Deutsche Oper

Stefan Herheim: „Ausgangsmoment ist die Flucht“

Regisseur Stefan Herheim spricht über Wagners Zyklus „Ring des Nibelungen“, der mit „Walküre“ am Sonntag neu beginnt.

Der norwegische Regisseur Stefan Herheim (50)  im Foyer der Deutschen Oper Berlin.

Der norwegische Regisseur Stefan Herheim (50) im Foyer der Deutschen Oper Berlin.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin. Neuproduktionen von Richard Wagners Tetralogie „Ring des Nibelungen“, wozu „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ gehören, zählen zu den Höhepunkten im internationalen Opernbetrieb. An der Deutschen Oper startet mit der „Walküre“ am heutigen Sonntag ein neuer „Ring“-Zyklus. Am Pult wird Generalmusikdirektor Donald Runnicles stehen. Die Inszenierung stammt vom norwegischen, in Berlin lebenden Regisseur Stefan Herheim.

Herr Herheim, inwieweit haben die aktuellen Corona-Vorgaben in Ihre Probenarbeit hinein regiert?

Stefan Herheim Es gab Umständlichkeiten. Es musste viel kommuniziert werden um die täglichen Corona-Tests. Mal fehlte etwas, dann war etwas nicht eindeutig und musste nachgetestet werden. Inzwischen fiel eine Probe aus. Das Damoklesschwert hängt die ganze Zeit über uns. In gewisser Hinsicht hat es die Probenarbeit unglaublich emotionalisiert. Es gab eine absolute Konzentration auf das, was wir mit der Oper erreichen wollen. Die Probenarbeit war für alle existenziell, und es ist wunderbar, endlich mal wieder die Bühne zu spüren.

Die Abstandsregeln spielen in Ihrer Inszenierung keine Rolle?

Nein, mit den täglichen Tests sind wir ganz normal auf der Bühne unterwegs. Aber die Tests sind die Bedingung. Auch der Orchestergraben ist bis zum Rand mit getesteten Musikern gefüllt. Das Publikum wird ein großes Wagner-Orchester hören können.

Sie verarbeiten in ihren Inszenierungen gerne die Rezeptionsgeschichte von Stücken…

Ich kommentiere das Hin und Wieder.

Nehmen Sie einen Blick auf den legendären Tunnel-„Ring“ von Götz Friedrich, der jahrzehntelang am Haus lief?

Unsere Inszenierung setzt sich bildnerisch nicht mit der Rezeptionsgeschichte des „Rings“ auseinander, sondern vielmehr mit dem Impuls, überhaupt zu erzählen. Daher ist es umso bedauerlicher, dass wir den Zyklus nicht wie konzipiert mit „Rheingold“ beginnen können, sondern nun mit „Die Walküre“ eröffnen, da sich einige Lücken ergeben. Der Zuschauer kennt nun noch nicht alle etablierten Zeichen.

Können Sie eine Lücke benennen?

Ausgangsmoment dieser Inszenierung ist die Flucht, das Verlassen eines unerträglich gewordenen Seins auf der Suche nach einer neuen Heimat. Das ist in unserer Gegenwart ebenso real präsent, wie es im Werk Wagners eingeschrieben ist. Er selbst war ja an der Revolution 1848 in Dresden beteiligt und musste dann lange ins Exil flüchten. Es dauerte über 25 Jahre, bevor er 1876 nicht nur sich selbst mit dem „Ring“ in Bayreuth beheimatet hat, sondern auch alle Figuren, die in dem Stück auf der Flucht, auf der Suche, auf der Reise sind. Wir erzählen jetzt von einem großen Zug von Flüchtlingen, die ihre metaphysische Heimat verloren haben, und versuchen, im Mythos anzukommen.

Was sind Wotan und seine Familie?

Sie sind Repräsentanten dessen, was im kollektiven Mythos vorhanden ist. Sie haben eine gemeinsame Vergangenheit und gemeinsame Hoffnungen. Sämtliche Stücke im „Ring“ kreisen um die Machtlosigkeit der Liebe und die Lieblosigkeit von Macht. Das ist der bis heute ungelöste Hauptkonflikt. Der „Ring“ ist ein Kunstwerk der Zukunft. Bei Wagner bleibt es offen, ob wir jemals in dieser Zukunft ankommen.

