Welche Fußstapfen. „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin ist einer der größten Berlin- und Großstadtromane überhaupt. Das Buch von 1929 ist auch schon zwei Mal verfilmt worden, das erste Mal schon zwei Jahre später, 1931, und dann 1980 noch einmal als 14-teilige TV-Serie von Rainer Werner Fassbinder.
Burhan Qurbani wurde in dem Jahr gerade mal geboren. Der Sohn afghanischer Flüchtlinge hat erst zwei Filme gemacht, „Shahada“ und „Wir sind jung. Wir sind stark“. Mit seinem dritten Film wagt er nun eine radikale Neuinterpretation von Döblins Werk, indem er die Handlung in die Gegenwart verlegt und aus dem entlassenen Sträfling Franz Biberkopf den afrikanischen Flüchtling Francis B. macht.
Auf der Berlinale sorgte der Film für Furore, beim Deutschen Filmpreis gewann er fünf Lolas. Eine ging an Albrecht Schuch (bekannt aus der NSU-Trilogie „Mitten in Deutschland“, „Kruso“ und „Bad Banks“) für seine Darstellung als Biberkopfs Nemesis Reinhold. Am 16. Juli kommt der Film nun ins Kino. Wir haben dazu Burhan Qurbani und Albrecht Schuch im Mariott Hotel gesprochen.
Berliner Morgenpost: Wegen Corona wurde der Starttermin von „Berlin Alexanderplatz“ immer wieder verschoben. Zehrt das an den Nerven? Ist es gut, dass der Film jetzt endlich ins Kino kommt?
Burhan Qurbani: Ich muss gestehen: Ich war ganz erleichtert, als durch Corona die Welt stillstand und wir die Pause hatten. Die ganze Vorbereitungsphase war sehr anstrengend, ich war danach total erschöpft und in einer richtigen Post-Berlinale-Depression. Es wäre Horror gewesen, wenn das gleich mit dem Kinostart weitergegangen wäre. Es ist ein wenig absurd, jetzt im heißen Sommer und auch noch mit Corona mit dem Film zu starten. Aber ich freue mich, dass er jetzt sein Publikum suchen kann.
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Albrecht Schuch: Ich hätte den Run der Berlinale gern noch mitgenommen, die Energie, die da entstand, hat uns alle sehr getragen. Da ist es schön, wenn man auf so einer Welle weiterreitet. Nun ist es anders, und ich freue mich trotzdem. Mein Surflehrer hat immer gesagt: Die nächste Welle kommt bestimmt.

Döblins Roman ist 90 Jahre alt. Hat der Sie so geprägt, dass Sie, Herr Qurbani, ihn immer schon verfilmen wollten? Und Sie, Herr Schuch, schon immer darin spielen wollten?
Schuch: Ganz im Gegenteil. Ich habe ihn weder an der Schule noch privat gelesen. „Berlin Alexanderplatz“ kannte ich nur aus der Volksbühne, die Castorf-Inszenierung mit Max Hopp als Biberkopf.
Qurbani: Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich ihn verfilme! Ich habe ihn das erste Mal mit 16, 17 als Schullektüre gelesen und überhaupt nicht verstanden. Ich hatte ihn aber als Sternchen-Thema im Deutsch-Abitur – und bin grandios daran gescheitert. Ich sollte eigentlich Medizin studieren, aber mit dem Numerus Clausus hat das dann nicht mehr geklappt. Döblin war schuld.
Das klingt ja fast nach einem Trauma. Wieso haben Sie sich dann daran gemacht?
Qurbani: Das Spannende war: Obwohl ich den Roman nicht mochte, hat er mich nicht losgelassen. Ursprünglich wollte ich einen ganz anderen Film drehen, über Dealer in der Hasenheide. Dafür habe ich nach einem narrativen Schlüssel gesucht. Und dann spielte das plötzlich, wohl durch eine unterbewusste Prägung, mit rein, dass ich da Parallelen gesehen habe. Ich sah zwei Außenseiter in der Gesellschaft: den Dealer und Biberkopf, bei Döblin ein Ex-Häftling, bei mir ein Flüchtling. Zwei, die beide in einer kriminellen Halbwelt, einem Paralleluniversum leben. Und in der Mitte der Gesellschaft ankommen wollen.
Schuch: Noch eine Verbindung – das war mir vorher gar nicht klar: Du wolltest Arzt werden. Und Döblin war ja Arzt. Mir ging es wie dir: Ich kam anfangs mit dem Buch überhaupt nicht zurecht. Ich spürte da so einen Abstand. Erst nach 100 Seiten habe ich überhaupt den Rhythmus verstanden. Und dann wurde das doch ein Universum.

