Sie wird immer experimentierfreudiger: Barbara Sukowa, im Februar 70 geworden, hat zuletzt ihren ersten Kinderfilm und dann ihre erste Komödie gespielt. In „Wir beide“, der am 6. August ins Kino kommt, spielt sie nun erstmals eine lesbische Frau, die heimlich Tür an Tür mit ihrer Geliebten wohnt - bis diese einen Schlaganfall erleidet und deren Kinder, die nichts von dieser Beziehung wissen, die Pflege übernehmen. Wir sprachen die Schauspielerin am Telefon: Sie lebt ja seit vielen Jahren in New York und hat sich, um sich vor Corona zu schützen, nach Long Island zurückgezogen.

Frau Sukowa, wie geht es Ihnen in diesen Corona-Zeiten? Sind Sie wohlauf?

Barbara Sukowa: Danke der Nachfrage. Es ging mir sehr gut. Ich habe mich aber auch sehr isoliert und von Menschen ferngehalten, mit Maske und allem.

Ihr neuer Film „Wir beide“ ist ein bewegendes Drama um die Liebe zweier Frauen. Die eine ist sehr offen, die andere steht aber nicht dazu. Müsste die Gesellschaft nicht längst viel weiter sein? Ist es nicht traurig, dass es solche Geschichten noch immer gibt?

Ja, natürlich. Aber die Geschichte spielt ja nicht in New York oder Paris, sondern in einer französischen Kleinstadt. Obwohl – man sollte sich nichts vormachen: Selbst in Großstädten gibt es noch solche Geschichten. Das hat mir der Regisseur Filippo Meneghetti erzählt. Der ist ja noch sehr jung, Anfang 30, und hat einen sehr jungen, liberalen Freund, der ganz offen ist und nichts gegen Homosexualität hat. Aber als er herausfand, dass sein Vater homosexuell ist, drehte er vollkommen durch. Wenn wir also glauben, wie unheimlich offen wir sind, ist es doch noch mal etwas ganz anderes, wenn das auf manche persönlich zukommt.

Keiner weiß von ihrer Beziehung: Martine Chevallier (l.) und Barbara Sukowa im Filmdrama „Wir beide“.
Keiner weiß von ihrer Beziehung: Martine Chevallier (l.) und Barbara Sukowa im Filmdrama „Wir beide“.© Weltkino

Es heißt, ab einem gewissen Alter wird es für Schauspielerinnen schwer, gute Rollen zu finden. Hier hat ein noch junger Regisseur einen starken Film über gleich zwei ältere Damen gemacht. Ist so ein Angebot ein Geschenk? Greift man da gleich beherzt zu?

Absolut. So ein Drehbuch mit solch komplexen Rollen bekommt man nicht mehr oft geboten. Und dass ein junger Mann das macht, ist alles andere als selbstverständlich. Gerade seine Sicht auf die älteren Damen hat mich sehr daran interessiert. Ich habe sofort zugesagt.

Das war für Sie die erste lesbische Rolle. Auch für Ihre Partnerin im Film, Martine Chevallier. Wie war das für Sie beide, eine Chemie herzustellen?

Wir kannten uns zwar vorher nicht. Aber wir kommen beide vom Theater. Und wir sind ja auch beide irgendwie Profis. Wir haben uns getroffen. Und wie das oft ist: Wenn man weiß, dass man das spielen wird, geht man gleich in medias res. Wir haben sehr schnell über eigene Lieben und Sexualität gesprochen. Und kamen auch überein, dass es nicht primär um eine spezifisch lesbische Beziehung geht, sondern um Liebe ganz allgemein.

Als ich den Film sah, dachte ich, ich muss dringend eine Patientenverfügung erstellen, damit klar ist, wer über meine Zukunft entscheidet, falls ich mal nicht mehr Herr meiner selbst sein sollte. Ging Ihnen das auch so? Machen Sie sich über sowas Gedanken?

Oje, darüber habe ich noch nie einen Gedanken verschwendet. (lacht) Ich habe keine Patientenverfügung, nee. Und wissen Sie, es wäre mir am Ende vielleicht auch egal. Will man das Leben verlängert haben, wenn man eigentlich schon Gemüse ist? Kann man sowas verfügen?

Sukowa in ihrer ersten Filmkomödie „Enkel für Anfänger“ mir Maren Kroymann (l.) und Heiner Lauterbach.
Sukowa in ihrer ersten Filmkomödie „Enkel für Anfänger“ mir Maren Kroymann (l.) und Heiner Lauterbach. © dpa | Wolfgang Ennenbach

Ja, das gilt genau für solche Fälle.

Okay. Lebensverlängernde Maßnahmen würde ich natürlich nicht wollen, wenn ich nur noch debil rumsitze. Wahrscheinlich sollte ich in meinem Alter etwas konkreter darüber nachdenken. Aber ich fürchte, wie die meisten verdränge ich das, bis es zu spät ist.

„Wir beide“ ist Filippo Meneghettis Spielfilmdebüt. Sie arbeiten oft mit Nachwuchs. Ziehen Sie Kraft daraus, mit jungen Menschen zu arbeiten, die einen anderen, vielleicht neuen Blick haben?

Man weiß nicht, worauf man sich einlässt. So ein junger Mensch kann vielleicht tolle Drehbücher schreiben. Aber das heißt noch lange nicht, dass er seine Visionen bei den Dreharbeiten auch umsetzen kann. Wenn ich mit Rainer Werner Fassbinder oder Margarethe von Trotta gedreht habe oder, was weiß ich, mit David Cronenberg, dann wissen Sie schon ungefähr, was die Prioritäten sind, ob die sehr visuell oder eher intellektuell sind. Bei einem jungen Regisseur weiß man das gar nicht. Das ist das gewisse Risiko. Aber ich finde es spannend, sich einem solchen auszusetzen.

