Film-Interview

Sam Mendes: „Es sollte eine Erfahrung in Echtzeit sein“

Der Filmregisseur hat sein Kriegsdrama „1917“ wie in einer einzigen Einstellung gedreht. Dafür gab es gerade zehn Oscar-Nominierungen.

Zwei Soldaten irren durch die Hölle des Ersten Weltkriegs: Regisseur Sam Mendes mit seinen Hauptdarstellern Dean-Charles Chapman, (l.) und  George MacKay bei den Dreharbeiten.

Zwei Soldaten irren durch die Hölle des Ersten Weltkriegs: Regisseur Sam Mendes mit seinen Hauptdarstellern Dean-Charles Chapman, (l.) und George MacKay bei den Dreharbeiten.

Foto: Universal Pictures

Vor einer Woche hat das Kriegsdrama „1917“ zwei Golden Globes gewonnen. Am Montag kamen noch zehn Oscar-Nominierungen hinzu. Ein großer Triumph für Sam Mendes. Der britische Regisseur ist zwar seit seinem Oscar für „American Beauty“ und den James-Bond-Filmen „Skyfall“ und „Spectre“ Erfolg gewöhnt, „1917“ war aber doch ein Wagnis. Weil der ganze Film inszeniert wurde, als sei er in einer einzigen Einstellung gedreht. Den Film hat Mendes in Berlin noch vor der Globe-Verleihung vorgestellt. Wir trafen den 54-Jährigen im Soho-House.

Berliner Morgenpost: Es gab in den letzten Jahren viele Filme, die die Illusion erweckten, in einer einzigen Einstellung gedreht worden zu sein. Von „Birdman“ und „Revenant“ bis zum Berlin-Film „Victoria“. Wie kamen Sie auf die Idee, einen Kriegsfilm so zu drehen?

„Victoria“ wurde wirklich in einer Einstellung gedreht. Die beiden Filme von Innaritu taten nur so. Wir tun auch nur so. Du kannst keinen Kriegsfilm in nur einer Einstellung drehen. Aber die Idee war von Anfang an die, dass dies ein Erlebnis wie in Echtzeit sein sollte. Um die Zuschauer so weit wie möglich in diese Kriegserfahrung einzubinden. Jede Sekunde, die vergeht, sollte spürbar sein. Eine klaustrophobische Situation, dass man meint, mit den jungen Männern in der Falle zu sitzen. Mit einer subjektiven Kamera, bei der man emotional mitgeht.

Filmemacher klagen immer, dass sie zu wenig Geld und Zeit kriegen. Sie dagegen haben für „1917“ sechs Monate lang geprobt.

O, wir hatten junge Schauspiele und keine Megastars. Wir haben das Budget also nicht gesprengt. Die Proben waren für allem für meinen Kameramann Roger Deakins und mich, weil wir wissen wollten, wie wir die beiden Hauptdarsteller auf ihrer Odyssee begleiten können. Das hatte den Vorteil, dass die Schauspieler irgendwann vergessen haben, wo die Kamera stand. Ich habe sie viel improvisieren lassen und sie dabei zusammen mit Roger umkreist. So hat sich das ganz organisch ergeben.

„1917“ hat einen persönlichen Bezug. Sie haben ihn Ihrem Großvater Alfred H. Mendes gewidmet. Basiert der Film auf seinen Erfahrungen?

Es geht im Film nicht über meinen Großvater, es gibt ihn dank meines Großvaters. Er war als 17-Jähriger in diesem Krieg und dann für den Rest seines Lebens ein glühender Pazifist. Als ich klein war, hat er sehr viel darüber erzählt. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, wer da eigentlich gegen wen kämpfte. Denn davon hat er nie gesprochen. Auch nie über Heldentum oder Mut. Sondern über die Nähe zum Tod und den Zufall, dass eine Granate den Freund neben ihm tötete und er unversehrt blieb. Das war weniger eine Geschichtsstunde, es ging um existenzielle Nöte. Und so wollte auch ich keinen Film über den Ersten Weltkrieg machen, sondern zeigen, wie man Krieg am eigenen Leib erlebt. Mir ging es nicht um eine politische, sondern um eine menschliche Wahrheit.

Hat er Ihnen das alles freiwillig erzählt? Kriegsveteranen haben früher über ihre Erfahrungen ja doch ehergeschwiegen.

Seinen Kindern hat er das nie erzählt. Aber wir Enkel haben das irgendwie aus ihm herausgebracht. Angefangen hat es damit, dass ich immer lachte, weil er sich exzessiv die Hände wusch. Bis mein Vater sagte, dass Opa sich immer an den Schlamm in den Schützengräben erinnerte und dass man nie sauber wurde. Da habe ich nicht mehr gelacht. Das hat sich mir eingebrannt. Das war über 50 Jahre her und immer noch tief in ihm drin. Also fragte ich – und er erzählte. Dass er das tat, hatte aber auch einen Grund. Er war selbst ein Autor, ein Storyteller. Und er wollte, dass ich auch mal Schriftsteller werde und einen Roman darüber schreibe, noch vor seinem Tod. Er ließ mich sogar einen kleinen Vertrag unterzeichnen. Das war ein Witz, aber ich habe unterschrieben. Ich habe das natürlich nicht geschafft, er starb 1991. Aber ich denke, es würde ihm gefallen, was ich aus seinen Erinnerungen gemacht habe.

