Neu im Kino

Berlin – die Stadt, wo jeder Fleck gleich wieder rausgeht

Der Episodenfilm „Berlin, I Love You“ zeigt Stars und Sternchen an allen Ecken. Von der Stadt selbst erzählt der Film aber nicht viel.

Kein Himmel über Berlin: Wie einst Bruno Ganz in Wenders’ Klassiker spielt auch Robert Stadtlober einen Engel namens Damiel.

Kein Himmel über Berlin: Wie einst Bruno Ganz in Wenders’ Klassiker spielt auch Robert Stadtlober einen Engel namens Damiel.

Foto: Warner Bros.

Berlin. Bruno Ganz müsste sich im Grabe rumdrehen. In einem der schönsten Berlin-Filme überhaupt, Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“, hat der Schauspieler den Engel Damiel gespielt. Was für ein großartiges Kino-Bild war das, Bruno Ganz auf der Spitze der Gedächtniskirche, und welcher Trost. Ein Engel, der über die Menschen wachte, der ihnen zuhörte und sich, wenn sie das brauchten, auch mal anlehnte. Auch wenn sie das nie sahen, gespürt haben sie es doch.

Erste Eindrücke: der Trailer zum Film

Nun ist wieder ein Engel Damiel in der Stadt. Wieder mit leicht zerrupften Federschwingen auf dem Rücken. Aber es ist kein echter Engel. Nur ein Straßen und Lebenskünstler, der damit ein bisschen Geld verdient. Robert Stadlober spielt diese verjüngte Version.

Er hat vor allem die Aufgabe, in dem Episodenfilm „Berlin I Love You“ die zehn Episoden von Regisseuren wie Peter Chelsom, Diane Agron, Til Schweiger, Dennis Gansel und Dani Levy zusammenzuhalten. Und klar, eine Film-Reminiszenz, eine Hommage an „Der Himmel über Berlin“ soll das schon auch sein. Auch wenn „Berlin, I Love You“ nie auch nur in Sichtweite an den Klassiker herankommt.

Bei dem Projekt war von Anfang an der Wurm drin

„Berlin, I Love You“ ist bereits der fünfte Film der „Cities of Love“-Reihe, die der französische Produzent Emmanuel Benbihy 2006 mit „Paris, je t’aime“ begann. Es folgten weitere Filme über New York, Tiflis und Rio. Ein weiterer über Shanghai ist in der Mache. Sie alle funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Ein paar namhafte, aber auch unbekanntere Filmemacher aus allen Herren Ländern drehen mit ein paar internationalen Filmstars, aber auch heimischen Schauspielern einen ganz persönlichen Kurzfilm über die jeweilige Metropole. Die werden dann zu einem sogenannten Kompilationsfilm zusammengefasst und auf dem Filmplakat mit Herzchen versehen.

Außer dem Erstling „Paris, je t’aime“ hat eigentlich keines dieser Werke wirklich von sich reden gemacht. Dass Berlin jetzt unter den auserwählten Metropolen ist, sogar noch vor angesagten Cities wie London, Wien oder Tokio, müsste einen eigentlich fröhlich stimmen. Doch von Anfang an war der Wurm drin in dieser Produktion.

Mickey Rourke schrieb das Drehbuch um

Dass fing schon bei den Dreharbeiten an, als im September 2017 Mitarbeiter der Produktionsfirma Bily Media (die nichts mit dem Ikea-Schrank zu tun hat, sondern mit dem Kürzel des Filmtitels „Berlin, I Love You“) klagten, dass sie mehrere Monate keine Gehälter ausbezahlt bekamen. Einen Monat später postete Hollywood-Bad Guy Mickey Rourke ein Foto auf Instagram, wo er in einem Berliner Café einen, wie er es nannte, „fürchterlichen Dialog“ des Drehbuchs umschrieb, der von einem „Sechstklässler“ geschrieben sein musste, „der noch nie nie ein Mädchen angesprochen hat“.

Der Kinostart, schon für November 2018 angekündigt, wurde mehrfach verschoben. Dann glaubte man, der Film würde im Februar 2019 auf der Berlinale laufen. Aber als im Januar ein Filmtrailer herauskam, ging ein regelrechter Shitstorm durch die Medien, weil der nur Klischees enthalte und ein reiner Touri-Werbespot sei. Trailer haben selten viel mit den Filmen zu tun, die sie bewerben. Aber dass auch schon Verrisse zu Trailern gedruckt werden, ohne dass man den Film kennt, dürfte doch einmalig sein.

