Musik

„Seeed“: So lassen sie es auf dem neuen Album krachen

„Bam Bam“ ist die erste Platte der Kultband seit dem Tod ihres Sängers Demba Nabé. Das Album ist leicht und melancholisch zugleich.

"Seeed" erlöst die Fans. Die mussten ganze sieben Jahre auf das neue Album warten.

"Seeed" erlöst die Fans. Die mussten ganze sieben Jahre auf das neue Album warten.

Foto: Erik Weiss

Berlin. Es war eine verdammt lange Zeit, die sich Fans der Berliner Reggae- und Dancehall-Band „Seeed“ gedulden mussten: Ganze sieben Jahre hat es gedauert, ehe auf das vorerst letzte Studioalbum nun die neue Platte „Bam Bam“ folgte.

Eine Zeit, die die mittlerweile nur noch zehnköpfige Band wohl verdammen dürfte. Denn vergangenes Jahr kam einem neuen Album plötzlich das Leben – oder besser gesagt: der Tod – dazwischen. Sänger Demba Nabé starb überraschend 2018. Und plötzlich war bei „Seeed“ nichts mehr wie es mal war.

Lange Zeit war sogar unklar, ob die Musiker um das verbliebene Gesangsduo Peter Fox und Frank Dellé nicht ganz aufhören würden. Daran gedacht hatten sie nach eigener Aussage jedenfalls. Und entschieden sich dagegen. Gott sei Dank, muss man jetzt sagen, wenn man sich das neue Album anhört.

Auf fast schon wundersame Weise schafft es die Platte gleichzeitig leicht und doch melancholisch zu sein. Sie nimmt Abschied von einer Ära – und von Nabé – und ist dennoch ein Neuanfang. Und spricht ernste Themen an, die dank einer tanzbaren Musik dennoch gleich in die Beine gehen.

Erstes komplett deutschsprachiges Album – fast zumindest

Dieser Widerspruch zu hören, ist vielleicht in keinem Song besser, als auf dem letzten des Albums. „What a day“ singt hier Nabé. Er hatte das Lied lange vor seinem Tod aufgenommen, die Band vertonte es nun neu und packte es mit auf das am 4. Oktober erschienene Album. Es ist das einzige englische Lied auf dem ersten komplett deutschen Album von „Seeed“. Untermalt und getragen von dramatische Violinen, schicksalsschwere Streichbässe und verspielten Cembalo-Tönen.

Ein sensibles Liebeslied, das einen schönen Tag feiert – und trotzdem schwer melancholisch klingt. Aber auch andersherum geht es bei „Bam Bam“. Das erste Lied auf der Platte, „Ticket“, hat einen eingängigen Beat, klingt fröhlich und nach guter Laune. Peter Fox besingt hier den ewigen Kreislauf des Lebens.

Und hört man genau zu, merkt man schnell: Das ist kein klassischer Partysong, sondern hier spricht sich eine Band selbst Mut zu. „Irgendwann ist alles vorbei/ Doch so sieht der Deal aus/ Ich würd’ ihn wieder nehmen.“

Das Lied ist bereits im Sommer erschienen. In dem in schwarz-weiß gehaltenen Videoclip gehören die letzten sechs Sekunden Demba Nabé – er tanzt über eine Wiese. Aus dem Grab oder vom Himmel herab: Der tote Sänger ist allgegenwärtig.

Ein Lied wie ein Sommergewitter

Schwer und ernst ist auch das Lied „Komm in mein Haus“. Der Beat erinnert an ein Sommergewitter, leicht düster und wummernd, aber dennoch sommerlich-warm. Tatsächlich singen die Musiker auch von einem „Himmel schwer und grau“. Es geht hier aber um mehr als um Stimmung, es geht um ein Statement: „Egal woher du kommst/ An welchen Gott du glaubst/ Gibst du die Welt nicht auf, dann/ Komm in mein Haus.“

Sänger Peter Fox erklärte dazu der „Augsburger Allgemeinen“: „Der Song ist zu einer Zeit entstanden, als das Flüchtlingsthema ganz groß war. Aber der Song geht darüber hinaus und meint, dass man immer eine offene Tür und Ohren haben sollte, um mit anderen in Kontakt zu kommen. Er richtet sich genauso an AfD-Wähler wie an syrische Asylanten.“

Gleichzeitig ist „Bam Bam“ aber kein trauriges Album, keines, das sich ausschließlich um die Themen Verlust und Tod dreht. Es geht auch locker, ja lebensbejahend zu. Für „Lass das Licht an“ haben sich die Musiker Unterstützung von der Hamburger Hip-Hop-Gruppe „Deichkind“ geholt.

Vier Mal Unterstützung für Seeed

Gemeinsam singen sie über Sex bei angeschaltetem Deckenlicht. Natürlich – wie es beiden Bands zu eigen ist – mit der nötigen Portion Ironie. „Bisschen Scham ist okay/ Ich steh’ auf deine Dellen“, singen sie da. Und: „Runde Zwei, Flutlicht, denn ich mag es gern/ Wenn das Zeug zu seh’n ist, Baby, relax (yeah)/ Ich find’, was du hast, sieht voll geil aus.“ Etwas albern ist das, aber nie peinlich oder zum fremdschämen. Dazu wummert ein passend entspannter Beat, der die Musikstile der beiden Bands perfekt aufgreift und vereint.

Insgesamt für vier Songs haben sich „Seeed“ Verstärkung von Musiker-Kollegen geholt. Bei dem äußerst unterhaltsamen Lied „Sie ist geladen“ werden sie unterstützt von der Rapperin Nura. Der unheilvoll klingende Beat passt zu den Lyrics: „Sie hat schlechte Laune (ah), ich hab’ schlechte Karten/ Ich red’ irgend’n Zeug, verliere den Faden/ Wecke den Drachen, Blicke wie Eis, tief in ihr’n Magen.“

Zwei Konzerte diesen Herbst, sieben Shows im Sommer

Oh oh. Die Antwort von Nura – das Lied hört sich an wie ein Streitgespräch eines Pärchens, das kurz vor der Trennung steht – ist wenig erbarmungsvoll: „Du stehst neben mir, ich riech’ die Fahne/ Komm, erzähl mir nicht das wär ‘ne Phase/ Wegen dir hab’ ich ständig meine Tage/ Und der Sex ist ‘ne Blamage.“

Elf Songs umfasst das gut halbstündige Album. Nicht jedes Lied ist ein Knaller, aber insgesamt ist das Album einer. Vielfältig und stilistisch extrem zwischen Dub, Hip-Hop, Dancehall, Afro-Trap und Reggae – es gibt kaum eine andere deutsche Band, die diesen Spagat so spielerisch-locker hinbekommen dürfte wie „Seeed“. Am 6. und 7. November spielt die Band im Zuge ihrer großen Tournee zwei Konzerte in der Max-Schmeling-Halle. Im Sommer kommen sie dann für insgesamt sieben Shows nach Berlin, auf die Waldbühne und die Wuhlheide. Fans können sich freue – die verdammte Wartezeit ist vorbei!