aus. Ich muss aber ehrlich sein: Was man hört, bin nicht ich. Ich habe die Griffe gelernt und dass der Bogen richtig sitzt. Mein Ehrgeiz war, dass Musiker denken sollen: Spielt die das wirklich?

Was meinte Ihr Partner Alex Silva, der ja Musikproduzent ist, als Sie ständig geübt haben?

Der fand das toll! Er hat mich auch immer bestärkt, wenn ich noch nicht ganz zufrieden war. Als es daran ging, die Stücke einzustudieren, habe ich aber mit Seife auf dem Bogen geübt. Dann hört man nichts mehr. Meine Umwelt wurde also verschont.

Geige spielen im „Vorspiel“, mit Pferden arbeiten in „Pelikanblut“: Ist das ein Reiz, so unterschiedliche Fertigkeiten zu lernen? Und behält man die auch bei?

Ja, solche Herausforderungen reizen mich. Erfahrungen, die man sonst nie machen würde. Das ist das größte Geschenk meines Berufs. Reiten habe ich damals auch erst für „Gold“ gelernt. Ich war nie ein Reitmädchen. Aber das Reiten versuche ich beizubehalten. In „Pelikanblut“ mache ich ja mehr Pferdearbeit am Boden, als Horsemanship-Trainerin. Da haben sich mir Welten eröffnet, weil du in fast telepathische Ebenen kommst. Kein Wunder gibt es Führungsmanagement-Kurse mit Pferden. Du wirst so gespiegelt, du kannst diesen Tieren nichts vormachen. Was das Geigenspiel angeht: Auch das hat mir sehr große Freude gemacht. Der Zug ist aber leider wirklich abgefahren.

Bei „Das Vorspiel“ führte Ina Weisse Regie, die selbst Schauspielerin ist. Ist das einfacher bei der Arbeit, wenn Regisseure wissen, wie Schauspieler ticken?

Ehrlich gesagt, ist mir gar nicht aufgefallen, dass sie Schauspielerin ist. Weil sie genau wusste, wonach sie suchte. Sie wusste allerdings – und das hat wohl doch damit zu tun, dass sie auch Schauspielerin ist –, eine Atmosphäre herzustellen, in der sehr viel möglich ist. Sie spürte sehr genau, wenn etwas nicht stimmte. Sie hat auch mir nachgespürt, wenn die Kraft wegrutscht, und wusste, wie man das wieder aufbaut.

In „Das Vorspiel“ geht es wie in „Lara“ um eine Musikerin, die sich nicht traut. „Pelikanblut“ wiederum handelt wie „Systemsprenger“ von einem schwer erziehbaren Kind. Ist das ein Fluch, zweimal hintereinander „zu spät“ zu kommen?

Ja, merkwürdig, oder? Wir hatten beide Male ein bisschen Muffe. Aber auch da gilt: Du hast keinen Einfluss darauf. Und die Filme sind dennoch komplett unterschiedlich. Was ich aber toll finde: dass auch die anderen zwei Filme so stark sind. Da bin ich richtig stolz. Was willst du mehr, wenn so viele gute Filme aus Deutschland kommen? Ich freu mich über alles, was gelingt. Und etwas wagt.

Über die #MeToo-Debatte wurde noch eine andere Diskussion ausgelöst. Warum so wenige Frauen Regie führen. Und warum es so wenige weiblichen Hauptrollen gibt. Hat sich da etwas geändert in letzter Zeit, bekommen Sie jetzt mehr Angebote als vorher?

Ich weiß gar nicht, ob ich da wirklich einen Überblick habe. Weil ich mich so in die Arbeit gestürzt habe mit all dem, was ich derzeit machen darf. Aber schon da sieht man: Ich habe mit vier Regisseurinnen gearbeitet und es sind fast immer Frauen, die diese Filme tragen. . Allerdings hat das sowohl bei „Das Vorspiel“ als auch bei „Pelikanblut“ fast fünf Jahre gedauert, bis Ina Weisse und Katrin Grebbe ihre Filme finanziert bekamen. Da hilft es auch nicht, wenn namhafte Schauspieler zugesagt haben. Am Vertrauen in die Fähigkeiten dieser Regisseurinnen hapert es also noch. Da ist etwas in Gang gekommen, aber da muss sich auch noch viel tun.

Vergangenen September wurden Sie für „Das Vorspiel“ in San Sebastián als beste Schauspielerin und in Hamburg mit dem Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet. Wissen Sie eigentlich noch, wohin mit all den Trophäen? Nutzt sich die Freude an Preisen irgendwann ab?

Das berührt mich wirklich jedesmal aufs Neue. Ich war ja inzwischen selbst in so mancher Jury. Ich weiß, wie da teils gerungen wird. Das ist einfach schön, wenn deine Arbeit, für die du ja auch viel kämpfst, investierst und für die du dich verschenken willst, gesehen wird. Das gibt mir immer wieder Ansporn, weiterzumachen. Das sind Momente, die bleiben dir. Das nutzt sich auch nicht ab. Und da steht auch kein Preis über dem anderen.

Eine Auszeichnung ganz anderer Art: Seit Juli 2019 sind Sie Mitglied in der Film-Academy von Hollywood. Bei den Oscars im Februar dürfen Sie erstmals mit abstimmen. Wie fühlt sich das an?

Das ist wirklich eine Ehre, dass man in diesen illustren Kreis hineingewählt wird. Das kam sehr überraschend, ich wusste von nichts. Und ich habe mich riesig gefreut. Weil es ja sowieso eine Leidenschaft von mir ist, Filme zu schauen, ist das jetzt wie Weihnachten, all die Titel zu sehen, die nominiert sind. Mir tut es nur leid, wenn Filme die mich sehr begeistert haben, überhaupt nicht auf die Nominiertenliste gekommen sind. Aber das ist halt eine Mehrheitsentscheidung.

Dass Sie in die Academy gewählt wurden, passt ja dazu, dass Sie sich immer internationaler aufstellen. Muss man Angst haben, dass Sie uns eines Tages auch verloren gehen könnten?

Das glaube ich nicht. Es macht mir Spaß, die Fühler auszustrecken. Weil es mich sehr bereichert, andere Welten kennen zu lernen. Die Amerikaner haben ein ganz anderes Verständnis von Schauspiel. Das bestätigt mich. Das kann ich mit nach Hause nehmen. Und da könnten wir uns hier in Deutschland noch ein bisschen von hierarchischen Strukturen befreien. Aber ich weiß auch, woher ich komme. Was für eine tolle Filmheimat ich habe. Und welche Rollen ich hier spielen darf.

Publikumspremiere von „Das Vorspiel“ mit Nina Hoss und Regisseurin Ina Weisse am 22.1, Kulturbrauerei, 20.30 Uhr.