Neu im Kino

„Bait“: Experimenteller Film vom Fischer und seinem Frust

Bitteres Sozialdrama mit spannender Ästhetik: „Bait“ sieht aus wie ein alter Film und handelt doch von einem brandaktuellen Thema.

In grobkörnigen Bildern wird die harte Arbeit einfacher Fischer gezeigt.

In grobkörnigen Bildern wird die harte Arbeit einfacher Fischer gezeigt.

Foto: Arsenal Filmdistribution

Ein Film wie aus einer anderen Zeit. Ein Schwarzweißfilm im 3:4-Format, mit grobkörnigen, teils verwackelten, teils verkratzten Bildern, die zuweilen quasi-dokumentarisch von der Arbeit einfacher Fischer erzählen: Das erinnert an frühe neorealistische Filme der 50er-Jahre, wenn nicht gleich an Werke von F. W. Murnau.

Die Geschichte dagegen ist eine ganz heutige, die von Gentrifizierung und überhand nehmendem Tourismus erzählt. „Bait“ spielt in Cornwall, dem britischen Küstenzipfel, den wir in letzter Zeit nur noch aus kitschigen Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen kennen. Aber von Schmalz und Pilcher ist hier keine Spur.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Die Gentrifizierung geht mitten durch das, was noch vor kurzem ein beschauliches Fischerdorf war. Und der Riss geht nicht nur durch die Gemeinde, sondern auch quer durch eine Familie. Martin Ward (Edward Rowe) versucht nach dem Tod des Vaters weiter, sich als Fischer über Wasser zu halten. Auch wenn die Ausbeute immer geringer wird. Auch wenn sein Bruder Steven (Giles King) den Kutter des Vaters längst zweckentfremdet für Hafentouren für gelangweilte Städter (womöglich Pilcher-Touristen?).

Aber auch Steven kommt nur geradeso über die Runden und schaut so neidisch wie sein Bruder auf das Haus des Vaters, das sie verkaufen mussten und in dem neureiche Städter jetzt Ferienwohnungen eingerichtet haben. Da gären ganz viele Konflikte, und sie werden zusätzlich angeheizt, weil die rebellische Tochter der neuen Hausbesitzer mit Martins Sohn anbandelt. Was beide Familien argwöhnisch beobachten.

Ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann

Das klingt nach vielen heftigen Wortwechseln. Aber, das ist das Spannende an diesem Film, mit seiner formalen Ästhetik schaut er lange, beinahe stumm und von ganz nah auf die Alltagsverrichtungen seiner Protagonisten. Erst nach und nach kann man sich zusammenreimen, wie das alles zusammengehört. Das Ganze wird noch durch offensichtliche Vorwegnahmen zusätzlich verfremdet.

Aber wenn man sich erst auf diese Filmsprache eingelassen hat, dann entsteht nach und nach ein Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Die angestaute Wut entlädt sich dann nicht nur in heftigen Dialogen entlädt, sondern auch in stakkatohaften Montagen, in den gleich zwei bis drei Konflikte munter gegeneinander geschnitten und dynamisiert werden.

„Bait“ heißt übersetzt Köder. Der Filmtitel ist somit doppeldeutig. Denn zum einen benennt er natürlich das Handwerkzeug der Fischer, zum anderen ist seine Ästhetik selbst ein raffinierte Köder, um ein Reizthema zu verarbeiten, das auch in Großstädten zu immer größerem Unmut führt: dem Massentourismus mit seinen Gewinnern und Verlierern und dem damit einhergehenden Verlust traditioneller Werte.

Es geht auch um die Fronten im Brexit-Streit

Mark Jenkin, der in seinem Langfilmdebüt nicht nur Drehbuch und Regie verantwortet, sondern gleich auch noch Kamera, Schnitt und sogar Musik, hat für den beklagten Traditionsverlust eine adäquate Form gefunden: wie das Fischereihandwerk ist ja auch der klassische analoge Film vorm Aussterben bedroht. Und wird hier so gezeigt, als sei er längst verfallen.

Und auch wenn der Brexit dabei nur kurz im Radio angerissen wird, prallen in diesem Film genau jene Fronten aufeinander, die durch die Brexit-Diskussion die britische Gesellschaft zu zerreißen drohen.

Drama GB 2019 87 min., von Mark Jenkin, mit Morgan Val Baker, Simon Shepherd, Mary Woodvine