Film

„Königin“ - Trine Dyrholm ist Mutter und Monster

| Lesedauer: 6 Minuten
Fatale Anziehung: Im Filmdrama „Königin“ verführt Anne (Trine Dyrholm) ihren Stiefsohn Gustav (Gustav Lindh).

Fatale Anziehung: Im Filmdrama „Königin“ verführt Anne (Trine Dyrholm) ihren Stiefsohn Gustav (Gustav Lindh).

Foto: Rolf Konow / Rolf Konow SMPSP

Im Film „Königin“ spielt Trine Dyrholm eine Frau, die sich in ihren Stiefsohn verliebt – und damit eine Katastrophe auslöst.

Sie liebt Kinder. Nicht nur die eigenen. Sie setzt sich auch für Minderjährige ein, die gemobbt, verprügelt, vergewaltigt werden. Keine Frage also, dass sich die erfolgreiche Anwältin Anna (Trine Dyrholm) sofort bereiterklärt, ihren Stiefsohn Gustav aus der ersten Ehe ihres Mannes aufzunehmen, als der mal wieder von einer Schule fliegt.

Aber bald schon kümmert sie sich nicht nur mütterlich um ihn. Sie beginnt eine Affäre mit dem 17-Jährigen, der nicht mal halb so alt ist wie sie. Ausgerechnet die Anwältin für traumatisierte Jugendliche lässt sich mit einem Schutzbefohlenen ein. Bringt damit alles in Gefahr, was sie sich aufgebaut hat: ihre Familie, ihr Berufsleben, ihr Traumhaus. Und nutzt, als das alles zusammenzubrechen droht, kalt ihre Macht und Autorität brutal, um sich das Erreichte zu bewahren.

Dänischer Kandidat für das Oscar-Rennen

Das ist das Schock-Element von „Königin“. Der dänische Film hätte eigentlich am 9. April im Kino starten sollen, erlebt seine Premiere nun aber an diesem Dienstag als Video-on-Demand im Internet. Weil derzeit alle Kinos geschlossen sind. Und weil es, wenn sie einmal wieder öffnen werden, einen solchen Stau an Filmstarts geben wird, dass vermutlich gerade solch kleinere, kon-troverse Arthouse-Produktionen nicht entsprechend wahrgenommen werden. Was im Fall des zweiten Spielfilms von May el-Toukhy mehr als schade wäre. „Königin“, der in Dänemark mit vielen Preisen ausgezeichnet und auch als offizieller Kandidat ins Oscar-Rennen geschickt wurde, beackert zwar ein weithin bekanntes und ausgeschlachtetes Klischee: die Midlife-Krise und wie sie voller Egoismus und ohne Rücksicht auf die Umwelt ausgelebt wird. Aber im Mittelpunkt steht diesmal eben kein Mann, sondern eine Frau. Und das auch noch in Zeiten von #MeToo.

Soll das jetzt das Ergebnis der leidenschaftlich geführten Debatte, soll das ausgleichende Gerechtigkeit sein, dass nicht mehr nur Männer Monster spielen? Mit Sicherheit nicht. Aber umso mutiger ist es von der Regisseurin, mitten in dieser aufgeheizten Situation einen Film zu lancieren, der daran erinnert, dass Machtmissbrauch zwar überwiegend, aber eben nicht ausschließlich von Männern verübt wird. Und oft man ja erst den Ausnahmefall zeigen, um die Öffentlichkeit wirksam auf ein Tabuthema hinzuführen. Dass hat schon Barry Levinson vor einem Vierteljahrhundert bewiesen, als er in „Enthüllung“ von einem Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz erzählte: aber eben nicht von einer männlichen, sondern einer weiblichen Führungskraft.