War von Anfang an klar, dass Sie das Buch ins Heute verlegen? Und wie schwer war es, die Döblin-Erben davon zu überzeugen?
Qurbani: Das war immer die Grundprämisse. So haben wir uns auch Stephan Döblin, dem Sohn, genähert. Und ich war völlig baff, wie schnell der zugesagt hat. Ich habe ja erst zwei Filme gemacht, das waren nicht unbedingt Kassenknüller. Und von denen hat man in Frankreich, wo Stephan wohnt, sicher nie gehört. Und dann habe ich auch noch eine Migrantengeschichte daraus gemacht. Aber Stephan fand das sofort gut.
„Berlin Alexanderplatz“ wurde schon zwei Mal verfilmt, das letzte Mal von Fassbinder. Wie viel Druck lastet da auf einem?
Schuch: Ich hatte diesen Druck nicht. Ich habe die Serie nie gesehen. Und beschloss, das dann auch erst nicht zu tun. Damit wir ganz frei ausgehen konnten von Burhans Vision…
Qurbani: …. Halluzination!
Schuch: … und göttlichem Wagnis! (beide lachen) Ich habe die Serie allerdings auch seither nicht gesehen.
Qurbani: Für uns war von Anfang an klar, wir müssen uns total von Fassbinder lösen, sonst können wir nur scheitern. Es gibt ja in New York dieses Kino, wo die Serie in Dauerschleife läuft. Die Erkenntnis, dass man diesem Mann nie gerecht werden kann, ist der Befreiungsschlag, um etwas Eigenes zu machen.

Bei Ihnen wird Franz zu Franics und landet bei Dealern in der Hasenheide. Wie recherchiert, wie dreht man in der Drogenszene?
Qurbani: Natürlich kannst du nicht einfach auf die Dealer zugehen und sagen, ich drehe einen Film, erzähl mal ein bisschen. Ich habe erst mal mit der Polizei gesprochen. Es war dann eher Welket, der den direkten Kontakt gesucht hat.
Schuch: Für mich hat die Figur Reinhold etwas sehr Künstliches, deshalb wollte ich gar nicht so auf Feldforschung gehen, wie ich das sonst tue. Ich wohne aber nicht weit von der Hasenheide weg. Bei diesem Dreh musste ich mir deshalb sehr bewusst Rituale zurechtbasteln, um von Reinhold zu Albrecht zurück zu switchen. Da fehlte mir die Distanz. In der Zeit musste ich immer bei meiner Freundin in einem anderen Kiez übernachten.
Qurbani: Ich fand allerdings spannend, wie sehr uns die Dealer ihrerseits beobachtet haben. Die haben ja gemerkt, dass wir sie nachspielen. Die haben uns überhaupt nicht ernst genommen. Ich kam mir da oft ziemlich lächerlich vor.
Sie leben beide in Berlin. Haben Sie die Stadt durch den Film noch mal anders entdeckt?
Qurbani: Ich habe gerade wieder angefangen, eine Berlin-Geschichte zu schreiben. Aber irgendwie ist die Stadt auserzählt, es ist schwer, noch eine Ecke zu finden, die nicht schon „überdreht“ ist. Und schlimmer: Was Berlin für mich so sexy macht, ist das Lebensgefühl. Und ich weiß nicht, ob das Corona übersteht. Das bedeutet nämlich Ausgehen, in Clubs gehen, rastlos sein.
Schuch: Wir drehen ja ständig in Berlin, an allen möglichen Enden. Neu scheint mir das nicht. Jedenfalls nicht beim Drehen. Beim Sehen des Films gewinnen die Dinge plötzlich eine andere Dimension. Aber auserzählt? Berlin ist unerschöpflich, so lange es unterschiedliche Köpfe und Perspektiven darauf gibt.

