Igor Levit

„Beethovens Musik ist ein Korridor zu mir selbst“

Der Pianist Igor Levit hat zum bevorstehenden 250. Geburtstag des Komponisten dessen 32 Klaviersonaten neu eingespielt.

Pianist Igor Levit

Pianist Igor Levit

Foto: Felix Broede / Sony Music Entertainment

Der Berliner Pianist Igor Levit, Jahrgang 1987, hat zum bevorstehenden Beethoven-Jubiläum die 32 Klaviersonaten inklusive „Mondscheinsonate“ und „Appassionata“ neu eingespielt. Levits Plattenfirma Sony kündigt die Veröffentlichung am 13. September als „wegweisend“ an. Im Interview offenbart der Interpret tatsächlich überraschende Sichtweisen auf den Komponisten und das Publikum.

Herr Levit, Ihre Einspielung erscheint frühzeitig zum Beethoven-Jubiläum. Bei großen Jubiläen sollte es auch zur Neubetrachtung von Komponisten kommen?

Igor Levit: Es ist etwas widersprüchlich. Ich selbst bringe mit den Beethoven-Sonaten etwas auf den Markt, was zutiefst retrospektiv ist. Aber meine Hoffnung ist, dass wir in den Programmen nicht nur Beethoven feiern, sondern dass wir uns im Jahr 2020 nicht zu klein gegenüber der Figur Beethoven machen. Wir Interpreten und Zuhörer müssen verstehen, dass ohne uns Lebende die Musik nicht existieren würde.

Hat der Interpret nicht zuerst ein Diener der Komposition zu sein?

Natürlich bekomme ich von Reaktionären eins auf die Kappe, denn wer bin ich schon gegenüber dem großen Beethoven? Aber das ist geschenkt. Auf einer Podiumsdiskussion habe ich mal gesagt, ich halte mich jetzt mal zurück und wir lassen mal allein die Mondscheinsonate sprechen. Dann habe ich mich hingesetzt und die Leute angeguckt. Es herrschte zehn Sekunden lang Stille, dann fingen die ersten an zu lachen. Ich sagte: Moment, wir sind erst in Takt 25. Ich höre das Stück. Wie hören Sie es denn gerade?

Beethoven war eine zwiespältige Persönlichkeit: launisch, an einem Tag herzlich, tags darauf unerträglich, melancholisch und auch größenwahnsinnig. Was haben Sie aus seinen 32 Sonaten herausgehört?

Genau all das. Aber seine Musik ist für mich auch ein Korridor zu mir selbst. Ich fühle mich bei ihm sehr aufgehoben, sehr gehalten. Das habe ich vor allem gespürt. Es ist die unmittelbarste Musik, die ich kenne. Absolut barrierefrei.

Die letzten fünf Beethoven-Sonaten hatten Sie bereits vor sechs Jahren eingespielt. Haben Sie etwas bei der Neueinspielung verändert?

Alles. Mein Leben war damals ein anderes. Aber ich stehe zu meiner alten Aufnahme. Die Kinder sind flügge geworden. Es fühlt sich toll an, dass ich jetzt ein anderer bin und sich die neue Aufnahme anders anhört.

Sie haben einmal auf das störende Handyklingeln in Konzerten aufmerksam gemacht?

Es macht mich rasend. Es muss doch möglich sein, für zwei Stunden sein Handy auszuschalten. Mein Rekord lag bei neun Mal Handyklingeln in einem Konzert. Ab dem zweiten Mal Klingeln hätten die Leute mal in ihre Taschen schauen können, ob das Handy aus ist. Ich habe auch schon zweimal im Konzert gestoppt. Ich war mal in einem Konzert mit Kent Nagano und neben mir saß eine Dame, die eine Stunde lang Videospiele daddelte. In der Pause habe ich ihr gesagt, wenn sie das in der zweiten Hälfte weiterhin tue, werde ich ihr das Handy wegnehmen, drauftreten und ihr am kommenden Tag ein neues kaufen. Sie hat gelacht und alles war gut. Ich habe auch schon einmal erlebt, dass einer – während ich die „Appassionata“ spielte – ans Telefon ranging. Da habe ich mich umgedreht und „Grüße bitte“ gerufen.

Aber es gibt doch keine totale Stille im Zuhörersaal, es wird gehustet und geraschelt.

Es geht nicht um Stille, es gibt auch verschiedene Arten von Husten. Aber das Gerät leise zu stellen, ist nicht kompliziert.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Smartphone?