Ai Weiwei zog seinen Beitrag zurück

Den Todesstoß aber versetzte der chinesische Künstler Ai Weiwei. Der hatte 2015 als Erster eine Episode gedreht, damals noch per Video-Skype von seinem Hausarrest aus. Vergangenen Februar gab er dann bekannt, man habe auf Druck von China seinen Beitrag herausgeschnitten, da der Film sonst nicht auf der Berlinale gezeigt werden könnte. Am Ende ist „Berlin, I Love You“ auch ohne sein Werk nicht auf dem Festival gelaufen. Eine Berlin-Premiere mit den Stars des Films, die für den August angedacht war, wurde ebenfalls abgeblasen. Am 8. August läuft „Berlin I Love You“ nun ohne große Werbung, fast schamhaft im Kino an. Filmjournalisten wurde das fertige Werk gar nicht erst gezeigt, die mussten den Film in den USA bestellen.

Sieht man den fertigen Film, kann man die ganze Aufregung nicht ganz verstehen. Es gibt bessere und schlechtere Beiträge, wie das eigentlich in allen Episodenfilmen der Fall ist. Wir sehen etwa Jim Sturgess, der seinem Leben in Berlin ein Ende setzen will. Bis Vanessa, das Navi des Autos, mit dem er in die Spree fahren will, zu ihm spricht (mit der Stimme von Katja Riemann) – und ihm „ihr“ Berlin zeigt. Happy End inklusive.

Lauter einsame Herzen und verlorene Seelen

Wir sehen Keira Knightley Flüchtlinge im Tempelhofer Feld betreuen. Als sie ein Flüchtlingskind zu ihrer Mutter (Helen Mirren) nach Hause mitbringt, ist die konsterniert – bis sie Muttergefühle entwickelt.

Wir sehen auch Hannelore Elsner in einer ihrer letzten Rollen als Bordellbesitzerin, in deren Etablissement ein Mann vor der Polizei versteckt wird. Und wir sehen Veronica Ferres als eher schlecht berlinernde Ladenbesitzerin: „Das ist der Berliner Waschsalon. Wo jeder Fleck gleich wieder rausgeht.“ Das beinhaltet auch Flecken auf der Seele.

Den Tiefpunkt macht Til Schweigers Beitrag aus, in dem Mickey Rourke in einer Bar eine junge Frau (Mode-Model Toni Garrn) anbaggert, die seine Tochter sein könnte. Und sich am Ende natürlich als genau diese entpuppt. Wir wissen nicht, was Mister Rourke an Neil LaButes Dialogen umgeschrieben hat. Der fertige Beitrag ist auf jeden Fall der chauvinistischeste, den man in Zeiten der #MeToo-Debatte so nicht mehr erwarten würde.

Die Filme könnten auch in Posemuckel spielen

Bis auf die Episode mit Knightley und Mirren ist keine politisch. Oder auch nur tagesaktuell. Die Kurzfilme handeln allesamt von einsamen Herzen und verlorenen Seelen. Die aber immerzu von irgendwelchen Straßenmusikern aufgeheitert werden. Alles Party also. Und immer trifft ein Männlein auf ein Weiblein. Zumindest einmal auch auf ein Zwischenwesen.

Es wird auch überraschend viel Auto gefahren. Berlin muss eine Autostadt sein. Im Stau steht man hier allerdings nie. Alle Filme spielen immerzu, da hatte die absurde Trailer-Kritik nicht unrecht, an den Hot Spots der Stadt: Oberbaumbrücke, KaDeWe, Mauerpark, Checkpoint Charlie, Kotti-Tor. All die Ecken also, die jeder Easyjet-Tourist wiedererkennen kann.

Das alles wäre verzeihbar. Richtig traurig ist etwas anderes: dass die meisten Episoden dennoch kaum von Berlin handeln. Sie hätten auch in beliebig anderen Städten spielen können. In Los Angeles etwa oder Posemuckel. Wer weiß, vielleicht wurden sie auch schon für einen der anderen „Cities of Love“-Filme geschrieben und fanden nur noch keine Verwendung. So viel Berlin-Bilder. Und so wenig Berlin-Gefühl. Auf jeder U-Bahn-Fahrt egal welcher Linie erlebt man mehr Berlin als in diesen zwei langen Kinostunden. Schade eigentlich. Das kann auch kein Möchtegern-Engel kitten.

Episodenfilm D 2018 120 min., von Peter Chelsom, Josef Rusnak, Til Schweiger, Dani Levy, Dianna Agron, Dennis Gansel, mit Robert Stadlober, Keira Knightley, Helen Mirren, Mickey Rourke, Toni Garrn, Jim Sturgess, Charlotte LeBon, Sibel Kekilli, Iwan Rheon, Hannelore Elsner, Sylvester Groth, Diego Luna, Luke Wilson