Der Deutsche Filmpreis war dieses Jahr ein Schaurennen zwischen „Systemsprenger“ und „Berlin Alexanderplatz“. Sie, Herr Schuch, haben für beide Filme gewonnen. „Berlin Alexanderplatz“ fiel aber gegen „Systemsprenger“ ab. Schmerzt sowas?
Schuch: So habe ich das nie gesehen. Für mich war die Situation auch viel zu luxuriös, gleich mit zwei so unterschiedlichen Filmen nominiert zu sein. Das ist überhaupt die schönste Auszeichnung. Die Vorstellung, im Saal genau zwischen diesen beiden Teams zu sitzen, fand ich schon cool. Daraus ist ja wegen Corona nichts geworden. Das war das Einzige, was ich bedauert habe. Aber wahrscheinlich hätte mich das auch überfordert.
Qurbani: Mein letzter Film lief im selben Jahr wie „Victoria“. Da hat außer „Victoria“ niemand was gewonnen. Insofern war ich ganz happy, dass diesmal etwas übrig blieb. (lacht) Ich war auch froh, in einem so starken Jahr mit dabei sein zu dürfen. Mit dem besten Film in einem schwachen Jahr fühlst du dich auch nicht happy. Und worüber ich mich am meisten gefreut habe: Der Mann, der seit zehn Jahren all meine Filme betreut und verfeinert hat, der ZDF-Redakteur Burghard Althoff, hat auch Noras Film betreut. Burghard fördert junge Talente und bietet solche Möglichkeiten. Das ist eine Leistung, die man honorieren muss.
Herr Qurbani, Sie sind der Sohn afghanischer Flüchtlinge. Inwiefern spielten da Erfahrungen der Ausgrenzung von Ihren Eltern oder von Ihnen selbst mit hinein?

Qurbani: Das war wie eine innere Recherche. Die Zeit im „Asylantenheim“, wie das damals hieß, habe ich nur als Baby mitbekommen. Aber als in den 80er-, 90er-Jahren in einer zweiten Welle viele meiner Verwandten nach Deutschland kamen, haben wir viel Zeit in diesen Heimen verbracht. Als Kind sind mir da viele Gerüche eindrücklich, eine Atmosphäre von Misstrauen und die Angst, nicht bleiben zu dürfen. Das haben wir auch alles in die erste Drehbuchversion eingearbeitet. Daraus hätte man aber einen eigenen Film machen müssen. Am Ende mussten wir uns doch mehr auf den Roman konzentrieren. Aber natürlich spielt das Fremdsein in der Fremde in allen meinen Filmen eine große Rolle, das ist mein Thema. Aber doch auch eine Erfahrung, die jeder schon einmal gemacht hat.
Kurz vor der Filmpremiere auf der Berlinale gab es den Anschlag in Hanau. Was einmal mehr zeigte, dass die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland immer größer wird. Nach dem Todesfall von George Floyd gab es aber auch hier große Demos gegen Rassismus. Könnte sich die Gesellschaft zum Besseren wandeln – oder wird sie sich weiter spalten?
Schuch: Austausch ist wichtig, Bildung ist wichtig. Beides aber fehlt an so vielen Orten. Das ist eine der größten Ursachen für Dummheit, Populismus, einfache Lösungen und – Verführung. Es ist immer wieder traurig, dass solch schreckliche Taten wie in Hanau oder bei George Floyd passieren. Traurig, aber wahr: Sie sind der Auslöser dafür, dass man „mal wieder” darüber diskutiert. Der Diskurs muss jedoch konstant und viel nachhaltiger geführt werden, damit so etwas nicht mehr passiert.
Qurbani: Albrecht und ich haben uns in der letzten Zeit zwei Mal getroffen, zu Beginn des Lockdowns in der Hasenheide und dann zufällig auf Black-lives-matter-Demos auf dem Alexanderplatz. Da haben wir über das Gefühl einer seltsamen Solidarität gesprochen. Ein Gefühl, das sich bei mir durch den Lockdown zog, war, dass ich, wann immer ich aus dem Fenster sah, die ganze Fensterfront beleuchtet sah. Alle waren zu Hause, alle sensibilisiert dafür, wie es ist, eingesperrt zu sein. Das war ein großes, kollektives Gefühl von Gemeinschaftlichkeit, wie man das weltweit zum ersten Mal erlebt hat. Ich glaube, das haben wir in den Protest mit hineingetragen. Das war vor allem ein Werk der Digital Natives. Und ich hoffe, dass dieses solidarische Gefühl die jungen Menschen so beeindruckt hat, dass sie das fortführen.



