Neu im Kino

Nina Hoss zeigt im „Vorspiel“, wie man den Bogen rauskriegt

Nina Hoss glänzt einmal mehr – hier als kontrollwütige Pädagogin. In „Das Vorspiel“ zieht sie harte Saiten auf.

Anna Bronsky (Nina Hoss) unterrichtet Alexander (Ilja Monti) mit unerbittlicher Strenge.

Anna Bronsky (Nina Hoss) unterrichtet Alexander (Ilja Monti) mit unerbittlicher Strenge.

Foto: dpa

Beim Vorspiel im Musikgymnasium scheint sie die Gute zu sein. Die anderen Lehrkräfte sind sich schnell einig in der Ablehnung des scheuen Violinschülers Alexander (Ilja Monti). Die Musiklehrerin Anna Bronsky (Nina Hoss) dagegen sieht Begabung und Potenzial und will es mit ihm versuchen.

Bei ihrem Einzelunterricht freilich erweist sie sich als unerbittlich. Wie besessen lässt sie ihn die immergleichen Akkorde üben, üben, üben. Disziplinlosigkeit duldet sie nicht. Und beim Versuch, ständig seine Körperhaltung zu korrigieren, wird sie sogar übergriffig. Dass diese gestrenge Lehrerin zwangsneurotisch und kontrollwütig ist, zeigt sich schon in kleinen Alltagsverrichtungen Unter ihrem Eifer, ihren Eleven anzutreiben, vernachlässigt sie auch ihr Privatleben.

Üben, üben, üben

Darunter leidet nicht nur ihr Mann (Simon Abkarian), ein Instrumentenbauer, der eigentlich ihr Ruhepol ist. Sondern vor allem der eigene Sohn, Jonas (Serafina Mishiev), den die Mutter auch schon zum Geiger erziehen wollte und der sich dagegen auflehnt.

Mehr zum Thema: Ein Interview mit Nina Hoss

Mehr und mehr gerät der neue Schüler zum eigenen, manischen Profilierungsprojekt. Hat doch auch die Lehrerin einst eine Musikkarriere angestrebt und ist ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden. Nun überträgt sie diese Manie auf ihre Zöglinge, die schaffen sollen, was sie selbst nicht erreichen konnte. Wobei sie selbst, das deutet dieser Film sanft an, unter einem kalten, autoritären Elternhaus litt, das immer nur Erfolg erwartet und erzwungen hat.

Wesensverwandtschaft zum Film Lara“

„Das Vorspiel“ ist in gewisser Weise ein Déjà-vu. Kam doch erst vor einem halben Jahr mit „Lara“ schon ein anderer deutscher Film über eine verbitterte, neurotische Frau ins Kino, die ihre Karrierepläne aufgeben musste und ihren Ehrgeiz auf den Sohn übertrug.

In Jan-Ole Gersters Film ging es ums Klavier, in Ina Weisses Film geht es nun um die Violine und also ganz bildlich darum, wie man den Bogen rauskriegt. Und so wie „Lara“ ein großes Geschenk an seine Hauptdarstellerin Corinna Harfouch war, lebt „Das Vorspiel“ durch Nina Hoss.

Der Film scheint ihr wie auf den Leib geschrieben. Wie sie sich in ihren Ehrgeiz zerfrisst, alles andere darüber vergisst und ihre ganze Umwelt mit Machtspielchen aus Zuwendung und Abweisung traktiert, das spielt Nina Hoss – die lange nicht mehr zu sehen war und endlich wieder in einem Film spielt – in feinen Nuancen und Schattierungen.

Und Regisseurin Ina Weisse, die selbst Schauspielerin ist, weiß diese unaufdringlich und doch unbarmherzig nachzuspüren. Wie unter einem Mikroskop beobachtet sie ihre Antagonistin und fördert deren Dysfunktionalität zutage.

Der ganze Druck muss sich entladen

Ein Psychogramm, das auch viel über unsere Leistungsgesellschaft mit ihren Ansprüchen, Konkurrenzen und Versagensängsten erzählt. Und unerbittlich auf eine Eskalation zusteuert.

Das titelgebende Vorspiel steckt dabei den Rahmen ab. Wie der Film mit der Aufnahmeprüfung beginnt, endet er mit der Zwischenprüfung, die alles entscheidet – über das Los des Schülers wie auch das der Lehrerin. Und wo der ganze Druck, der sich da aufgebaut hat, entladen muss. Dabei überrascht Ina Weisse mit einer finsteren Wende, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

„Das Vorspiel“: der Trailer zum Film

Drama D/F 2019 von Ina Weisse, mit Nina Hoss, Simon Abkarian, Jens Albinus