Es ist ein Statement, schon klar, Berlin ist ihre Wahlheimat, und trotz der kurz danach vorgetragenen Nostalgie-Nummer über ihre Vergangenheit, der „Kleinstadtsymphonie“, ist das hier eben ihre Heimat. „Keiner pisst in mein Revier“, singt Sarah Connor in die Mercedes-Benz-Arena. Das hat hier sicher keiner hier vor.

Connors Gäste singen, schreien, küssen, weinen. Keine fünf Sekunden und die 39-Jährige hat mit ihrer ruppig formulierten „Mein Mann, nicht dein Mann“-Variation die Mehrzweckhallenbesucher beseelt. Draußen ist woanders, in Connors Revier gibt es ganz viel Gefühl. Ganz viel Herz. Für alle! Also fast alle: Später wird sie den Leuten noch sagen, beziehungsweise singen, was sie von einer gewissen Partei hält, beziehungsweise ihren Unterstützern - den "AfD-Idioten"

Sarah Connor in Berlin: Perfekte Zielgruppenoptimierung

Man muss es ihr lassen: Sarah Connor beherrscht die absolute Zielgruppenoptimierung. Die Teenies, die damals zu „Let’s Get Back To Bed - Boy“ ihre ersten Liebeleien hatten, sind nun gestresste Mütter, helfen ihren Eltern statt umgekehrt, haben Ausbruchfantasien, wollen Großes fühlen. Und das Große, das wird von Connor so heruntergebrochen, dass jeder sich hineinprojizieren kann.

Ihr Super-Hit „Wie schön du bist“, an dem Abend die große finale Zugabe, lebt auch davon, dass er wahlweise einem Kind, einem dementen Opa oder einem kriegsversehrten Straßenhund gewidmet werden könnte. Ein paar im Publikum haben wahrscheinlich alles drei. Dass es jedes Wort ganz persönlich fühlt, erkennt man schnell - die „Herz Kraft Werke“-Tour ist auch ein Chor-Event.

Nicht nur wegen der sechs fantastischen Gospel-Sänger die die Wahl-Berlinerin in ihre Heimatstadt mitgebracht hat (der die Banalitäten der Vergangenheit wie „Living to Love You“ und „From Zero To Hero“ veredelt und dem englischen Frühwerk ein beeindruckendes Denkmal setzt, auch wegen neuer Arrangements, die zeigen, dass Connor auch mal im Soul eine künstlerische Identität entwickelte). Sondern wegen der beeindruckenden Textsicherheit der Zuschauer.

Sarah Connor: Vielseitig - aber nicht für „AfD-Idioten“

Connor gibt sich vielseitig, aber nie divenhaft, eine von uns, mit den gleichen Fragen, die sich wohl alle hier stellen. Mal im luftigen Sommerkleidchen, mal in Lederhose und Rocker-Top: Ist der Alte treu? Würde die Liebe doch nochmal gewinnen, wenn wir mal Zeit für uns hätten, „Zeit am Strand“? Und war das gerade der Typ, dem das Herz irgendwie doch noch gehört, von damals (als man noch „Bounce“ hörte), und den man final gegen die vielleicht rationale Lösung ausgetauscht und tief im Gefühlsschrank vergraben hat, „unter alten Jacken“.

Alles mit Herz. Schön daran ist, dass Sarah Connor ausgesprochen gut singen kann. Und auch mal einen raushaut. Man darf, kann, soll ja nicht mehr sagen, was man denkt. Dann lässt sie in „Ruiniert“ - das hätte nach der Meinungsansage anders kommen können - erstmal raus, was sie von „AfD-Idioten“ hält. Nichts, übrigens.

Connor vereint die Tristesse des Alltags mit zugänglichen Texten, eher direkt, manchmal auf Kalender-Sprüche reduzierbar („Hör auf deinen Bauch! Hör auf die Stimme die sagt: Das ist noch so viel mehr! Steh auf! Geh raus!“). Und: Kleinen Anzüglichkeiten. Fragte sie auf dem ersten Album noch an einen Verflossenen gerichtet: „Kommst du mit ihr, so wie mit mir?“, erklärte sie ja schon zu Beginn, wie das mit anderen Frauen ist. Revier. Pissen. Und so.

Henning Wehland als Überraschungsgast

Connor ist 39, hat vier Kinder (ihre Frage, wie viele Anwesende ihren Nachwuchs heute Abend mal abgeben haben, um hier zu sein, wird von sehr vielen positiv beschieden), aber das heißt ja nicht, dass man keine Ecken mehr haben, keine Kanten. Eine Frau, die mal einige Zeit der größte Popstar des Landes war, dann irgendwie aus der Zeit fiel, ihre Familie zu einer Art Delmenhorster Kardashians aufzog, bevor man wusste, wer die Kardashians sind, und dann bei „Sing meinen Song“ landete. Und weil deutschsprachige Musik gerade so richtig populär war, eben umsattelte. Fünf Jahre später Arena. Mit zwölf Musikern, neun Background-Sängern und 13.500 Zuschauern. Und einem Duett mit Überraschungsgast Henning Wehland von H-Blockx und aus „The Voice“ („Bonnie & Clyde“). Läuft bei ihr.

Vielleicht wegen der bewegten Geschichte, und vielleicht auch, weil auch das von den vielen weiblichen Fans so gut auf sich selbst bezogen werden kann, kommt deshalb an diesem Abend zusätzlich eine düstere Nummer besonders zur Geltung, „Drachen“: „Sie läuft über Wasser, sie läuft über Glas“, singt Connor, „Sie jagt den größten Drachen, der sie beinah fraß, ja/Sie kommt aus der Hölle, ihr Schwert in der Hand/Vor Drachen und Feuer hat sie keine Angst.“

Gegen Ende gibt es dann endlich den großen Hit des neuen Albums, „Vincent“ - den vermeintlichen Skandal-Song, den einige Radiosender boykottierten. Es geht um unerwiderte Liebe, um einen schwulen Jungen vor allem. Und es kommt nochmal alles zusammen, das etwas anzügliche (“Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt“), das Kitschige (gegen Liebe hilft keine Medizin), aber eben vor allem das Herz: „Vincent hat zwei Kinder und ‘n starken Mann/Er hätt’ nie gedacht, dass man so lieben kann“. Wirklich jeder singt. Zweieinhalb Stunden lang. Die Tristesse, die Fragen des Alltags. Einfach weggeherzt.