Neu im Kino

„Joker“: Der Clown, bei dem dir das Lachen gefriert

„Joker“ ist einer der meist erwarteten Filme des Jahres. Ein Comicfilm als Politparabel. Mit einem überragenden Joaquin Phoenix.

Als Clown wurde er verprügelt, als Clown schlägt er zurück: Joker (Joaquin Phoenix), der ewige Batman-Gegenspieler, der hier ganz ohne Batman auskommt.

Als Clown wurde er verprügelt, als Clown schlägt er zurück: Joker (Joaquin Phoenix), der ewige Batman-Gegenspieler, der hier ganz ohne Batman auskommt.

Foto: dpa

Der Joker ist nicht irgendeine Filmfigur. Er scheint nichts weniger als eine Schicksalsrolle zu sein. Die ganze Karriere von Jack Nicholson kann man einteilen in die Zeit davor, als er noch ein viel-seitiger Schauspieler war, und in die danach, in der er nur noch sein Joker-Grinsen variierte, egal, ob in Komödien oder in Dramen. Heath Ledger nannte den Joker die Rolle seines Lebens. Da war er gerade mal 28. Aber er sollte schon kurz nach den Dreharbeiten einen überraschenden, allzu frühen Tod sterben.

Und nun Joaquin Phoenix. Ein Ausnahmeschauspieler, der immer wieder an Grenzen geht und diese auch überschreitet. Ein Mann, der aber auch immer wieder von seiner Alkoholsucht und teils bizarrem Verhalten von sich reden machte. Doch immer, wenn man ihn schon verloren glaubt, kehrt Phoenix triumphal zurück.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Und der Joker ist vielleicht auch für ihn die Rolle seines Lebens. Eine Extremleistung, für die der 44-Jährige nicht nur körperlich radikal abspeckte, sondern auch seelisch in die Tiefe ging. „Es war klar, dass sich das auf deine Psyche auswirkt“, sagte der Schauspieler dazu: „Du beginnst, verrückt zu werden.“ Was Joaquin Phoenix für manche längst schon ist.

In Todd Philipps’ Film „Joker“, der am Donnerstag in unsere Kinos kommt, ist der ewig grinsende Clown, der, wo er auch auftritt, Anarchie auslöst, einmal nicht der ewige Gegenspieler des Superhelden Batman. Die Fledermaus kommt gar nicht vor. Und auch mit den Joker-Geschichten aus den DC-Comics hat der Film wenig zu tun.

Das Kuckucksei unter den Comicfilmen

„Joker“, in dem mal nicht ein Superheld, sondern sein Gegenspieler die Hauptrolle spielt, ist eine ganz originäre Story, die der Regisseur und Drehbuchautor Philipps da mit dem Segen des Comic-Verlags entwickelt hat. Und es ist eigentlich auch gar kein Comic-Film, womit die Erwartungshaltung des Massenpublikums kühn unterlaufen wird.

Philipps zitiert lieber Dramen von Martin Scorsese wie „Taxi Driver“ oder „King of Comedy“ (was nicht zuletzt Scorseses damaliger Star Robert De Niro in einer Nebenrolle unterstreicht). Wer in „Joker“ Knallereffekte und Popcorn-Unterhaltung erwartet, sieht sich mit einem sozialkritischen Seelendrama konfrontiert, das an Schmerzgrenzen geht.

Arthouse statt Action. Und deren verstörende Folgen lassen sich eben nicht locker als Kino-Entertainment abtun oder weglachen. Im Gegenteil: Der Joker ist ein Clown, bei dem einem das Lachen gehörig vergeht.

Schon jetzt ein ganz heißer Oscar-Anwärter

Bei der derzeitigen Inflation seelenloser, austauschbarer Comic-Verfilmungen ist dieser Film ein Kuckucksei, das die Fans verprellen könnte. Weil es sie zum Nachdenken über unsere Gesellschaft zwingt. Ein wahrer Super-Trick. Auf dem Filmfestival in Venedig ist „Joker“ dafür nicht nur frenetisch gefeiert, sondern auch mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Löwen, ausgezeichnet worden. Und schon jetzt wird der Film als heißer Oscar-Anwärter gehandelt.

Es ist hier kein Säurebad, wie im Comic, das einen Unschuldigen in das grinsende Monster verwandelt. Der Joker ist hier vielmehr eine geschundene Seele. Schon körperlich leicht verwachsen, noch dazu verhaltensauffällig, weil er an den unpassendsten Stellen lacht und so sein Umfeld verstört. Dass so einer sein kärgliches Dasein als Straßenclown fristet, ist schon eine fiese Pointe.

