Es ist der magische Moment, als sich der Mann und die Frau auf der Treppe begegnen. Er geht langsam die Stufen nach oben, sie hinunter. Ihr fällt ein Glas Honig herunter, er reicht es ihr zurück. Für einige Sekunden berühren sich ihre Hände und die Welt scheint stillzustehen. Dieser Augenblick wird in Chaya Czernowins neuer Oper „Heart Chamber“, die am Freitag ihre gefeierte Uraufführung an der Deutschen Oper erlebte, mehrfach durchgespielt. In Zeitlupe à la Robert Wilson und auch rückwärts.
Mit dem Thema Liebe kennt sich die Oper traditionell bestens aus. Die Spielpläne sind voller Bestseller mit schmachtenden Tenören und girrenden Sopranistinnen, mit Liebe, Intrige und Verzweiflung. Aber mit dieser Uraufführung hat sich die Deutsche Oper weit von ihrem Image der Sängeroper entfernt. Schöngesang findet praktisch nicht statt, die Sänger treten hinter das multimedial erzeugte Stimmungsbild zurück. Es gibt keine Handlung wie man sie aus Opernführern kennt. Und dennoch ist die anderthalbstündige Produktion überwältigend und auf ungewohnte Weise berührend.
Der Erfolg gründet sich im Zusammenwirken von Johannes Kalitzkes musikalischer Leitung und Claus Guths Regie. Dazu kommen Urs Schönebaums punktgenaue Lichtregie, das Video-Design von rocafilm und die Live-Elektronik des SWR Experimentalstudios. Trotz der manchmal überbordenden Technik im Saal will Chaya Czernowin das Publikum nicht erdrücken, es ist eine Oper oft an der Grenze des Verstummens.
Die Musik der aus Israel stammenden, in Boston lebenden und an der Harvard University lehrenden Komponistin lässt sich nicht mit Begrifflichkeiten wie Melodie, Harmonik oder Rhythmus beschreiben. Im Fluss der Geräusche gibt es zwar Stilzitate etwa der Renaissance, aber es bleibt nur intuitiv erfassbar. Das Klangmaterial wird auf typisch zeitgenössische Weise verfremdet. Die Streicher spielen nicht auf den Saiten, sondern auf dem Steg, die Bläser sind für die Varianten von Luftgeräuschen zuständig. Einige Musiker sind auch im Zuschauerraum verteilt. Zwischendurch glaubt man gar den von Uli Fussenegger rechts im Zuschauersaal gespielten Kontrabass lachen zu hören.
Die Protagonisten laufen die Wilmersdorfer Straße entlang
Es dauert einige Zeit, um dem Geheimnis der Oper auf die Spur zu kommen. Die Komponistin hat offenbar versucht, in ihr eigenes Herz hineinzuhören. Was geht in einer Herzkammer vor sich, wenn sie Liebe, Einsamkeit, Sehnsucht oder Verzweiflung spürt? Sie rauscht, pocht, strömt, hämmert, pulsiert oder stockt. All das ist in dieser Oper aus dem Innenleben immer wieder zu vernehmen. Es ist also keine Oper für fachlich korrekte Kardiologen im Publikum, die nicht an die Romantik des eigenen Herzschlags glauben wollen.
Claus Guth hat den Stoff lebensprall umgesetzt. In den großflächigen Filmeinspielungen laufen die Protagonisten allein durch die Wilmersdorfer Straße, umgeben vom Gewusel der belebten Einkaufsmeile. Sie und Er, so die Rollenbezeichnungen, sollen bei Guth also typische Großstadtbewohner sein. Oder besser die einsamen Seelen einer Metropole. Die Komponistin hat sich für ihre inzwischen vierte Oper erstmals das Libretto selbst geschrieben. In dem englischsprachigen Text werden auch Träume oder Albträume über das traditionelle Rollenverhalten von Mann und Frau abgehandelt.
Das findet andeutungsweise auch in den Filmeinspielungen statt. Er geht in ein Haus und plötzlich bricht ein Baum aus dem Fußboden hervor. Der Fußboden wird transparent, man sieht viele Ameisen. Die kleinen Schwarmtierchen sollen an eine Familie erinnern – Er träumt also von der Struktur der Gesellschaft, die nur überleben kann, wenn alle in Familie leben. Sie hingegen rennt auf der Leinwand durchs Badezimmer und träumt von wucherndem Moos. Sie versucht es mit den Fingernägeln wegzukratzen. Hausarbeit und Kinderbetreuung gehören zum Selbstverständnis.
Wenn uns die innere Stimme etwas anderes sagt
In der Bühnenrealität steht auf der Drehbühne ein Gebäude im Bauhaus-Stil, wie es sich zahlreich auch in Tel Aviv finden lässt. Die Bewohner tun in Zeitlupe alltägliche Dinge, sie sitzen am Tisch und schweigen. Oder essen. Sie neigen sich aneinander zu oder voneinander ab. Sie liegen auf der Wiese vor dem Haus oder gehen die Treppe rauf und runter. Sie und Er sind in der Uraufführung mit den großen Stimmen von Patrizia Ciofi und Dietrich Henschel besetzt. Als innere Stimmen sind ihnen Noa Frenkel und Terry Wey hinzugesellt.
Mehrere Seelen schlagen in einer Brust. Einmal preist Er die Weite, seine innere Stimme ist der Freiheit überdrüssig. Die Quasi-Quartette sind beeindruckend, gerade auch, weil es kein Gesang ist, der gefällig auf der Zunge liegt. Darstellerisch setzen die Solisten in dieser Aufführung Maßstäbe.
Nach anderthalb Stunden ist es so weit: Sie sagt zu ihm „I love you“. Es ist so wunderbar unglaubhaft nach all dem Gehörten und Gesehenen. Aber „Heart Chamber“ will ein Stück über die Verwirrungen der Liebe sein. Ein Blick ins Textbuch zeigt, dass Chaya Czernowin die Oper ihrem Mann, dem Komponisten Steven Kazuo Takasugi, gewidmet hat.


