Komische Oper

Regisseur Harry Kupfer ist tot - Nachruf auf einen Weltstar

Der langjährige Chefregisseur der Komischen Oper in Berlin wurde 84 Jahre alt. Er feierte vor allem als Wagner-Regisseur große Erfolge.

Opernregisseur Harry Kupfer starb nach langer Krankheit in Berlin.

Opernregisseur Harry Kupfer starb nach langer Krankheit in Berlin.

Foto: Herbert Pfarrhofer / dpa

Berlin. Im Nachhinein erscheint manches deutlicher, ja symbolischer: Regiealtmeister Harry Kupfer war im März noch einmal an die Komische Oper zurückkehrt, um Händels „Poros“ auf die Bühne zu bringen. Gut 21 Jahre lang hatte er das Berliner Opernhaus geleitet, anschließend 17 Jahre lang als Regisseur gemieden. Dann die späte Rückkehr: Sauwohl fühle er sich am Haus, sagte er, bei einem Probenbesuch war zu erleben, wie er mit kindlicher Freude zu seinem Regiepult in den Saal stürmte. Der Barockkomponist hatte bereits Kupfers Anfängerzeit in Halle geprägt, wo gerade eine Händel-Renaissance ausgerufen worden war, um die statuarischen Werke vom Staub zu befreien. Kupfers „Poros“ ist ein Stück seines Vermächtnisses. Mit 84 Jahren ist er am Montag in Berlin gestorben.

Mit einem einzigen Wort hatte ein langjähriger Dirigentenfreund ihn mal treffend beschrieben. Harry Kupfer sei besessen, sagte Daniel Barenboim, der ja selbst ein Besessener ist. Beide hatten in Bayreuth ab 1988 einen viel beachteten „Ring des Nibelungen“ herausgebracht, an der Staatsoper Unter den Linden folgte in den 90er-Jahren gleich ein großer zehnteiliger Wagner-Zyklus. Es ging um nicht weniger als eine musikalisch-szenische Weltendeutung, um das ewige Ringen um Humanismus. Zuletzt hatten die Beiden 2018 Verdis „Macbeth“ Unter den Linden herausgebracht.

Von Berlin aus hatte Harry Kupfer – er wohnte in einem Gebäude direkt am Checkpoint Charly – weltweit an großen Häusern gearbeitet. Die Liste der Produktionen zwischen Moskau, London, San Francisco, Tokio oder Sydney ist lang, wir reden von rund 200 Inszenierungen. Über die Jahrzehnte hinweg war Kupfer damit auch zum wandelnden Opernlexikon geworden. Man musste ihm nur einen Operntitel oder eine Opernfigur nennen und es sprudelte in seiner gebildeten, intellektuellen Redegewandtheit nur so aus ihm heraus.

Kindheit in den Hinterhöfen des Prenzlauer Bergs

Aber zwischendurch kam immer auch mal die Berliner Schnoddrigkeit hervor. Dann sprach er davon, dass er mit jemandem zusammen passte wie zwei linke Schuhe. Für ihn beschrieb das große Nähe, war also ein Lob. Oder eine Ratte musste quietschen. Das war für ihn ein Synonym für beste Unterhaltung auf der Bühne. Er hat auch Musical inszeniert.

Harry Kupfer, Jahrgang 1935, war in den Hinterhöfen des Arbeiterviertels Prenzlauer Berg aufgewachsen. Nach dem Krieg spielten spontane kleine Operntruppen in noch funktionierenden Kinosälen, im Kino Friedrichshain hatte er als 12- oder 13-Jähriger eine „Madame Butterfly“ erlebt. Damit begann die Besessenheit, sein Leben in den Probensälen von Opernhäusern zu verbringen. Und wer später mit Kupfer arbeitete, musste irgendwie besessen sein. Nach der Wiedervereinigung hatte Kupfer sich den ihm vertrauten künstlerischen Betriebsdirektor Albert Kost aus Köln als Intendanten an die Komische Oper geholt. Er lobte Kost damals als jemanden, der sein Feldbett im Büro aufstelle. Also immer für die Oper da war.

In Leipzig hatte Kupfer ab 1953 Theaterwissenschaft studiert. Fünf Jahre später debütierte der junge Regieassistent mit Dvořáks „Rusalka“ am Landestheater Halle. Kurz darauf wurde er Oberspielleiter der Oper am Stralsunder Theater. Seine Ochsentour führte ihn über Karl-Marx-Stadt, Weimar und Dresden schließlich nach Berlin. 1981 wurde er Chefregisseur der Komischen Oper, was an dem kleinsten der drei Berliner Opernhäuser bedeutet, dass er das Sagen hatte. Dirigenten haben sich dort mehr oder weniger immer unterzuordnen.

Der Regisseur wird in der Nachfolge des Opernhaus-Gründers Walter Felsenstein gesehen, obwohl Kupfer nur einmal bei ihm hospitiert hatte. Der Österreicher Felsenstein hatte etwas Neues in Berlin ausgerufen, nämlich die Gleichrangigkeit von Musik und Schauspielerei, was heute als realistisches Musiktheater üblich ist. Überhaupt sollten Opern in Deutsch aufgeführt werden, damit jeder sie verstehen kann. Und der Sänger sollte nicht nur an der Rampe stehen, sondern auf der Bühne zum Handelnden werden. Genau genommen hat Kupfer das Konzept des realistischen Musiktheaters zur besten Blüte gebracht und im deutschsprachigen Opernbetrieb beispielhaft verbreitet. Bereits 1973 hatte er Strauss’ „Elektra“ in Graz inszeniert, sein Bayreuther Debüt mit dem „Fliegenden Holländer“ 1978 sorgte als Psychogramm der Senta für Furore.

Ausgefeilte Massenszenen und authentische Hauptdarsteller

Er gehörte zu den musikalischsten Regisseuren, die ihre Inszenierungen aus der Partitur heraus entwickelten und bei Probenbeginn bereits ihr Konzept im Kopf hatten. Er stand immer auf der Seite der Kleinen gegen die da oben. Er verlieh den Menschen Größe. Bei ihm war immer wieder zu sehen, was gutes Opernhandwerk mit ausgefeilten Massenszenen und authentischen, ja sinnlichen Hauptdarstellern hervorbringen kann. Der Regisseur liebte seine Sänger, und die Sänger ihn.

Gerade auch wegen seiner Klugheit und seiner herzlichen Bescheidenheit. Eine Sopranistin, die bereits in seiner Stralsunder Zeit schwere Mozart-Koloraturen zu singen hatte und dabei eine Treppe herunter gehen sollte, was für Diskussionen sorgte, hatte er geheiratet. Aus der Ehe mit Marianne Fischer ist Tochter Christiane Kupfer, eine Schauspielerin, hervorgegangen.