Wie sind Sie überhaupt in diesen französischen Film gekommen. Wie bekannt sind Sie in Frankreich?

Dass ist schwer zu sagen. Ich habe in den 80er-Jahren einen Film dort gemacht. Seit ich in die USA gezogen bin, habe ich dort nicht mehr gearbeitet. Aber „Hannah Arendt“ war ein großer Erfolg in Frankreich, überhaupt die Filme von Margarethe. Und natürlich die von Fassbinder. Die sind da sehr bekannt, also zumindest einem bestimmten Publikum.

Mit Günter Lamprecht in Fassbinders Fernseh-Mehrteiler „Berlin Alexanderplatz“ (1980).
Mit Günter Lamprecht in Fassbinders Fernseh-Mehrteiler „Berlin Alexanderplatz“ (1980). © picture-alliance / KPA

Fassbinder wäre im Mai 75 Jahre alt geworden. Denken Sie an solchen Tagen an ihn? Haben Sie den Tag zelebriert?

O, ich denke noch an ihn. Aber das hat nichts mit dem Jubiläum zu tun. Ich vergesse alle Geburtstage, wenn ich das nicht in den Kalender einprogrammiere und der das an dem Tag rausklingelt Aber ich denke oft an ihn. Er war sehr wichtig für mich. Es war ja auch eine ganz andere Zeit des Filmemachens. Da gab es noch nicht diesen Druck, auch nicht diese Stromlinienförmigkeit in der Branche. Da war noch viel mehr Freiheit. Ich habe aber auch nur den späten Fassbinder kennengelernt, diese Kommune der frühen Jahres ging ja an mir vorbei. Ich habe nur gute Erinnerungen an ihn.

Wie geht es Ihnen eigentlich derzeit in New York? In den Nachrichten gab es schreckliche Bilder von Leichen, die in Kühlcontainern auf der Straße gestapelt wurden.

Ich bin glücklicherweise nicht krank geworden. Aber ich habe einen Freund verloren, der bekam Symptome und war fünf Tage später tot. Ich habe auch von Krankenschwestern gehört, dass es noch viel schlimmer war als in den Medien dargestellt. Sie mussten Menschen auf den Gängen sterben lassen, weil sie nicht genug Beatmungsgeräte hatten. Ich bin dann schnell nach Long Island, wo wir ein Haus haben. Das ist nicht weit von New York fort, da fühlten wir uns aber sicherer. Wir merkten aber schnell, dass auch das ein Hotspot von Corona war.

Dann kamen noch die Demonstrationen und Unruhen nach dem Tod von George Floyd durch Polizeigewalt hinzu.

… und man wusste nicht, wie man das finden soll. Natürlich war es toll, dass die Leute auf die Straße gingen. Aber in den Massen kann man nicht auf Social Distance achten, da nutzen wohl auch keine Masken mehr. Das Erschreckende daran aber ist diese große Unsicherheit überall. Die entlädt Energien. Da ist auch viel Unzufriedenheit im Spiel, die es schon vor Corona gab, die das jetzt aber noch potenziert. Irgendwann musste das einmal aufbrechen. Aber ich habe das alles auch nur aus dem Fernsehen verfolgt.

Sukowa mit ihrem Mann, dem Künstler Robert Longo, mit dem sie in New York lebt.
Sukowa mit ihrem Mann, dem Künstler Robert Longo, mit dem sie in New York lebt. © picture-alliance/ | Jens Kalaene

Und was halten Sie von einem Donald Trump, der dabei nur immer weiter Öl ins Feuer gegossen hat, anstatt zu versuchen, die Nation zu beruhigen und zu einen?

Das ist furchtbar. Aber auch das ist nur ein Symptom für diese Unzufriedenheit, die es schon vorher gab. Der Mann ist ja immerhin gewählt worden. Obwohl man schon vorher sehen konnte, was für ein Mensch das ist. Viel schlimmer ist, dass die Leute in seinem Umkreis, auch die intelligenten, sich nicht dazu äußern und sein Handeln weiter decken. Das Furchtbare ist, dass das Land inzwischen so gespalten ist, dass Demokraten und Republikaner schon nicht mehr miteinander reden. Amerika ist ein „Teenage-Land“: Das ist so ein unreifes Verhalten. Das genau machen ja Teenager: sich immer abgrenzen und alles andere schlecht finden. Das ist auch wichtig für Heranwachsende, so findet man seine Identität. Aber reife, erwachsene Menschen sollten eigentlich miteinander reden können.

Glauben Sie, das könnte das Ende von Trumps Präsidentschaft sein? Oder ist das Land schon so gespalten, dass es für eine zweite Amtszeit reichen könnte?

Das ist die große Frage derzeit. Momentan scheint er in einer ganz schlechten Position. Aber man weiß es nicht. Ich hätte auch nie gedacht, dass er Präsident wird. Hilary Clinton hatte ja drei Millionen Wähler mehr. In den USA geht es aber nicht um einfache Mehrheiten. Das große Problem ist ja, dass die jungen Menschen alle nicht wählen gehen. Und wenn sie das nicht tun, brauchen sie eigentlich auch nicht protestieren.

Leben Sie eigentlich noch gern in den USA? Oder gibt es Momente, wo sie überlegen, ob Sie nicht wegziehen sollten?

Ich lebe immer noch gern hier. Natürlich ist die Lage gerade verschärft, aber ich glaube, es gibt im Augenblick überall auf der Welt Probleme. Überall, auch in Europa, nehmen die extremen Parteien zu. Es ist zu hoffen, dass sich das ändern wird. Vielleicht hat die jüngere Generation da ja ein paar Ideen.