Wie schwierig war es, die Balance zu halten, einerseits Respekt vor den Erfahrungen der Soldaten zu zollen und andererseits diese filmische Seherfahrung zu kreieren?

Diese Diskrepanz war mir immer bewusst. Nutzen wir das Leid all dieser Menschen aus, um Unterhaltung zu kreieren? Die Frage stellt sich schon. Mir war aber wichtig, dass wir die Geschichte so wahrhaftig wie möglich erzählen. Wir zeigen einen kleinen Ausschnitt dieses Krieges. Und auch da war uns wichtig, dass wir vieles nur andeuten oder am Rande streifen. Ja, da sind Leichen und Pferdekadaver. Manchmal soll der Zuschauer aber gar nicht unterscheiden, ob das Schlamm ist oder ob das Leichen sind. Einer der beiden Hauptfiguren achtet nicht auf die Würmer, Kadaver und Leichen am Boden, er verdrängt sie, der andere schaut unentwegt darauf. Es ist deine Wahl, welcher der beiden du bist.

Nach Ihren zwei Bond-Filmen: Was ist schwieriger, ein Bond oder ein Kriegsfilm?

Bond! Bond zu drehen, ist wirklich wie Krieg. Die Produktion ist so komplex, du hast mehrere Einheiten, die parallel arbeiten, die du gar nicht alle überschaust. Da musst du echt strategisch planen. „1917“ war auch schwierig, aber sehr methodisch und linear. Die Arbeit war sehr konzentriert, wie in einem Tunnel. Allein nur mit einer Kamera zu drehen und nicht mit drei oder vier gleichzeitig, ist wundervoll. Da können sie jeden Regisseur fragen, alle werden das bestätigen. Wenn du dagegen in einem Bond-Film halb Mexico City zu Bruch gehen lässt, mit zwölf Kameras, Helikoptern und Tausenden von Statisten: Da bist du echt angespannt. Und das waren nur die ersten Minuten in „Spectre“! Nach diesem Film brauchte ich erst mal ein Jahr Pause. Weil ich kein Leben mehr hatte. Tatsächlich entstand die Idee zu „1917“ während des Bond-Films. Das wurde eine echte Sehnsucht, ich wollte mal einen Film von Anfang an selbst gestalten. Und nachdem ich schon die ersten fünf Minuten in „Spectre“ in einer einzigen Einstellung ohne Schnitt gedreht habe, wusste ich, ich könnte einen ganzen Film so inszenieren.

Nach „Skyfall“ wollten Sie keinen zweiten Bond-Film mehr drehen. Warum haben Sie „Spectre“ dann doch gemacht? Und waren Sie am Ende zufrieden damit?

Er war okay. Aber ich mochte den ersten mehr. Bei „Spectre“ war ich von einer Storyidee begeistert, die aber nicht richtig funktioniert hat. Wir fingen dann zu drehen an, ohne ein fertiges Drehbuch zu haben. Und ich glaube, keiner hat je damit eine gute Erfahrung gemacht. Wenn du einen Film drehst, musst du wissen, worauf es hinausläuft. Sonst fliegst du blind, und das ist keine komfortable Situation für den Piloten eines Jumbo Jets. Ich durfte wieder mit Daniel und derselben Crew,arbeiten, deshalb wollte ich es machen. Aber das ist nicht genug, um einen Film zu drehen.

Und wenn man Sie wieder wegen Bond fragen würde, mit einem fertigen Drehbuch?

Nein, damit bin ich durch. Ich hatte fünf große Jahre damit, das war ein Abenteuer. Aber mein Leben verläuft jetzt anders und ich habe andere Dinge zu sagen.

Muss man in Zeiten von Streamingdiensten solch ungewöhnlichen Drehs wagen wie „1917“, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden im Kino?

Ich sehe mich selber erst mal als Konsument und finde als solcher die große Auswahl erst mal toll. Auch das Kino bietet viele Möglichkeiten: Breitwand, Dolby Atmos, 3D, Imax. Die Herausforderung ist: Du musst etwas kreieren, was die große Leinwand braucht, das wirklich dahin gehört. Ich habe in der Vergangenheit Kinofilme gedreht, die würde ich heute für Netflix machen. Ich könnte nicht mehr rechtfertigen, warum sie auf die Leinwand sollen. Aber ich habe auch Megaproduktionen wie Bond gemacht. Da gibt es kein Richtig oder Falsch. Nur ein mehr oder weniger interessant.