Desselben Skandalons bemächtigt sich nun May el-Toukhy. Dass man diesem unangenehmen Film mit seiner mehr als ambivalenten Hauptfigur dennoch folgt, ist nicht nur dem sensiblen Drehbuch zu verdanken, dass die Regisseurin mit ihrer Koautorin Maren Luise Käehne schrieb. Sondern vor allem der großartigen, vielschichtigen Trine Dyrhom in der Titelrolle. Die vielfach preisgekrönte Schauspielerin („Das Fest“, „In einer besseren Welt“), die unter anderem auf der Berlinale 2016 einen Silbernen Bären gewann, geht hier einmal mehr an Grenzen und spielt diese Mutter, die zum Monster wird, mit einer Eindringlichkeit, die erschüttert, und auch mit dem Mut zur Entblößung. Auch bei Sexszenen, die überraschend explizit sind.

Was aber treibt diese erfolgreiche, arrivierte Vorzeigefrau, die anfangs durchaus eine Sympathiefigur ist und wie spielend Familie, Beruf und Haushalt im Griff hat, dazu, sich auf den Stiefsohn einzulassen? Ist es wirklich nur die Angst vor dem Alter und der Ekel vor dem welkenden Fleisch, was sie mit einem jüngeren Partner kaschieren und verdrängen will? Ist es vielleicht auch Rache an ihrem durchaus liebevollen Mann (Magnus Krepper), der sie gleichwohl immer ein wenig von oben herab behandelt und ihr sagt, was sie zu tun hat? Ist es ein Ausbruchsversuch aus einer nach wie vor patriarchalisch bestimmten Gesellschaft, in der selbst der Mitbetreiber ihrer Kanzlei ständig meint, ihr sagen zu müssen, dass sie nicht so impulsiv agieren, dass sie sich besser be“herr“schen sollte? Oder war sie womöglich in ihrer eigenen Jugend selbst, was sie einmal kurz andeutet, worüber sie aber nicht sprechen will, Opfer eines Missbrauchsfalls? Was sie nun spät kompensiert, indem sie die Machtverhältnisse einfach verkehrt?

Der Film legt einige Fährten aus, ohne sie, wie das in so vielen durchschnittlichen Produktionen der Fall wäre, aus- oder gar überzuerzählen. Stattdessen zwingen die Regisseurin und ihre Hauptdarstellerin den Zuschauer dazu, Stellung zu beziehen. Dass da etwas nicht stimmt in der Familienidylle, das nimmt „Königin“ gleich vorweg, wenn schon in der Eröffnungssequenz die Kamera einmal einen regelrechten Salto schlägt. Die Wohlstandswelt ist da schon im Wanken und gerät bald gänzlich aus den Fugen. Anfangs kümmert sich die Mittvierzigerin noch liebevoll um den familiären Neuzugang Gustav (eindringlich gespielt vom schwedischen Nachwuchsstar Gustav Lindh).

Als das Problemkind sich der neuen Familie gegenüber erst ablehnend verhält, ja sie sogar bestiehlt, schließt Anna, ganz Regentin, ganz „Königin“ ihres kleinen Reichs, einen pragmatischen Pakt mit ihm: Entweder er integriert sich – oder sie geht zur Polizei. Das scheint erfolgreich. Aber dann entdeckt sie durch den Jungen längst verlorengeglaubte Sehnsüchte wieder – und lebt sie mit ihm aus. Und als es so irgendwann nicht weitergehen kann, stellt sie sich nicht etwa der Wahrheit. Sondern streitet alles ab. Und verteidigt ihr schickes Luxusheim – das einen nicht von ungefähr an den südkoreanischen Film „Parasite“ erinnert – mit einer Entschlossenheit, die schockiert und sprachlos macht.

„Wovor hast du am meisten Angst?“, fragt sie der Junge einmal im kurzen Glück ihrer heimlichen Affäre. „Dass alles verschwindet“, antwortet die Mutter, die bald schon alles, Haus und Hof, wie eine feudale Herrin verteidigen wird. „Königin“ ist ein Drama über Liebe und Verrat, über Lebensfehler, das Unvermögen, sie einzugestehen, und die Katastrophen, die sie auslösen können. Ein Film, der lange nachwirkt und zu erregten Diskussionen führen dürfte. Wenn er denn, dem Ausweichstart im Netz zum Trotz, auch wahrgenommen wird.​