Ich bin extrem aktiv mit meinem Telefon, ich bin viel auf Twitter unterwegs, aber ich habe es nicht neben mir, wenn ich arbeite.

Auf Ihrer Homepage bezeichnen Sie sich als Bürger, Europäer, Pianist. Ist die Reihenfolge richtig?

Ich bin nicht als Pianist geboren worden. Ich bin aufgewachsen in einem Land, das mir die Möglichkeit geschenkt hat, Pianist zu werden.

Sie sind der Pianist, der sich hierzulande am öffentlichsten politisch engagiert. Was sind die Themen, die Sie im Moment am meisten aufregen?

Sicherlich das Thema Klimawandel. Es ist ein existenzielles Thema. Jedes individuelle Engagement ist wichtig, aber so lange es keine Klimapolitik gibt, sind wir zurückgeworfen auf eine Art Selbstheroismus. Und die Emissionen steigen inzwischen weiter. Ich hoffe sehr, dass Herr Altmaier nicht mehr lange unser Bundeswirtschaftsminister bleibt.

Inwieweit betrifft das Thema Klima denn Künstler?

Es wird auch für künstlerische Berufe Konsequenzen geben. Wenn irgendwann die Flüge viel teurer sind, werden sich große Orchestertourneen ganz anders gestalten. Man wird sich rechtfertigen müssen, ob der Aufwand für nur ein Konzert in einem anderen Land nötig ist. Vielleicht wird man längere Residenzen vereinbaren. Vielleicht wird es auch eine Verlangsamung, eine Vertiefung im künstlerischen Betrieb bewirken. Es wird auch die Sprache unter Künstlern betreffen. Heute Berlin, morgen New York, übermorgen Tokio. Das klingt heute noch so toll und nach Erfolg. Aber das macht irgendwann keinen mehr glücklich.

Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ sei das Alte Testament, sagte einmal der Klaviervirtuose und Dirigent Hans von Bülow, Beethovens Klaviersonaten hingegen das Neue Testament?

Es sind Werke der global bedeutendsten Komponisten. Beethovens Musik ist für mich der Anker für alles, was ich mache. Das ist aber kein Neues Testament, in das ich mich hineinblättern muss. Seine Musik lebt und bebt.

Sie sind jetzt auch Klavierprofessor in Hannover. Sehen Sie als Unterrichtender plötzlich Dinge anders?

Die Stelle trete ich erst im Oktober an, aber ich unterrichte immer wieder, sei es auf Kursen oder wenn Musiker mich privat anrufen. Ich unterrichte wahnsinnig gerne, weil ich einen Menschen vor mir sehe, der irgendwo hin will. Ich will ihr oder ihm helfen, dahin zu kommen. Natürlich stelle ich mir Fragen, wie ich das machen würde. Es bereichert mein eigenes Vokabular.

Leidet man als lehrender Virtuose nicht manchmal darunter, wenn man auf fehlendes Talent stößt?

Definieren Sie einmal fehlendes Talent. Für mich ist da zuerst jemand, der um Rat fragt. Ich werde nicht von einer höheren Position aus sagen, nee, geh mal lieber nach Hause. So denke ich nicht. Es ist meine Lebensentscheidung zu unterrichten.

Pianist und Dirigent Daniel Barenboim hat an seiner neuen Berliner Barenboim-Said Akademie eingeführt, dass junge Musiker nicht nur künstlerisch, sondern auch philosophisch ausgebildet werden. Wie sehen Sie das?

Das kann ich mit allem unterschreiben, was ich habe. So eine Hochschule ist keine Ausbildungsstätte für Bühnentiere. Das solistische Bewusstsein bringen die Studenten mit, das kann man nicht ausbilden. Aber wir sind eine Lebensschule, in der Studenten Zeit haben zu wachsen. Ich bin in einer Zeit groß geworden, die buchstäblich gar nichts mit dem Heute zu tun hatte. Es gab keine iPhones, andere Kommunikationswege und einer anderes gesellschaftliches Miteinander. Als Künstler müssen wir erkunden, was das für eine Welt ist, in der wir leben.

Und was wollen Sie tun?

Ich habe nur meine kleine Klasse, aber ich werde bestimmte Ansprüche stellen. Ich werde mit Studenten darüber reden, bestimmte Bücher von Roman bis Sachbuch zu lesen. Ich werde sicherlich auch individuelle Bücherlisten erstellen. Irgendwann verlässt jeder Student die Hochschule und muss ein Gefühl dafür haben, was ihre oder seine Rolle in dieser Welt ist.