Am heutigen Dienstag gibt es zum letzten Mal die Gelegenheit, das Cine­Star Original im Sony Center zu besuchen. Trotz Silvester kann man in dem Kino abends noch den neuen „Star Wars“ sehen oder das Filmmusical „Cats“. Aber selbst wenn einen die Filme gar nicht interessieren, könnte man noch mal mit der Rolltreppe ins Untergeschoss fahren.

Über den berühmten Teppich laufen, auf dem Drehbuchzeilen des Kultfilms „Taxi Driver“ abgedruckt sind. Und den Blick nach oben schweifen lassen, aufs Glasdach, durch das man das Wasserbassin und den Baldachin des Sony-Centers sieht. Es ist die definitiv letzte Möglichkeit. Pünktlich zum Jahreswechsel schließt das Kino, genau 20 Jahre nach seiner Inbetriebnahme.

Der Gang mit dem berühmten Drehbuchteppich und dem Blick hinauf in das Sony Center.
Der Gang mit dem berühmten Drehbuchteppich und dem Blick hinauf in das Sony Center. © Peter Zander

Schon die letzten Tage über herrschte eine seltsame Stimmung im Multiplexkino. Arglose Gäste, die gar nicht wussten, dass das Haus schließen wird, liefen lachend durch die Gänge. Aber es gab auch wehmütige Dauergäste, die noch ein paar nostalgische Selfies auf dem Teppich schossen. Und die Kartenverkäuferinnen und Ticketabreißer, für die diese letzten Tage besonders schmerzlich sein müssen, wünschten tapfer „gute Unterhaltung“.

Gleich Anfang Januar wird das Inventar abgebaut

Wenn ein Multikplexkino schließt, muss man nicht unbedingt traurig sein. Es waren ja gerade diese Riesengebäude mit mehreren Sälen, die in den 90er-Jahren zum Massensterben kleinerer, tradierter Kinos geführt haben.

Beim CineStar Original darf man dennoch Krokodilstränen vergießen. Denn das Kino hatte nicht nur als besondere Attraktion das Imax-Kino mit seiner XXL-Leinwand im Obergeschoss. Sein Alleinstellungsmerkmal war, dass in allen seinen acht Sälen Filme ausschließlich in der englischsprachigen Originalversion liefen.

Das war bundesweit einmalig. Und nicht nur bei Cineasten beliebt, bei denen Synchronfassungen verpönt sind. Es war auch ein großartiges Angebot für die vielen Touristen und fremdsprachigen Bürger der Stadt. Und ein Zeichen für die Weltoffenheit Berlins.

Außerdem fanden hier zahllose Filmpremieren statt, für die dann das komplette Sony Center abgeriegelt und zur Partymeile wurde. Das war auch bei Hollywoodstars beliebt. Mel Gibson stellte hier „Der Patriot“ vor, Daniel Craig gleich mehrere James-Bond-Filme, Sarah Jessica Parker mit all ihren Partnerinnen „Sex and the City“. Und Tom Cruise, Will Smith und Quentin Tarantino waren Dauergäste.

Hollywoodstar Tom Cruise bei einer seiner vielen Premieren am Platz, hier bei „Jack Reacher“ 2016.
Hollywoodstar Tom Cruise bei einer seiner vielen Premieren am Platz, hier bei „Jack Reacher“ 2016. © picture alliance / dpa

Zuletzt feierte hier am 4. Dezember Dwayne Johnson die Premiere von „Jumanji“. Das Sony Center, ein Aushängeschild der Stadt mit Stars und Glamour. Alles vorbei, alles Vergangenheit. Nutznießer dieser Entwicklung dürfte der Zoo Palast sein, wo in vergangener Zeit deutlich mehr Anfragen für Premieren eintreffen.

Auf einen Schlag sind 2400 Kinoplätze weg

Das CineStar Original sei gut besucht, der Betrieb aber wegen der hohen Miete defizitär gewesen, betont CineStar-Geschäftsführer Oliver Fock. Daher wurde beschlossen, den Betrieb einzustellen.

Das habe nichts mit dem Verkauf der CineStar-Kette an den Kinobetreiber Vue International zu tun, dem bereits die Cinemaxx-Kette gehört, die ebenfalls ein Multiplex mit sogar 19 Sälen auf der anderen Seite des Potsdamer Platzes betreibt.

