Neu im Kino

„Diego Maradona“: Geburt eines Superstars

Ein beeindruckender Dokumentarfilm zeigt, wie ein Junge aus dem Slum zum größten Fußballstar der Welt wurde – und dramatisch abstürzte.

Immer von Fotografen umringt: Diego Maradona als Spieler des SSC Neapel.

Immer von Fotografen umringt: Diego Maradona als Spieler des SSC Neapel.

Foto: DCM

Felix Müller

Wer ihn bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 erlebt hat, musste eine Mischung aus Mitleid und Fremdscham empfinden. Es war der 26. Juni, Argentinien spielte in St. Petersburg gegen Nigeria und musste um den Einzug ins Achtelfinale zittern. Auf der Tribüne: Diego Armando Maradona, argentinisches Nationalheiligtum und internationale Fußballerlegende, inzwischen wohlbeleibt – und offenbar stark alkoholisiert.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Mitten während des Spiels schlief er ein, dann wieder gestikulierte er so heftig an der Brüstung, dass er herunterzufallen drohte. Theatralisch wies er gen Himmel, als hielte er Zwiesprache mit Gott. Als der erlösende Treffer fiel, streckte er wütend beide Mittelfinger aus und begann durchzudrehen. Seine Betreuer mussten ihm in den Arm fallen und ihn in einem Nebenraum beruhigen. Es war wirklich zum Weinen, für jeden, der ihn von früher kannte.

Er war der Größte. Er fiel ganz tief

Denn was war der 1960 in einem Armenviertel von Buenos Aires geborene Maradona einmal für eine Offenbarung gewesen! Ein Spieler, dem mit dem Ball am Fuß alles gelang, der mit seinen Dribblings auch die härtesten Abwehrstrategen ratlos in der Gegend stehen ließ. Selbst gegnerische Fans brachte die beispiellose Schönheit seines Spiels zum Schwärmen. Maradona, das war der Größte.

Wie er das wurde, zeigt diese sehenswerte Dokumentation des Briten Asif Kapadia, der
bereits mit Filmen über Amy Winehouse und Ayrton Senna aufgefallen ist. Beeindruckend ist an ihr vor allem die Rechercheleistung des Regisseurs, der die entlegensten Bildschnipsel zusammengesucht hat, um sein Bild dieses Lebens zu zeichnen. Genauer: jener Zeit, die Maradona beim SSC Neapel verbrachte, von 1984 bis 1991.

Die Energie, dem Slum zu entkommen

Von den argentinischen Boca Juniors war er 1982 zunächst zum FC Barcelona gewechselt, wo ihm aber kein Durchbruch gelang. Trotzdem erstaunte sein Wechsel an den Vesuv, weil die Truppe vom SSC Neapel nicht als besonders aussichtsreich galt. Das noble Norditalien, wo die Giganten aus Mailand und Turin ihre Stadien hatten, rümpfte über den Süden sowieso die Nase – Neapel galt als dreckig, verkommen und von der Camorra verseucht.

Der Film macht plausibel, dass es gerade dieses Image des Underdogs war, das Maradona ungeahnte Reserven entlockte. Als der SSC in der Saison 1986/87 erstmals in der Vereinsgeschichte italienischer Meister wurde, geriet die Stadt in Ekstase, und Maradona tat es auch.

Aus dem Off hören wir ihn von den vielen Frauen schwärmen, die den seit 1989 verheirateten Fußballer plötzlich umzingelten, und wenig später sehen wir eine von ihnen mit frisch entbundenem Baby im Krankenhaus liegen, steif und fest behauptend, es stamme von ihm. Maradona, dessen Frau seinerzeit selbst schwanger war, hat die Vaterschaft bekanntlich jahrzehntelang bestritten und Diego junior erst 2003 getroffen.

Nur wenige voyeuristische Ausflüge

Aber der Film zeigt noch mehr: Maradona im Feierrausch, Maradona im Pelzmantel, Maradona an der Seite hoher Vertreter der Camorra. Die WM 1986, das Spiel gegen England, die berühmte „Hand Gottes“ und sein spektakulärer Alleingang. Besser konnte es nicht werden, und doch schlossen sich noch der Uefa-Cup, der italienische Pokal und der Supercup an.

Aber Maradona war dem Ruhm nicht gewachsen. Er erzählt, dass er jede Woche bis Mittwoch unter Drogen gestanden und erst dann wieder für das nächste Spiel trainiert habe. Das konnte nicht gut gehen. Kokain, Alkohol, Prostituierte, immer wieder. Und dann der Bruch mit den Italienern, als er bei der WM 1990 den Elfmeter gegen die „Squadra Azzurra“ verwandelte. Eine Hassfigur, über Nacht.

Kapadia gönnt sich nur wenige voyeuristische Ausflüge, um den Absturz fühlbar zu machen. Er versucht sich nicht in Erklärungsmodellen, und die braucht es auch nicht. Diego Armando Maradona, das bleibt eine traurige Geschichte.

Dokumentarfilm GB 2019, 130 min., von Asif Kapadia