Der Titel dieses Films ist sehr vieldeutig. Zunächst ist es wirklich nur das Porträt einer jungen Frau, das in Flammen aufgeht. Und es ist die Malerin selbst, die ihr Werk verbrennt. Ganz offensichtlich sind zu viele Erinnerungen damit verbunden. In der langen Rückblende, dem eigentlichen Film, in dem dieses Gemälde erst entsteht, kommt der Malerin aber immer wieder dieses Bild in den Sinn: dass ihr Modell selbst Feuer fängt.
Eine sinnliche Metapher dafür, dass die beiden Frauen füreinander entflammen. Und bei ihrer langsamen Annäherung kommt das Modell einmal an einem Lagerfeuer wirklich zu nahe an die Flammen, und ihr Kleid beginnt zu brennen. Ebenfalls ein Sinnbild dafür, wie gefährlich, wie brenzlig diese Beziehung ist.
Eine weibliche Allianz gegen die Welt da draußen
Céline Sciammas Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, der auf den Filmfestspielen von Cannes frenetisch gefeiert wurde und der nun am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, ist eine feministische Befreiungsgeschichte. Und die Utopie einer unmöglichen Liebe. Im vorrevolutionären Frankreich um 1770 soll die junge Malerin Marianne (Noémie Merlant) auf einer entlegenen bretonischen Insel im Auftrag einer Gräfin (Valeria Golino) deren Tochter porträtieren.
Als Geschenk für einen Mann in Mailand, mit dem sie vermählt werden soll. Doch Héloïse (Adèle Haenel) möchte sich nicht malen lassen. Hat deshalb auch schon einen Maler vertrieben. Weshalb die Gräfin zu einer List greift: Marianne wird ihr als Gesellschafterin vorgestellt. Sie soll sie begleiten und studieren. Und das Bild im Geheimen malen.

Hier eine autarke, selbstbewusste Künstlerin, da eine Braut, die nicht nur in Korsetts, sondern in gesellschaftliche Zwänge eingeschnürt ist: Die Annäherung dieser beiden so grundverschiedenen Frauen vollzieht sich vor allem in langen Spaziergängen an der Küste, wobei der raue Wellengang den baldigen Sturm ihrer Gefühle vorausnimmt.
Historienfilm, der sich nicht in Dekors verliert
Héloise, so erfährt Marianne, wurde aus ihrem Kloster geholt. Eigentlich sollte ihre Schwester jene Zwangsehe mit dem Herrn aus Mailand eingehen und hat sich deshalb von den Klippen gestürzt. Auch Héloise will nicht in diese Ehe gepresst werden. Vorsichtig öffnet sie sich ihrer Begleitdame. Und muss es als Verrat empfinden, als sie dahinterkommt, weshalb Marianne eigentlich hier ist.
„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist ein Historienfilm, der ganz auf üppige Kulissen und Massenstatisterie verzichtet. Es komprimiert sich vielmehr auf ein Kammerspiel, das fast gänzlich von der Gesellschaft abgeschnitten ist. Und in dem auch konsequent keine Männer vorkommen. Hier sind nur Marianne, Héloïse und eine Magd (Luàna Bajrami), die sie bedient.
Ein Kammerspiel ganz ohne Männer
Drei Frauen, eine in grünem, eine in rotem, eine im ockerfarbenen Kleid, die hier, in totaler Isolation – auch die Gräfin ist meist abwesend – eine vorsichtige Unabhängigkeit und Freiheit genießen. Dabei werden auch Rollenbilder und Standesbilder salopp auf den Kopf gestellt. Die Herrin schneidet lieber Gemüse, während die Magd stickt. Und die beiden Damen lassen sich zwar bedienen, helfen ihrer Magd aber ganz selbstverständlich, als diese ein Kind abtreiben muss.

Dabei kommen sich Héloïse und Marianne immer näher, immer unverstohlener studiert die Malerin die junge Herrin, und die erwidert den Blick bald ganz offen. Die zart aufkeimende Liebe wird aber auf eine jähe Probe gestellt, als Héloïse erfährt, dass Marianne sie heimlich malt. Sie zwingt sie, das Gemälde zu zerstören.
Ein Bild aus Kalkül, und eins aus Liebe
Als die Fürstin daraufhin Marianne entlassen will, willigt Héloïse aber überraschend ein, nun freiwillig für ein zweites Porträt Modell zu sitzen. Eines, das nun die wahre Héloïse zeigen und in Liebe gemalt werden soll. Auch wenn beiden klar sein muss, dass die Vollendung dieses Gemäldes zwingend das Ende ihrer Liebe bedeutet.
Céline Sciamma hat bisher mit „Water Lilies“ (2007), „Tomboy“ (2011) und „Mädchenbande“ (2014) drei Jugendfilme gedreht, die die Fragen von Femininität und Geschlechteridentität aufwarfen. „Porträt einer Frau in Flammen“ scheint aus dieser Linie herauszufallen.
Ihr erstes Erwachsenendrama. Ihr erster Historienfilm. Ihr erster Film, bei dem sie mit professionellen Schauspielern arbeitete. Und doch bleibt sich Sciamma treu und weitet ihre Themen nur ins Historische. Zeigt, wie eng die Grenzen für Frauen damals, wie stark begrenzt auch die Möglichkeiten einer vermeintlich freien Malerin in einem reinen Männermilieu der Kunst waren.

Dabei braucht Sciamma kaum Dialoge und keine Filmmusik. Sie setzt ganz auf die großartigen Bilder ihrer Kamerafrau Claire Mathon, die sich buchstäblich ins Gedächtnis einbrennen. Wenn die Damen sich in der Landschaft verlieren, als seien sie Gemälde von Caspar David Friedrich.
Trost bei der Abtreibung durch kleine Kinder
Oder wenn die Magd bei der peinvollen Abtreibung ausgerechnet von zwei Kleinkindern der Engelmacherin getröstet wird. Immer sind die Frauen dabei ganz unter sich, eine natürliche Allianz gegen die Welt da draußen.
Erzählt wird das in langen, gemächlichen Einstellungen. Der Zuschauer muss sich darauf einlassen und geduldig still halten. Er wird also in dieselbe Position gezwungen wie ein Modell beim Porträtsitzen, was hier wiederum nur das Stillhaltenmüssen der Frau in der Gesellschaft widerspiegelt. Nur an diesem entrückten Ort, quasi in einem temporären Exil, können die Frauen aus den Konventionen ausbrechen. Das wird sehr behutsam inszeniert durch einen Tanz der Blicke und des Begehrens.
Damit greift Sciamma noch ein ganz anderes Thema auf: Über Jahrzehnte hinweg wurde das Kino bestimmt durch den männlichen Blick, vor allem auch den auf den weiblichen Körper. Dem stellt sie hier einen rein weiblichen Blick gegenüber. Und reflektiert damit zugleich ihr eigenes Metier, die Kunst des Bildermachens und des Kinos.
Drama F 2019 122 min., von Céline Sciamma, mit Noémie Merlant, Adèle Haenel, Luàna Bajramvon, Valeria Golino.



