Neu im Kino

„Die Einzelteile der Liebe“: Scherben einer Beziehung

Miriam Blieses Filmdebüt ist ein Kammerspiel ganz ohne Kammer. Und überzeugt durch seinen Gestaltungswillen und seine Stilsicherheit.

Ständig außer sich: Sophie (Birte Schnöink) und Georg (Ole Lagerpusch) vor ihrem Wohnhaus.

Ständig außer sich: Sophie (Birte Schnöink) und Georg (Ole Lagerpusch) vor ihrem Wohnhaus.

Foto: Markus Koob ©DFFB

Es beginnt mit dem Ende. Ein junger Mann stiehlt sich mit einem kleinen Jungen aus einem Haus. Steigt in ein Auto und fährt los. Da stürzt eine Frau aus dem Haus, will sie aufhalten, rennt dem Wagen hinterher. Und ruft, außer sich: „Er ist noch nicht mal dein Sohn!“

Es scheint ein Fall von Kindesentführung. Aber dahinter steckt eine ganz andere Geschichte, die Miriam Bliese, Absolventin der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, in ihrem Spielfilmdebüt „Die Einzelteile der Liebe“ aufblättert.

Nicht am Stück, sondern in Schlaglichtern, in Rückblenden, die wie Scherbensplitter aneinander gesetzt werden und dann doch so etwas wie ein fertiges Bild ergeben – mit Rissen. Einzelteile der Liebe eben, wie der Titel das schon programmiert. Wobei einige von ihnen auch schon das Ende vorwegnehmen.

Wehen statt Schmetterlinge im Bauch

Denn die Beziehung steht unter einem schlechten Stern. Sie beginnt bereits mit einem Ende. Und buchstäblich mit Wehen. Sophie (Birte Schnöink) ist schwanger - von einem Mann, der sich indes kurz vor der Geburt nach Schottland verdrückt. Dafür ist, als die Wehen einsetzen, Georg (Ole Lagerpusch) da, ein Bandkollege des leiblichen Vaters.

Erste Eindrücke: Der Trailer zum Film

Georg will Sophie zum Krankenhaus fahren, als sein Wagen stottert, muss sie ihn anschieben: mit ihrem Bauch passt sie nicht hinter den Lenker. Dann muss er doch ein Taxi rufen. Und als das abfährt, springt Georg beherzt mit rein.

Sex als letzter Kitt der Gefühle

Der Beginn einer Liebe. Mit einem Kind, das Georg dann doch klar als seinen Vater annimmt. Zumal der bald, während Sophie das Geld verdient, Hausmann wird und Jakob adoptiert. Aber dann die ersten Risse: Während Georg sich liebevoll kümmert, kommt Sophie gern spät nach Hause. Und vergisst auch mal, dass Georg mit seiner Arbeit im Home-Office nicht hinterherkommt. Dann will er noch ein eigenes Kind, sie sträubt sich. Und allzu oft ist der Sex nur noch der notdürftige Kitt, der ihre Beziehung zusammenhält.

Der besondere Kniff des Dramas: Regisseurin Bliese erzählt diese Fragmente einer Beziehung als Kammerspiel ohne Kammer. Fast alle Szenen finden vor dem Wohnhaus, einem tristen Bau im Berliner Hansaviertel, statt. Oder auch im Treppenhaus.

Hier feiert das Paar Partys, hier zimmert Georg ein Sofa aus Holzpaletten, in dem nie jemand sitzen wird. Hier wird Sophie später auch mit einem Anwalt (Andreas Döhler) sprechen, der bald ihr neuer Freund wird. Und hier wird auch das Objekt des Streites, der kleine Jakob, abgeholt und abgegeben.

Alles klinisch weiß: Die Liebe im Labor

Maximal kommt die Kamera bis in den Flur der Wohnung, aber nie in die Zimmer des Paares. Am Ende funktioniert die Kommunikation nur noch über die Gegensprechanlage. Von Anfang an ist der Zuschauer also außen vor. Oder das Paar außer sich. Je nachdem.

Dabei dominiert durch die Häuserwand und das Treppenhaus immer die Farbe Weiß, die Zeitsprünge werden zusätzlich durch Weißblenden eingeleitet. Das gibt dem Ganzen etwas Klinisch-Kühles: als würde die Beziehung unterm Mikroskop analysiert. Die Liebe im Labor.

Blieses Debüt überzeugt durch großen Gestaltungswillen, Stilsicherheit und starke Darsteller. Durch diese „Einzelteile“ erfährt man mehr von der Liebe als in so manchem sogenannten Liebesfilm.

Drama D 2019 97 min., von Miriam Bliese, mit Birte Schnöink, Ole Lagerpusch, Andreas Döhler