Es ist wie bei Gladiatorenspielen im alten Rom: Daumen rauf oder unter, das entscheidet über Leben und Tod. Hier jedoch ganz modern, via SMS-Beteiligung: In einer Realityshow bittet eine zum Tode Verurteilte um Vergebung. Und die TV-Zuschauer haben es buchstäblich in der Hand, ob sie begnadigt wird. „Senden Sie 1 für Ja, 2 für Nein.“

Klingt wie eine Fortsetzung der „Tribute von Panem“? Oder wie die abstruse Idee eines provokanten Filmemachers? Im Iran gibt es tatsächlich eine ähnliche Sendung, in der nach islamischem Recht das Gesetz der Vergeltung massenmedienwirksam ausgeschlachtet wird. Ist die Familie eines Opfers zur Vergebung bereit, gibt es keine Hinrichtung. Dann muss nur ein „Blutgeld“ entrichtet werden.

In „Yalda“ benutzt der iranische Filmregisseur Massoud Bakhshi dieses beliebte TV-Format als Brennpunkt für das Reizthema Todesstrafe. Am Yalda-Feiertag, der persischen Wintersonnenwende, wird die junge Verurteilte Maryam (Sadaf Asgari) ins Studio gefahren. Hier muss sie warten, bis Moderator und Aufnahmeleiter so weit sind. Vor allem muss sie auf Mona (Behnaz Jafari) warten, die Frau, die ihr vergeben soll.

Wird Mona (Behnaz Jafari, l.) Maryam (Sadaf Asgari, r.) vergeben? Das wird als grelle Fernseh-Show live übertragen.
Wird Mona (Behnaz Jafari, l.) Maryam (Sadaf Asgari, r.) vergeben? Das wird als grelle Fernseh-Show live übertragen.© dpa

Maryam ist scheu, nervös und völlig überfordert. Sie will nicht, dass ihr Schicksal ausgeschlachtet wird. Die Männer, die die Sendung leiten, geben aber klar zu verstehen: Sie könne gern ihr Schicksal ruinieren, „aber nicht unsere Sendung“. Bakhshi nutzt dabei die Fernsehsendung, die immer wieder von Showeinlagen und Werbepausen unterbrochen wird, als dramaturgisches Gerüst und bleibt auch konsequent bei der Einheit von Zeit und Ort.

Über Gerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit

Wie nebenbei wird da einiges erzählt über die tief verwurzelten patriarchalischen Strukturen der iranischen Gesellschaft. Da darf ein wohlhabender Mann mit 65 eine 23-Jährige wie Maryam heiraten – auf Zeit. Solch befristete Ehen erlaubt es älteren Herren, ganz legal Spaß zu haben. Und nicht wenige jüngere Frauen gehen darauf ein, um abgesichert zu sein. In diesem Fall wollte der Gatte nicht, dass Maryam schwanger wird. Als es doch passierte, kam es zum Streit. Und zu einem tödlichen Sturz. Und auch das wird Maryam als Verbrechen ausgelegt: dass sie das Wohl des Kindes über das des Mannes stellte.

Yalda
Yalda© 24 Bilder Film | 24 Bilder

Das alles erfährt man in „Yalda“ teils wie der TV-Zuschauer durch einen eingespielten Film, teils durch Szenen hinter den Kulissen. Als endlich auch Mona eintrifft, die einzige Tochter des Toten, sieht sie nicht aus, als ob sie vergeben könnte. Sie sieht wohl eher ihr Erbe in Gefahr.

Als dann das TV-Tribunal live beginnt, hält sich Maryam an keine der Vorgaben, die ihr von allen Seiten eingeflüstert wurden. Tot ist sie sowieso, sagt sie, seit sie durch den Schock ihr Kind verlor. Sie will auch nicht um Vergebung betteln. Aber sie will Gerechtigkeit. Will, dass ihr Fall richtig dargestellt wird.

Ein Regisseur in großer Tradition

Mit „Yalda“ stellt sich Regisseur Bakhshi, der als Dokumentarfilmer begann, ganz in die Tradition iranischer Regisseure, die sich vom repressiven Staat nicht entmutigen lassen, wie Asghar Farhadi und Jafar Panahi. Oder auch Mohammad Rasoulof, der mit „There Is No Evil“, seinem aufwühlenden Drama über die Todesstrafe im Iran, auf der 70. Berlinale den Goldenen Bären gewann.

„Yalda“ lief dort ebenfalls, aber nur in der Sektion Generation, hat davor aber schon in Sundance den Grand Jury Preis gewonnen. Und korrespondiert auf vielfältige Weise mit Rasoulofs Film. Auch „Yalda“ konnte nur dank ausländischer Finanziers entstehen, beide Male unter Mitwirkung einer Berliner Firma. Im Gegensatz zu Rasoulofs Film konnte Bakhshi seinen Film aber ganz offiziell im Iran drehen, er läuft dort auch im Kino.

„Yalda“ ist ein zutiefst verstörender Film über Todesstrafe, Vergebung und Bigotterie, Gerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit. Und über reißerisches Reality-TV. Auch wenn diese pervertierte Form doch ziemlich einzigartig sein dürfte.

Drama Iran/F/D/CH 2019 89 min., von Massoud Bakhshi, mit Sadaf Asgari, Behnaz Jafari, Fereshteh Sadre Orafaei