Neu im Kino

„Enfant terrible“: Höllenritt durch ein wildes Leben

Oskar Roehlers Film über Rainer Werner Fassbinder ist kein klassisches Biopic, sondern ein exzessiver Trip - mit lauter Preziosen.

Ausbegrannt: Oliver Masucci als Fassbinder und Katja Riemann als die an Ingrid Caven angelegte Gefährtin.

Ausbegrannt: Oliver Masucci als Fassbinder und Katja Riemann als die an Ingrid Caven angelegte Gefährtin.

Foto: Foto: Weltkino

„Each Man Kills The Thing He Loves“, sang Jeanne Moreau in Rainer Werner Fassbinders letztem Film „Querelle“. Diese Melodie erklingt nun auch leitmotivisch in „Enfant terrible“, dem Film über Fassbinder. Der muss in dieser Lesart seine Männer geliebt haben, denn gleich zwei von ihnen begingen Selbstmord.

Er muss auch seine Schauspieler geliebt haben, denn er quälte und brach sie. Er muss sich aber vor allem auch selbst geliebt haben. Denn in schaffenswütig arbeitete er sich zu Tode – und nahm alle möglichen Drogen, um dies zu verlangsamen, hat es aber damit nur beschleunigt.

Eine etwas andere Hommage zum 75. Geburtstag

Es gab schon mal einen Film über Fassbinder: „Ein Mann wie EVA“, gleich zwei Jahre nach dessen Tod, jedoch stark verfremdet, mit Eva Mattes als EVA alias RWF. Lange hat auch Marco Kreuzpaintner ein Melodram namens „Rainer“ geplant, zusammen mit Harry Baer, einem engen Weggefährten Fassbinders, doch das Projekt wurde nie realisiert. Erst jetzt gibt es so etwas wie das erste Filmdrama über den Ausnahme-Filmemacher. „Enfant terrible“ sollte eigentlich im Mai zum 75. Geburtstag des 1982 gestorbenen Regisseurs in Cannes laufen und dann ins Kino kommen, startet coronabedingt aber erst jetzt.

Eigentlich ist „Enfant terrible“ ja längst ein ziemlich ausgelutschter Begriff. Aber er passt doch genau auf das größte Genie des Neuen Deutschen Films, das zugleich auch dessen Schmuddel- und Kellerkind war. Weil er den Deutschen mit seinen Werken immerzu einen Spiegel vor die Nase hielt und sie in ihre eigenen Lebenslügen und Abgründe zu sehen zwang. Und sich dabei immer auf die Seite der Außenseiter dieser Gesellschaft stellte, zu den Ausgestoßenen, den Prostituierten, Schwulen und Kleinkriminellen.

Auch Roehler galt lang als Enfant terrible

Dass Oskar Roehler sich nun an einen Film mit diesem Titel gewagt hat, macht tiefen Sinn. Nicht nur, weil er lange selbst als ein neuer Fassbinder gehandelt wurde, sondern noch länger als ein Enfant terrible.

Dabei ist sein Film kein klassisches Biopic, weil man dem genialen Filmemacher mit einer klassischen Filmbiografie ohnehin nicht gerecht werden könnte. Eher ist es eine durchgeknallte Fantasie über ihn, in der der Fassbinder der letzten Tage durch Szenen seines eigenen Lebens stolpert, die absichtsvoll in künstlich und mit dicken Strichen auf Leinwände gemalte Kulissen spielen. Nichts soll ablenken vom Spiel seiner Darsteller. Dabei wird aber immer auch zugleich deutlich, dass es sich hier um ein Spiel, um eine Inszenierung handelt. Abgründe mit doppeltem Boden sozusagen.

Alle bereits gestorbenen Figuren werden dabei mit ihrem richtigen Namen genannt, während die wenigen noch lebenden, vielleicht auch aus juristischen Gründen, fiktive Namen erhalten. Frida Lovisa Hamann spielt deswegen eine Martha und nicht Hannah Schygulla, und Katja Riemann eine Gudrun und nicht Ingrid Caven.

Düstere und neonleuchtende Bilder

Dabei interessiert sich Roehler nur am Rande für Fassbinders Filme, auch wenn er sie teils bildlich nachstellt. Überraschend wenig auch für dessen Frauen, obwohl RWF doch ein ausgewiesener Frauenregisseur und Star-Macher war. Roehler, hier ganz Enfant terrible, zeigt vor allem Fassbinders Abstürze, Süchte und sexuelle Obsessionen. und sein Kameramann Carl-Friedrich Koschnick taucht dies in düstere und dann wieder knallig neonfarbene Bilder.

So seziert Roehler dieses rastlose Leben und Wüten lustvoll in Szenenfetzen, die Fassbinder in seiner ganzen Zerrissenheit zeigen. Anfangs hetzt Roehler dabei noch atemlos durch dessen Vita, doch je mehr sich RWF dabei verliert, desto mehr findet der Film zu sich selbst. Und findet in Oliver Masucci einen kongenialen Begleiter. Auch wenn er vom Typ her sicher nicht die erste Wahl wäre, hat er sich für seinen Fassbinder nicht nur dessen Wanst angefressen, er wird im Spiel immer mehr zu seinem Wiedergänger.

Roehler hat dabei, hierin Fassbinder ähnlich, viele Stars in kleine Rollen gesteckt (auch Eva Mattes, als Brigitte Mira!), die großen Rollen aber mit eher unbekannten Schauspielern besetzt. Wobei vor allem Hary Prinz eine teuflische Parodie auf Kurt Raab gelingt. Aber auch Sunnyi Melles ist als Rosel Zech eine Schau, und Alexander Scheer mehr Andy Warhol, als der es je selber war.

Ein Film für Harcore-Fans

Doch obwohl viele Szenen echte Kabinettstückchen sind, ist der Film mit seinen 134 Minuten doch etwas überlang geraten und fordert schon ein gewisses Grundwissen über das manische Genie. So ist „Enfant terrible“ vor allem ein Film für Cineasten und Hardcore-Fans. Aber eben keine Hommage, die Fassbinder auf ein Denkmal hebt, sondern, wie es sich für diesen Mann gehört, ein greller Trip, ein exzessiver Höllenritt.

Drama D 2020, 134 min., von Oskar Roehler, mit Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann, Erdal Yildiz, Eva Mattes, Jochen Schropp.