Neu im Kino

„Lara“, der neue große Wurf nach „Oh Boy“

Sieben Jahre nach „Oh Boy“ legt Jan-Ole Gerster seinen neuen Film „Lara“ vor. Der brilliert vor allem mit Corinna Harfouch.

Lara

Lara

Foto: Studiocanal

Welch ein Anfang, der schon ein Ende ist. Es ist ihr 60. Geburtstag. Aber kein Grund zum Feiern. Gleich nach dem Aufstehen öffnet eine Frau in ihrer Hochhauswohnung ein Fenster, stellt einen Stuhl davor und steigt darauf. Sie müsste nicht mal springen, könnte sich nur fallen lassen.

Doch just in diesem Moment klingeln zwei Polizisten an ihrer Tür, die einen Zeugen für eine Hausdurchsuchung brauchen. Und sie sei doch auch mal Beamtin gewesen und helfe sicher gern. Ein absurder, grotesker Moment. Da steht sie dann, im Zimmer des Nachbarn, fremd und geniert. Und streicht doch zart über das Klavier, das dort steht.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Mit dieser ersten Sequenz des Films „Lara“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, ist im Grunde schon alles gesagt über diese von Corinna Harfouch grandios verkörperte Frau. Der Name, den sie trägt, ist in der Filmgeschichte eigentlich für immer besetzt. Lara, das war die große Liebe im Klassiker „Doktor Schiwago“. Diese Lara aber, das wird schnell klar, hat nie eine Liebe gehabt. Außer wohl die zur Musik. Wovon das heimliche Streichen über das Klavier zeugt, ein kurzer, intimer Augenblick, ein dezenter Fingerzeig.

Fortan folgt der Film seiner Titelfigur durch einen einzigen Tag. Durch diesen runden Geburtstag, der eher ein Trauertag ist. Der Freitod wurde vermasselt. Dafür rechnet Lara auf andere Weise mit ihrem Leben ab. Die Frau, die vor ihrer Pensionierung in der Stadtverwaltung gearbeitet hat, hebt sämtliches Geld von der Bank ab. Kauft alle Eintrittskarten, die noch übrig sind für das große Konzert, das ihr Sohn, ein Pianist, just an ihrem 60. gibt. Und lässt sich treiben durch den Tag, durch ihren West-Berliner Kiez.

Ein Tag im Leben einer verbitterten Frau

Sie trägt einen dicken Mantel und eine riesige Sonnenbrille, was wie ein Panzer wirkt. Sie kauft für den Abend ein schickes Kleid, in dem sie doch wie Falschgeld aussieht. Und sie verschenkt die Tickets an einstige Kollegen – die Lara alle gefürchtet, wenn nicht gehasst haben – und an Nachbarn, Taxifahrer, Zufallsbegegnungen. Freunde scheint sie keine zu haben. Selbst der eigene Sohn, Viktor (Tom Schilling), antwortet auf keine ihrer Anrufe und hat sie auch nicht zu seinem Konzert eingeladen.

Ein Leben, das in Scherben liegt. Diese verbitterte Frau, das wird nach und nach klar, wollte einst selbst Pianistin werden. Davon zeugt auch eine leere Ecke ihrer Wohnung, in der mal ein Klavier gestanden hat. Ein einziger Satz ihres Klavierlehrers, den sie an diesem 60. auch aufsucht, hat einst ihren Traum zerstört. Stattdessen wurde sie eine pedantische Beamtin. Und hat doch ihrem Sohn das Klavierspielen beigebracht, hat ihn unerbittlich in die Karriere gedrängt, die sie selbst nie hatte.

Und begleitet ihn doch mit derselben beißenden Kritik, die sie selbst hat scheitern lassen. Als sie ihren Sohn dann doch aufspürt, kurz vor seinem wichtigen Konzert, bei dem er sich erstmals auch als Komponist vorstellt, schafft sie es mit einem einzigen Satz, ihn komplett zu verunsichern. Es bleibt bis zum Schluss ein Thrill des Films, ob er diese fundamentale Kritik überwinden wird. Oder ob er seinen Traum ebenfalls beerdigt.

Kompletter Gegenentwurf zu „Oh Boy“

Sieben Jahre ist es her, dass Jan-Ole Gerster mit seinem Debüt „Oh Boy“ begeistert hat. Sieben lange, quälende Jahre auf der Suche nach einem neuen Stoff, der dem riesigen Erfolg des Erstlings gerecht wird. Das Warten hat sich gelohnt. Mit „Lara“ ist ihm erneut ein großer Wurf gelungen. Ein bestechendes Porträt voller tiefer, bitterer Wahrheiten, eingefangen in kühlen, streng kadrierten Bildern. Ein Drama, das uns alle zwingt, unsere eigenen Lebensentwürfe zu überprüfen. Und ein Werk, das so ganz anders ist als „Oh Boy“ und doch in vielem wie ein einziger Gegenentwurf wirkt.

Wieder spielt Tom Schilling eine Schlüsselrolle. Wieder folgt der Film einer verlorenen Figur, die an einem einzigen Tag durch Berlin treibt. Aber „Oh Boy“ handelte von einem Vater-Sohn-Konflikt, erzählt aus der Sicht des Jungen, der Film spielte im hippen Osten der Stadt, wurde in weichen Schwarzweißbildern eingefangen und von einer jazzigen Musik begleitet.

„Lara“ dagegen handelt von einem Mutter-Sohn-Konflikt, diesmal ganz aus der Perspektive der Älteren, der Film führt diesmal in den alten Westen, besticht durch klare, wenn auch kalte Farben und wird von klassischen Kompositionen getragen. Kaum zu glauben, dass Gerster hier kein eigenes Drehbuch verfilmt hat, sondern das des Slowenen Blaž Kutin, das er von Ljubljana nach Berlin verlegt hat.

Corinna Harfouch besticht in jeder Szene

Und wie „Oh Boy“ ganz von Tom Schilling lebte, so besticht „Lara“ vom ersten Moment an durch Corinna Harfouch. Eine Schwester im Geiste von Isabelle Huppert in Michael Hanekes Vergleichsfilm „Die Klavierspielerin“. Gerster gibt offen zu, dass er von Anfang an an Harfouch gedacht hat, dass er den Film ohne sie nie gedreht hätte.

Und wirklich kann man sich im Nachhinein kaum eine andere Schauspielerin in dieser Rolle vorstellen. Die mit so wenigen Dialogzeilen und so wenigen Gesten diese verbitterte, verhärmte Person so markant auf den Punkt bringt. Und doch unter dieser starren Maske eine Verletzlichkeit aufschimmern lässt, die den Zuschauer mitfühlen lässt mit dieser im Grunde schrecklichen Frau.

Ein Moment, der allein den ganzen Film lohnt

Man möchte sich diesen Film gleich ein zweites Mal ansehen, um zu zählen, wie wenige Sätze Harfouch sagt, wie oft sie zum Sprechen ansetzt und es sich dann doch auf ihren Lippen verbeißt. Um dann doch mit wenigen Worten vernichtende Kommentare, ja Todesurteile auszusprechen.

Ganz groß ist schließlich der Moment, wenn ihre Lara am Ende erkennen muss, dass ihr ganzes Leben auf einer Fehleinschätzung beruhte, dass sie ein verfehltes Leben gelebt hat. Was sich da in einem einzigen Moment in ihrem Gesicht abspielt, wie sich eine große Leere ausbreitet: Allein dieser Moment lohnt den Gang ins Kino.

Drama D 2019 98 min., von Jan-Ole Gerster, mit Corinna Harfouch, Tom Schilling, Rainer Bock, Gudrun Ritter