Sie haben das „Ring“-Finale der „Götterdämmerung“ schon im Kopf. Wie wird die Geschichte bei Ihnen enden?

Die Götter gehen unter – vielmehr unsere derzeitigen Vorstellungen von ihnen. Aber das amorphe Hoffnungsmotiv am Ende des Nachspiels führt uns zum Anfang zurück, zum Impuls, uns auf die Suche zu machen. In dieser Spiral-Sicht treffe ich mich auch mit der Vorgänger-Inszenierung meines Lehrers Götz Friedrich.

Mit Ihrem „Rheingold“ sollte Ende Juni der Zyklus eröffnet werden. Dann kam Corona dazwischen und die große Eröffnung wurde abgesagt.

Die Oper ist um ein Jahr geschoben worden.

Mit leichter Hand warf stattdessen Neil Barry Moss Open Air das „Rheingold auf dem Parkdeck“ hin. Sie saßen in der kleinen Premiere. Hat es irgendwie Ihre Sicht beeinflusst?

Nein. Ich habe „Siegfried“ schon vor gut einem Jahr und ,Die Götterdämmerung‘ vor zwei Monaten abgeben müssen. Unser Konzept für den ganzen „Ring“ war damals längst fertig. Ich wurde gefragt, ob ich diese halbszenische Geschichte auf dem Parkdeck machen wollte – es war eine schöne Sache, aber ich konnte die Zeit auf der leerstehenden Bühne für den „Ring“ nutzen. Schließlich mache ich ja auch das Bühnenbild mit Silke Bauer zusammen.

Regisseure greifen gerne auch das inzestuöse Verhältnis zwischen Göttervater Wotan mit Tochter Brünnhilde, einer Walküre, auf. Welche Deutung wählen Sie?

Sie bleibt genauso spekulativ, wie es Wagner konzipiert und komponiert hat. Wotan spricht der inzestuösen Liebe des Zwillingspaares Siegmund und Sieglinde deutlich seinen Segen aus, während seine Gattin Fricka den blutschänderischen Ehebruch anklagt. Doch dabei steht natürlich auch deren eigene Beziehung im Fokus. Es geht in der „Walküre“ mehrfach facettiert um die Beziehung von Mann und Frau, die wir hier geballt zwischen Macht- und Liebesmissbrauch ausstellen.

Der Walkürenritt ist ein Stück populäre Musik geworden und wurde deshalb auch von den Nazis missbraucht. Ist das für Sie ein Thema?

Es ist eine Musik, die bereits 1850 geschrieben wurde. Das ist im besten Sinne ein Opernspektakel wie seinerzeit von Meyerbeer in Paris. Aber es ist dramaturgisch eine völlig überflüssige Szene. Es ist – böse gesagt – eine Showeinlage, in der die Pferde durch die Manege gejagt werden. Entsprechend komödiantisch versuche ich es anzugehen, damit es in etwas anderes hinüberkippt. Dahinter tut sich nämlich Wotans schreckliches Weltbild von den Menschen und vor allem den Frauen auf. Alle werden für seine Zwecke benutzt. Er ist ein Gott, der die ganze Zeit versucht, für sich Macht und Liebe zu vereinen – koste es, was es wolle.

Sie leben in Berlin, wie haben Sie den Lockdown, der auch zur Schließung von Kulturinstitutionen führte, verbracht?

Ich war im Februar und März in meiner Heimat Oslo. Wir standen dort zwei Wochen vor der ,Falstaff‘-Premiere. Die musste leider abgesagt werden, ich bin mit dem letzten Flieger nach Berlin zurückgekommen. Hier wartete ich bange auf die Nachricht, inwieweit der ,Ring‘ betroffen sein wird. Aber ich bin gerade auch in einer Planungsphase für das Theater an der Wien, das ich 2022 übernehme. Und wir haben gelernt, dass sich einiges ebenfalls digital erledigen lässt.