Es sind nur zwei Worte, und doch sind sie Bekenntnis, Geheimnis und verheißungsvolles Versprechen: Wir beide. Tür an Tür wohnen die schüchterne Französin Madeleine (Martine Chevallier) und die resolute Deutsche Nina (Barbara Sukowa) in einem Wohnhaus. Aber keiner weiß, dass die beiden älteren Damen ein Paar sind. Jeden Abend stiehlt sich Nina heimlich zu Martine, um mit ihr zu tanzen, sie zu umarmen, mit ihr einzuschlafen. 20 Jahre sind sie bereits zusammen. Das Versteckspiel hat seine eigene Erotik. Es ist ihr süßes Geheimnis, von dem Madeleines erwachsene Kinder nichts ahnen.
Doch es wird Herbst. Nicht nur draußen, vor den Fenstern. Und Nina, die immer die Stärkere, Entscheidungsfreudigere war, überredet Madeleine, die Wohnungen verkaufen. Um ihre Kleinstadt zu verlassen und gemeinsam nach Rom zu ziehen, wo sie sich einst kennen gelernt haben. Und wo sie endlich sein können, „wie wir wollen“. Madeleine sagt Ja. Verkauft die Wohnung aber doch nicht. Sie liebt Nina. Aber auch ihre Familie. Und bringt es nicht über sich, sich ihnen zu offenbaren.

Nina erfährt das durch Zufall. Und ist außer sich. Doch nicht das gefährdet ihre Beziehung. Danach erleidet Madeleine einen Schlaganfall. Sie kann nicht mehr sprechen, kann sich kaum mehr bewegen. Und ist ein Pflegefall.
Die große Liebe, sie ist plötzlich unerreichbar. Der kleine Flur, der ihre Wohnungen verband, wird plötzlich zum trennenden Graben. Weil Madeleines Kinder sich um die Mutter kümmern. Und schließlich eine Pflegerin anstellen, die bei der Mutter wohnen soll.
So nah und doch so fern
Nicht einmal nachts kann Nina nun ihre Freundin besuchen. Aber resolut, wie sie ist, kämpft sie um ihre Liebe. Sie beobachtet alles vom Spion ihrer Tür aus. Sie stalkt die Pflegerin, schwärzt sie an. Und bietet zugleich ihre eigene Hilfe an. Für die Kinder ist sie aber nur eine wunderliche, übergriffige Nachbarin. Als dann die Katastrophe geschieht und die Liebe entlarvt wird, wird erst das Schloss ausgewechselt. Und dann soll die Mutter sogar entmündigt und in ein Pflegeheim gegeben werden.
Selten genug spielen ältere Frauen im Film eine Hauptrolle, selten genug gibt es Filme über ein lesbisches Paar, schon gar nicht im Alter. Insofern überrascht dieses Spielfilmdebüt des nur halb so alten Regisseurs Filippo Meneghetti gleich doppelt. Nicht nur, weil er sich dieses Themas annimmt. Sondern auch, weil er es so souverän subtil in Szene setzt. Zärtlich, intim und ganz selbstverständlich wird diese Liebe eingefangen, ohne je voyeuristisch ausgestellt zu werden.

Und auch sonst wird dieses intime Drama, buchstäblich ein Kammerspiel, überwiegend über Blicke statt vieler Worte erzählt. Wenn Nina vom Verrat ihrer Geliebten erfährt, sieht man als Zuschauer die Szene auf der Straße nur durch die Fenster eines Waschsalons und hört dabei die Maschinen monoton surren.
Und wenn Nina ihre Freundin nach dem Schlaganfall findet, sieht man diese nicht am Boden liegen, sondern das Essen, das sie gerade noch zubereitet hat, am Herd anbrennen.
Der Film lebt von Blicken und Nuancen
Auch der Kampf um die Liebe wird ohne viele Worte ausgetragen. Weil Nina mit Madeleine ja nicht mehr verbal, sondern nur noch über Blicke und Berührungen kommunizieren kann. Es ist großartig, wie Barbara Sukowa in dieser für sie ungewohnten Rolle über sich selbst hinauswächst und auch vor drastischen Mitteln nicht zurückschreckt, um ihre Liebe, ihren Lebenssinn zurückzugewinnen. Fast noch großartiger aber ist, wie Martine Chevallier, die von Anfang an sehr zurückgenommen spielen muss und dann fast all ihrer Ausdrucksmöglichkeiten beraubt wird, sich dennoch mit kleinsten Nuancen verständlich macht.
Ein berührender Film über die Liebe als vielleicht einzige Körperkraft, die im Alter nicht schwächer wird. Und ein klares, starkes Bekenntnis für eine offenere, verständnisvollere Gesellschaft.
Drama F 2019 99 min, von Filippo Meneghetti, mit Barbara Sukowa, Martine Chevallier, Léa Drucker


