Das „Wall Street Journal“ hat sie einmal als „Mischung aus Henry Kissinger und Minnie Mouse“ beschrieben und damit auf ihren unverwechselbaren deutschen Akzent angespielt, mit dem Ruth Westheimer, den Amerikanern vor allem als Dr. Ruth bekannt, seit 40 Jahren in den Medien präsent ist. Als sie 1980 erstmals die 15-minütige Radio-Kolumne „Sexually speaking“ moderierte, eroberte sie die Herzen ihres Publikums im Sturm – mit ihrer resoluten, charmanten und überaus direkten Art, über Sex zu sprechen.
Ruth Westheimer, Jahrgang 1928, war damals schon etwas ältere Dame, die vollkommen unbefangen Wörter wie Penis und Vagina verwendete und offenherzig von all den Dingen sprach, die man damit anstellen kann – gleichzeitig aber von einer nie zu stillenden Neugier auf die Menschen war, die sich an sie wandten.
Die berühmteste Sextheraupeutin der USA
Der Regisseur dieser Dokumentation, Ryan White, hat erst kürzlich mit der siebenteiligen Netflix-Dokumentarserie „The Keepers“ auf sich aufmerksam gemacht, in der es um sexuellen Missbrauch in einer katholischen Highschool in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland) geht. Er selbst hat Interviews davon berichtet, danach eine Art Gegengift gebraucht und es in der quirligen, freundlichen Sexberaterin Ruth Westheimer gefunden zu haben.

Dass es in deren Leben allerdings auch nicht ohne Abgründe zugegangen ist, wird dem Zuschauer schnell und anrührend klar gemacht. Ruth Westheimer, geboren als Kind jüdisch-orthodoxer Eltern im nordwestlich von Würzburg gelegenen Wiesenfeld, war zehn Jahre alt, als sich ihre Eltern 1938 entschieden, sie zusammen mit etwa 100 anderen jüdischen Kindern in die Schweiz zu schicken. Von dort aus schrieb sie sich Briefe mit ihren in Deutschland gebliebenen Eltern – bis von ihnen weitere Lebenszeichen ausblieben.
Keine Tränen vor der Kamera
Ruth Westheimers Eltern wurden von den Nationalsozialisten ermordet – ihr Vater in Auschwitz, ihre Mutter an einem unbekannten Ort. Der Film wählt zwei Erzählformen, um uns diese traumatischen Erfahrungen näherzubringen – zum einen mit kurzen Animationssequenzen, die musikalisch zuweilen überinstrumentiert sind und deshalb das Kitschige streifen. Zum anderen, deutlich überzeugender, mit einem Besuch der Protagonistin in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, wo sie den Verbleib ihrer Eltern recherchiert. „Ich weine nicht in der Öffentlichkeit“, sagt sie zur Kamera.
Der Film stellt eine psychologische Verbindung her zwischen dem frühen Verlust der Eltern und der lebenslangen, obsessiven Beschäftigung mit Liebe und Intimität – ein Zusammenhang, den auch Westheimer nicht bestreitet. Was er aber vor allem dokumentiert, ist die erstaunliche, den Kameramann zuweilen erkennbar überfordernde Agilität dieser Frau, die, zwischendurch immerzu telefonierend, rastlos von der Buchpräsentation zur Podiumsdiskussion, dann zum akademischen Vortrag und schließlich zum Familientreffen eilt.
White erliegt dabei ihrem Charme genauso, wie es einem Großteil ihrer Fans ergangen ist, verpasst deshalb manchmal die Chance einer präziseren Nachfrage und gibt ihrem therapeutischen Konzept weniger Raum als den Fragen, die sie erreichen. Trotzdem wird, wer Ruth Westheimer mag, diesen Film auch sicher mögen.
Dokumentarfilm USA 2019, 100 min., von Ryan White



