Neu im Kino

„Hot Air“: Habt mehr Verständnis für einander

In „Hot Air“ verwandelt sich ein Radiomoderator vom Saulus zum Paulus. Dabei lassen sich viele Rückschlüsse auf Trumps USA ziehen.

Moderator Macomb (Steve Coogan) bei seiner Radiohetze.

Moderator Macomb (Steve Coogan) bei seiner Radiohetze.

Foto: Kinostar

Nein, der Radiomoderator Lionel Macomb (Steve Coogan) ist kein sympathischer Mann. Man will ihn nicht mögen. Er ist ein Scharfmacher, ein erzkonservativer Steigbügelhalter für alle Trumps dieser Welt. Arrogant, pathetisch, selbstherrlich. Und erfolgreich.

Er hat sich über die Jahre eine eingeschworene Hörergemeinde herangezogen, die er gleich zu Beginn von „Hot Air“ als „die Müden, die Armen, die kauernden Massen“ begrüßt: „Bringt mir die Ausgenutzten, die Underdogs, die Frustrierten. Also alle, die es satt haben. Bringt mir euren Zorn!“

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Der Dampfplauderer wettert mit polemischer Scharfzüngigkeit gegen Einwanderer und das Gesundheitssystem, predigt Patriotismus und das Recht des Stärkeren. Doch er bekommt Gegenwind. Seine Quoten sinken. Ausgerechnet sein ehemaliger Protegé Gareth Whitley (Skylar Astin) macht ihm mit einer eigenen Show Konkurrenz.

Und Lionels öffentlicher Streit mit der demokratischen Senatorin Judith Montefiore-Salters (Judith Light) fällt ganz und gar nicht zu seinen Gunsten aus. Doch er palavert unverblümt weiter. Bis eines Tages seine 16-jährigen Nichte Tess (Taylor Russell) vor der Tür steht.

Trump und der kleine Lord

Fortan ist klar, wie der Hase läuft. Da wandelt sich ein Saulus zum Paulus. Da entdeckt ein unbeugsamer Griesgram, dass er doch so etwas wie ein Herz hat. Regisseur Frank Coraci („Eine Hochzeit zum Verlieben“) hat sich offensichtlich des gefühligen Klassikers „Der kleine Lord“ erinnert, in dem ein kaltherziger Adliger durch die Begegnung mit einem Kind plötzlich so etwas wie Empathie entwickelt. Und auch Lionel Macomb wird durch die Begegnung mit seiner quirligen Nichte auf einmal zu einem herzensguten Menschen.

Spiegel der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft

Das Ensemble ist von erster Güte, allen voran Steve Coogan als Stinkstiefel Lionel. Taylor Russell macht ihre Sache als cooler Teenager ebenso gut wie Tina Benko als ihre hippieske Mutter Laurie, deren Kontakt mit ihrem Bruder Lionel schon vor langer Zeit abgebrochen ist.

Und es gibt ein Wiedersehen mit „Scream“-Queen Neve Campbell als Lionels Lebensgefährtin Valerie. „Hot Air“ ist ein Komödie, die vor dem Hintergrund der Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft auf schlichte Weise für mehr Verständnis unter den Menschen plädiert. Beste Unterhaltung.

Drama USA 2019 103 min., von Frank Coraci, mit Steve Coogan, Neve Campbell, Taylor Russell