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„1917“: Kriegsgrauen als Echtzeit-Erfahrung

Bond-Regisseur Sam Mendes hat den Ersten Weltkrieg als Echtzeit-Erfahrung ohne Schnitt inszeniert. Dafür gab es zwei Golden Globes.

Der Obergefreite Schofield (George MacKay) inmitten des Kriegstreibens.

Der Obergefreite Schofield (George MacKay) inmitten des Kriegstreibens.

Foto: dpa

Anfangs ein fast schockierendes Idyll. Zwei junge Männer vor satten Wiesen. Den Ersten Weltkrieg assoziieren wir mit Schwarzweißbildern und zerpflügten Feldern. Doch dies ist nur ein trügerischer Moment der Ruhe vor einem dann nicht mehr endenden Sturm. Die Kamera dreht sich, und schon ist da die Front.

Und die beiden Soldaten laufen in einen Graben, der immer tiefer wird, ein Labyrinth nicht enden wollender Schützengräben, die so typisch für den damaligen Stellungskrieg sind. Das alles wird ohne Schnitt inszeniert und hat den Effekt, dass man als Zuschauer meint, mit in den Krieg hineingezogen zu werden.

Wettlauf gegen die Zeit, Odyssee durch die Fronten

Das ist ein virtuoser Griff. Und er wird beibehalten. Sam Mendes’ „1917“ wurde zwar nicht, wie der Berlin-Film „Victoria“, wirklich in einer einzigen Einstellung gedreht, aber er tut doch so. Und arbeitet mit langen Plansequenzen und wenigen, kaschierten Schnitten. Man ahnt, dass die Einstudierung der minuziös geplanten Choreografien eine ähnliche Generalstabsplanung erfordert haben muss wie ein echter Kriegseinsatz.

Mehr zum Thema: Sam Mendes über seinen Film „1917“

Dabei ist „1917“ ein Kriegsfilm ohne Krieg. Zwar sind dauernd dessen Verwüstungen zu sehen. Aber nie wird eine einzige Schlacht gezeigt. Ähnlich wie in „Jarhead“ (2005), Mendes’ erstem Kriegsfilm, in dem GIs im zweiten Irakkrieg durch die Wüste von Kuwait irrten, werden in „1917“ zwei blutjunge Obergefreite durch die Hölle des, wie er einst genannt wurde, „Großen Krieges“ geschickt.

Es geht nicht um Politik, sondern um Immersion

Ein Himmelfahrtskommando: Die Deutschen haben einer britischen Einheit eine Falle gestellt, die den sicheren Tod für Hunderte von Kameraden bedeutet. Blake (Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) sollen sie rechtzeitig warnen, ein Wettlauf gegen die Zeit und eine Odyssee durch das Niemandsland zwischen den Fronten.

Mendes geht es nicht um Politik oder Schuld und schon gar nicht um heroische Akte. Es geht ihm um das unmittelbare Miterleben des Kriegsgrauens. Der Zuschauer ist immer hautnah mit dabei, wenn die zwei Soldaten durch Felder, Schlamm und Pfützen waten und durch Bombenkrater, Kriegstrümmer und vermintes Gelände stolpern.

Immer wieder begegnen ihnen Vorgesetzte, Stars wie Colin Firth oder Benedict Cumberbatch, die doch nur gleich wieder fort sind. Oder einfache Soldaten, die, wie sie selbst, noch grün hinter den Ohren sind, Kinder fast.

„Eintauchen“ mit einer speziell entwickelten Kamera

Manche Bilder wirken wie apokalyptische Traumbilder, wenn eine ganze Stadt in Flammen steht, andere wie mythische Überhöhungen, wenn Leichen in einem Fluss treiben, als sei es der Styx, der in die antike Unterwelt führt.

Gerade erst hat „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson mit „They Shall Not Grow Old“ einen ganz neuen Blick auf den Ersten Weltkrieg ermöglicht: indem er historisches Dokumentarmaterial aufwendig restaurierte, kolorierte und in 3D konvertierte. Die Mittel heutiger Sehgewohnheiten machen diesen Krieg, der so entrückt, so lang vorbei scheint, ganz neu nachvollziehbar.

Völlig anders dagegen ist die Herangehensweise von Bond-Regisseur Mendes. Hollywood spricht in diesem Fall von „immersiv“. Ein Begriff aus den Virtual-Reality-Games, der Eintauchen in eine fremde Welt meint. Mendes erzählt eine fiktive Geschichte aus permanent subjektiver Sicht. Aber er zerhackt das eben nicht, wie das oft geschieht in Kriegsfilmen, in ein Stakkato von Schnitten, das den Schock intensivieren soll. Sondern zeigt das als Echtzeit-Erfahrung in scheinbar einem einzigen Shot.

Dafür wurde eine spezielle Kamera entwickelt, mit der Kameramann Robert Deakins durch das Geschehen hetzt: mal auf Augen-, mal auf Kniehöhe der Gefreiten, zeigt er auch schreckliche Details, die den beiden entgehen (oder die sie nicht sehen wollen). Und entfernt sich dann wieder von ihnen, um sie in endloser Weite zu zeigen.

Ein irritierender Nachgeschmack bleibt

Diese Ästhetik hat etwas Beklemmendes, Klaustrophobisches. Der Zuschauer fühlt sich wie die Soldaten gefangen in dieser Hölle ohne Ausweg. Und am Ende bleibt ein Gefühl, das man genauso auch mit Franzosen oder Deutschen oder gar über einen anderen Krieg hätte erzählen können: absolute Verlorenheit.

Mendes hat den Film seinem Großvater Alfred H. Mendes gewidmet, der den Krieg als 17-Jähriger erlebte. Und seine Absichten, einen Antikriegsfilm zu drehen, der den Namen verdient, sind über jeden Zweifel erhaben. Dafür hat „1917“ gerade zwei Globes gewonnen und wurde für zehn Oscars nominiert. Und doch bleibt ein Nachgeschmack.

Als Zuschauer ertappt man sich oft dabei, dass man vor den vielen Leichen nicht nur zurückschreckt, sondern auch rätselt, wie der Kameramann das wohl gefilmt hat, wie er sich da hindurchbewegt hat. Ähnlich wie bei „Utøya, 22. Juli“, der das Massaker 2011 in Norwegen in einem einzigen Shot nachstellte, muss man sich auch hier fragen, ob sich diese Ästhetik bei aller Virtuosität angesichts des Kriegsgrauens nicht verbietet.

„1917“: der Trailer zum Film

Kriegsdrama USA/GB 2019, 119 min., von Sam Mendes, mit George MacKay, Dean-Charles Chapman, Colin Firth, Benedict Cumberbatch