Neu im Kino

„Bis dann, mein Sohn“: Eine Elegie des Schmerzes

| Lesedauer: 5 Minuten
Klammern sich an das Foto ihres Sohnes: Wang Liyun (Yong Mei, r.) und Liu Yaojun( Wang Jing-chun).

Klammern sich an das Foto ihres Sohnes: Wang Liyun (Yong Mei, r.) und Liu Yaojun( Wang Jing-chun).

Foto: Piffl Medien

Auf der Berlinale war er der Favorit. Jetzt kommt das Meisterwerk „Bis dann, mein Sohn“ ins Kino. Einer der schönsten FIlme des Jahres.

Es ist ein Hä?-Moment, der einen sofort in diesen Film hineinzieht. Gleich zu Beginn von „Bis dann, mein Sohn“ ertrinkt ein Junge am Stausee. Weit draußen. Quälend lang ist der Weg in die Stadt, die Eltern müssen mit dem Jungen in den Armen durch einen Tunnel rennen, in dem ihnen ein Zug entgegenrast Auch im Krankenhaus müssen sie durch lange Gänge laufen, doch die Kamera läuft nicht mehr mit, sie bleibt stehen, sieht sie weit hinten, am anderen Ende des Flurs, zusammenbrechen.

Ein Unfall, der alles verändert

Dann, eine Szene und ein paar Jahre später, streiten sich die Eltern mit dem älter gewordenen Sohn, weil der etwas gestohlen hat. Hä?, denkt man, hat man nicht aufgepasst? Ist der Junge gar nicht gestorben? Man glaubt schon, der Badeunfall war nur eine Nahtoderfahrung, die die Familie nur noch enger an­einanderschweißt. Aber dann tuscheln die Mitarbeiter des Vaters, in einem fremden Dialekt, dass der Junge ja wohl nicht der echte Sohn sein soll.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Die Folgen der Ein-Kind-Politik

„Bis dann, mein Sohn“ handelt von großen Themen wie Verlust, Traumaverarbeitung und Zusammenhalt. Und auch von der Entwicklung Chinas in den letzten 30 Jahren. Der Film des vielfach preisgekrönten Regisseurs Wang Xiaoshuai erzählt dies aber immer ganz privat, im kleinen Ausschnitt einer Familie, zeigt dadurch aber um so stärker, wie fatal sich die große Politik auf den kleinen Mann und die kleine Frau auswirkt.

Dabei geht es vor allem um die rigide Ein-Kind-Politik, mit der das kommunistische Land von 1979 bis 2015 ihr Bevölkerungswachstum drosselte. Mutter Wang Liyun (Yong Mei), die in derselben Fabrik wie ihr Mann Liu Yaojun (Wang Jingchun) am Aufbau des Landes mitarbeitet, wird ein zweites Mal schwanger und will dies verheimlichen. Ihre beste Freundin, die leitende Angestellte der Fabrik, muss das melden. W

Kunstvoll verschachteltes Epos

Wang Liyun wird einer Zwangsabtreibung unterzogen, nach der sie für immer unfruchtbar bleibt. Und kurz darauf ist es just der Sohn der Freundin – am gleichen Tag geboren wie der ihre und wie ein Zwilling mit ihm aufgewachsen –, der mitschuldig wird am Tod des Kindes.

Regisseur Wang Xiaoshuai erzählt das in einem großen Epos voller Brüche, in über drei Stunden, von denen man aber keine Minute missen möchte. Als buchstäblicher Scherbenhaufen, kunstvoll verschachtelt mit Zeitsprüngen nach vorn und zurück, die man sich selbst zusammenlesen muss, um das Geschehen zu begreifen. Der Tod des Jungen liegt dabei wie eine Blutschuld zwischen den beiden Elternpaaren.

Die eine, intakte Familie profitiert bald vom Wirtschaftsaufschwung der Volksrepublik. Lia Yaojun und Wang Liyun dagegen zerbrechen an ihrem Verlust und ziehen, ja fliehen in den Süden Chinas, wo sie ein ärmliches Leben führen. Bis auch ihr „neuer“ Sohn, den sie aufgenommen haben, nicht mehr bei ihnen leben will. Und das Trauma von neuem beginnt.

Scheinbar Beiläufiges ist ganz beredt

Es ist grandios, wie Yong Mei und Wang Jing-chun diese Eltern spielen – wie sie altern, immer mehr verstummen und ihr Los nicht nur ertragen, sondern wirklich tragen. Bei Schicksalsschlägen müssen sie immer wieder durch lange Gänge laufen. Das Leben ist ein langer, dunkler Gang. Ganz oft fängt die Kamera die Figuren aber auch quasidokumentarisch bei Alltagsverrichtungen ein. Schweift dabei ab und nimmt beiläufig scheinbar Nebensächliches auf, das doch so viel erzählt über die Zeit und ihr Vergehen.

Es sind einfache Bilder, die starke Wirkung haben und im Gedächtnis bleiben: wie die Eltern am ärmlichen Grab ihres Jungen hocken und die Kamera sie plötzlich von hinten zeigt, vor einem riesigen Friedhof voller monumentaler Gräber. Oder wie die Eltern nach vielen Jahren zurück in die Stadt kommen und die große Mao-Statue von einst verzwergt ist vor einem riesigen Shopping Center, das inzwischen dort gebaut wurde.

Ein großes Werk der kleinen Gesten

Der Zuschauer ist gefordert bei diesem Film, gewiss. Weil er stets wach auf Details achten muss. Aber er wird vielfach belohnt. Durch eine Geschichte, die einen nicht mehr los lässt und ans Herz geht. Auf der vergangenen Berlinale war „Bis dann, mein Sohn“ der Festivalliebling. Auch wenn am Ende „nur“, aber immerhin im Doppel, Yong Mei als beste Darstellerin und Wang Jingchun als bester Darsteller ausgezeichnet wurden.

Nun kommt dieses große Werk der kleinen Gesten ins Kino. Wer ihn auf der Berlinale verpasst hat, muss ihn unbedingt nachholen. Ein schlichtes Meisterwerk, das am Ende noch eine große Lektion lehrt: das Verzeihen und – ja, dieses Wort ist hier sehr angebracht – Versöhnen. Peter Zander

Drama China 2019 185 min., von Wang Xiaoshuai, mit Wang Jing-chun, Yong Mei, Qi Xi