Auch andere CineStar-Kinos seien nicht in Gefahr. An anderen Standorten in Berlin, am Alexanderplatz, in Hellersdorf, Tegel und Treptow, sollen jetzt zum Ausgleich verstärkt Originale mit Untertiteln gezeigt werden. Ein schwacher Trost. Denn in der Mitte der Stadt brechen auf einen Schlag knapp 2400 Kinoplätze weg.

Daniel Craig fuhr zur Premiere des James-Bond-Films „Spectre“ stilgerecht im Aston Martin DB 10 zur Premiere ins Sony Center.
Daniel Craig fuhr zur Premiere des James-Bond-Films „Spectre“ stilgerecht im Aston Martin DB 10 zur Premiere ins Sony Center. © picture alliance / Geisler-Fotopress

Mit dem Abbau des Inventars wird gleich in den ersten Januartagen begonnen. Die Berlinale, die das CineStar seit ihrem Umzug an den Potsdamer Platz immer für die Sektionen Panorama und Forum genutzt hatte, hoffte lange, man könnte die Säle noch für die nächste Ausgabe (20. Februar bis 1. März) nutzen.

Die Berlinale weicht ins Cubix aus

Nun weicht das Festival stattdessen in das Cubix am Alexanderplatz aus, wie Mariette Rissenbeek, die neue Berlinale-Geschäftsführerin, vor wenigen Tagen bekannt gab. Das Cubix, ebenfalls ein CineStar-Haus, das bislang zwei Säle für das Filmfest reservierte, wird jetzt komplett zur Festivalstätte. Auch wenn der Standort ziemlich weit weg ist vom Berlinale-Zentrum und die Säle weit weniger beliebt sind.

Mit dem CineStar verliert Berlin aber nicht nur eine Institution für Filmfreunde. Auch das Sterben des Potsdamer Platzes geht damit munter weiter. Nach der Wiedervereinigung wollte man hier die neue Mitte der neuen Hauptstadt errichten, angelehnt an die große Tradition der 20er-Jahre. Und das schien nach der Eröffnung des neuen Musicalhauses, des Sony-Centers und des um Hunderte Meter versetzten Meistersaals auch wirklich zu gelingen.

Seit einiger Zeit herrscht aber nur noch Agonie am Platz. Erst gab der Musical-Eigentümer Stage Entertainment auf, dann litten die Potsdamer Platz Arkaden unter Aderlass, als immer mehr Filialen in die nahe gelegene „Mall of Berlin“ am Leipziger Platz umzogen.

Halle Berry stellte hier 2012 gemeinsam mit Tom Hanks „Cloud Atlas“ vor.
Halle Berry stellte hier 2012 gemeinsam mit Tom Hanks „Cloud Atlas“ vor. © dpa | Britta Pedersen

Dass der Cirque du Soleil künftig das alte Musicalhaus neu bespielen wird, gibt Anlass zur Hoffnung. Aber es wird nicht leicht sein, den Platz wieder aus seinem Dornröschenschlaf zu reißen. Dafür beginnt jetzt das Sterben auf der anderen Seite des Potsdamer Platzes. Ist das Kino erst mal geschlossen, gibt es dort nur noch Legoland und Restaurants. Aber kaum reizvolle Unterhaltungsangebote.

Am Platz manifestiert sich eine falsche Stadtplanung

Der Eigentümer des Sony Centers, Oxford Properties, beharrt zwar gegenüber der Berliner „Abendschau“, man führe bereits Gespräche mit mehreren Interessenten. Und man wolle das Areal auch als bedeutenden Kinostandort erhalten. Andere Kinoketten haben aber bislang kein Interesse bekundet. Und Büroräume im Keller wird auch niemand ernsthaft wollen.

Der Potsdamer Platz – wieder eine Brache wie zu Mauerzeiten, trotz modernster und engster Bebauung? Stephan von Dassel (Grüne), der Bürgermeister des Bezirks Mitte, sieht das nicht so fatalistisch. Es sei zwar schade um das Kino. „Ich tue mich aber schwer, wegen der Schließung eines Unternehmens gleich den Untergang von Mitte zu prognostizieren.“ Was sich allerdings an dem Platz bemerkbar mache, gibt er zu, sei eine falsche Stadtplanung, die den öffentlichen Raum nicht richtig bespielt habe. „Das hätte man allerdings schon damals in den 90er-Jahren wissen können.“