Neu im Kino

„Pelikanblut“ mit Nina Hoss: Narben auf der Seele

Ein so verstörender wie starker Film über ein traumatisiertes Kind - und eine Mutter, die für seine Heilung alles tut: „Pelikanblut“.

Wiebke (Nina Hoss) mit ihren Töchtern Nikolina (Adelia Constance Ocleppo, r.) und Raya (Katerina Liovska.

Wiebke (Nina Hoss) mit ihren Töchtern Nikolina (Adelia Constance Ocleppo, r.) und Raya (Katerina Liovska.

Foto: Temelko Temelkov / dpa

Zu ihren Mitmenschen hat sie ein eher gestörtes Verhältnis. Dafür kann Wiebke (Nina Hoss) gut mit Pferden, die sie auf ihrem Hof auf künftigen Stresseinsätze als Polizeipferde vorbereitet und mit denen sie auch traumatisierten Menschen neues Vertrauen im Umgang mit Tieren beibringt.

Und die 45-Jährige ist eine liebende Mutter, was gleich zu Beginn eine zarte Szene mit der neunjährigen Adoptivtochter Nikolina (Adelia-Constance Giovanni Ocleppo) zeigt. Nach jahrelangem Warten soll Nikolina endlich ein Geschwisterchen bekommen.

„Pelikanblut“: der Trailer zum Film

Doch die fünfjährige Raya (Katerina Liovska) aus Bulgarien erweist sich als höchst schwieriges Kind. Sie beißt Nikolina, malt düstere Bilder, im Kindergarten will keiner mit ihr spielen, andere Mütter machen gegen sie mobil. Und auch wenn sich Wiebke dagegen zur Wehr sitzt, muss auch sie feststellen, dass Raya völlig ohne Empathie ist.

Eine Schwester im Geister zu dem Problemkind in „Systemsprenger“, wenn nicht gar zu dem teufelsbesessenen Mädchen in „Der Exorzist“. Selbst ein konsultierter Fachmann erwägt die Möglichkeit, das Mädchen zurückzugeben. Doch Wiebke gibt nicht auf.

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Großartige Rolle für Nina Hoss

Nina Hoss spielt diese Frau, die allein ihren Mann steht, verschlossen, aber bestimmt. Und mit einer Narbe über dem Auge, die nahelegt, dass auch sie unter den Folgen eines Traumas leiden könnte. Deshalb tut sie alles, um der offensichtlich schwer traumatisierten Raya beizustehen. Sie überschreitet dabei auch Grenzen, wenn sie als Therapie-Alternative eine Schamanin einlädt, was den Film erneut in „Exorzismus“-Nähe bringt. Und dann steht plötzlich auch die Existenz des ganzen Reithofes auf dem Spiel.

Regisseurin Katrin Grebbe, die vor sieben Jahren mit „Tore tanzt“ auf sich aufmerksam machte, legt mit „Pelikanblut“ wiederum einen zutiefst verstörenden Film vor. Der lebt, wie das so oft bei ihr der Fall ist, von einer wunderbar rätselhaften Nina Hoss. „Pelikanblut“ besticht aber auch durch die Kunst der Regisseurin, wie sie ihre Kinderdarsteller anleitet. Wie sie starke, metaphorische Bilder findet. Und trotz Grauen nie in plumpen Horror verfällt. Ein Drama, das herausfordert und bei dem man sich nicht heraushalten kann, sondern Stellung beziehen muss.

Drama Deutschland 2019, 127 min.,
von Katrin Gebbe, mit Nina Hoss, Murathan Muslu, Sophie Pfennigstor