Ein Clown, der gar nicht komisch ist

Es gibt wenig zu lachen in der Gesellschaft, da scheint man jeden für den Job zu nehmen. Dieser Arthur Fleck träumt aber sogar davon, ein großer Stand-up-Comedian zu werden. Obwohl er doch, wie seine Mutter, mit der er in einer Absteige zusammenlebt, zurecht meint, überhaupt nicht komisch ist.

Gleich anfangs sehen wir den traurigen Clown, wie er am Schminkspiegel ein Lachen probt, das ihm partout nicht gelingen will. Wie er seine hängenden Mundwinkel packt und zu einem Grinsen verzieht, bis ihm vor Schmerz die Schminke aus den Augen läuft. Im Grunde weiß Arthur Fleck selbst, dass er ein Loser, ein Verlorener ist. Von seinen Kollegen wird er aufgezogen, sein Umfeld meidet ihn, und im Clownskostüm wird er auf der Straße von Rabauken zusammengeschlagen. Der Pausenclown als Prügelknabe.

Aus dem Opfer wird ein Täter

Quälend, fast endlos lange erzählt Regisseur Philipps, der sonst, etwa mit seinen „Hangover“-Komödien, eher für derben Humor bekannt ist, diesen tragischen Niedergang als Dauerabwärtsspirale. Bis der Mann von der traurigen Gestalt auch noch von drei Wall-Street-Anzugträgern verhöhnt und in die Enge getrieben wird. Da ist ein Punkt erreicht, an dem es auch dieser armen, zerrissenen Seele zu viel wird. Und das ewige Opfer, noch im Clownskostüm, selbst zum Täter wird. Und zu einem Monster.

Es ist gespenstisch, wie Joaquin Phoenix diese Rolle anlegt, wie er in sie hineinkriecht und dann mit ihr ausbricht. Und wie er allen Schmerz und allen Hohn in ein Lachen brennt, das auch ein Schluchzen und ein Heulen ist. Und das noch lange nachhallt, wenn man das Kino verlassen hat.

Eine Bewegung des Bösen

Der Film spielt – darauf verweisen nicht zuletzt Filmplakate, die ins Bild rücken – in den frühen 80er-Jahren. Kurz vor dem ersten „Batman“-Film von Tim Burton also. Zu Zeiten, als Ronald Reagan Präsident war, mit seinem rigiden Sparkurs und all den kapitalistischen Härten. Das trifft auch Phoenix’ traurige Figur Fleck hart, der regelmäßig bei einer müden Sozialarbeiterin um Aufmerksamkeit und Beruhigungsmittel bettelt, bis auch ihre Stelle gestrichen wird.

Als Inbegriff dieser sozialen Kälte erweist sich ausgerechnet Thomas Way­ne, den die Comic-Fans als Vater von Batman kennen, der hier aber mal nicht als der übliche Wohltäter erscheint. Erst der kalte Liebes- und Drogenentzug lässt Arthur Fleck zum Unmensch werden, der damit ungewollt, aber nicht ohne Stolz eine ganze anarchistische Bewegung auslöst, lauter revoltierende Underdogs, die marodierend durch die Straßen ziehen und das kapitalistische System attackieren. Mit Clownsmasken.

Aber trotz dieser klaren Verortung in die 80er-Jahre sind die Parallelen zur Gegenwart doch überdeutlich und mit Händen zu greifen – mit der neuen sozialen und ökonomischen Spaltung der Gesellschaft unter Donald Trump. Wobei die Lager nicht mehr ganz so eindeutig zu positionieren sind, weil Trump ja selbst Hass predigt. Und für nicht wenige ebenfalls ein Clown ist.

Politparabel auf heutige Wutbürger

Die Clownsmaske wird in „Joker“ zu einem Symbol des Aufbegehrens wie die Guy-Fawkes-Maske bei den Aktivisten des Anonymous-Kollektivs. Der Clowns-Mob wird zum verzerrten Abbild all der Protest- und Wutbürger, die sich derzeit überall von der Demokratie abkehren und ihrem Unmut zunehmend aggressiv freien Lauf lassen.

Das macht den „Joker“-Film so radikal gegenwärtig. Und so schrecklich unangenehm. Weil es hier keinen Batman gibt und auch sonst keine Lichtgestalt, die sich der Unterdrückten annehmen könnte. „Joker“ ist insofern das Gegenteil eines Comic-Films: eine abgründige Warnung vor der Verrohung und Verelendung unserer westlichen Gesellschaften.

Drama USA 2019 117 min., von Todd Philipps, mit Joaquin Phoenix, Zazie Beetz, Frances Conroy, Robert De Niro.