Nachruf

Der letzte Tycoon: Artur Brauner ist gestorben

Vom Verfolgten zum erfolgreichen Unternehmer: Filmproduzent Artur Brauner, ein Aushängeschild Berlins, ist mit 100 Jahren gestorben.

„Ich vergesse nicht diejenigen, die sich nicht mehr wehren können, deren Gesichter nicht mehr sichtbar sind“: Artur Brauner  in seiner Villa im Grunewald

„Ich vergesse nicht diejenigen, die sich nicht mehr wehren können, deren Gesichter nicht mehr sichtbar sind“: Artur Brauner in seiner Villa im Grunewald

Foto: Reto Klar

Berlin. Im letzten Jahr noch feierte er einen biblischen Geburtstag. Am 1. August 2018 wurde Artur Brauner 100 Jahre alt. Ein Alter, das kaum einer erreicht. Und die Stadt hat ihn damals noch einmal gebührend gefeiert. Der Jubilar wirkte damals allerdings schon sehr zerbrechlich. Die Sommerhitze hatte ihm sichtlich zugesetzt. Und da war auch der Schmerz über den Tod seiner Frau Maria ein Jahr zuvor, mit der er über 70 Jahre verheiratet gewesen war. Nun ist der Berliner Filmproduzent, vier Wochen vor seinem 101. Geburtstag, gestorben.

Alles begann mit einem Koffer. Viele haben ihn ja besungen, den Koffer, den sie noch in Berlin haben. Aber das ist meist metaphorisch gemeint. Nicht so bei Artur Brauner. Als der 1946 nach Berlin kam, hatte er zwar wenig Deutschkenntnisse, aber viel Aufbruchstimmung – und einen Koffer voller Geld. Den hatte er gegen einen Nerzmantel seiner künftigen Schwiegermutter eingetauscht. Um seinen ersten Film damit zu produzieren. Das hat aber nicht gereicht, schmunzelte er später: Dafür hätte er drei Nerze gebraucht.

Lebensmomente wie aus dem Filmdrehbuch

Das ist einer dieser Momente, von denen man denkt, das kann gar nicht wahr sein, das muss die Idee eines Filmdrehbuchs sein. Und genau so unglaublich verlief auch die restliche Karriere des Artur Brauner, der mit 28 Jahren als jüngster Filmproduzent in Deutschland begann, dann zu einem der produktivsten und erfolgreichsten aufstieg und schließlich zum Dienstältesten der Branche wurde, einem Methusalem des Kinos und letztem Tycoon.

Warum zog es ihn damals nach Berlin? Er ist ja nicht zurückgekommen, nicht heimgekehrt. Artur Brauner, 1918 im polnischen Łódź als jüdischer Holzhändlersohn geboren, hat den Holocaust nur überlebt, weil er sich jahrelang in den Wäldern vor den Nazi-Häschern versteckt hat. 49 Angehörige seiner Familie wurden von den Nazis umgebracht.

Eine Traumfabrik auf verseuchtem Boden

Andere mit seinen Ambitionen wären nach Hollywood gezogen. Seine Eltern wanderten nach Israel aus. Er aber ging ausgerechnet in das Land der Täter, nach Berlin, ins Zentrum des braunen Terrors, wo die Judenvernichtung geplant und industriell organisiert worden war. Und wo die Filmbranche noch immer voller Leute steckte, die schon unter Goebbels gearbeitet hatten.

Was hat ihn angetrieben? In seiner Autobiographie, die 1976 mit dem schön größenwahnsinnigen Titel „Mich gibt’s nur einmal“ erschien, ist nur wenig von seinen frühen Jahren zu lesen, ganze fünf Seiten. Er sei auf dem Weg nach Wien steckengeblieben, heißt es da lakonisch. Später gab er immer wieder zur Begründung an, keine Stadt hätte ihn mehr interessiert – und mehr abgestoßen als Berlin.

Man hat es ihm anfangs auch durchaus nicht leicht gemacht in dieser Stadt, wollte ihm keine Kredite geben, als er 1946 seine Central Cinema Company (CCC) gründete. Er hat dann aus Bundesbesitz das Gelände einer ehemaligen Versuchsanstalt für chemische Kampfstoffe in Spandau erworben.

Dass der deutsche Nachkriegsfilm auf dem braunen Sumpf der NS-Barbarei fußte, erfährt hier einen tieferen Sinn. Auf buchstäblich verseuchtem Boden sollte eine Traumfabrik entstehen, eine der damals modernsten und größten Atelieranlagen in Europa: das Hollywood von Haselhorst, in dem zu Spitzenzeiten bis zu 500 Angestellte beschäftigt waren. Und in dem Brauner rund 300 Filme produzierte, 19 allein im Jahr 1958 – ein Achtel der ganzen westdeutschen Jahresproduktion.

Brauner blieb, als alle in den Westen abwanderten

Die Berliner haben ihn dann doch bald vereinnahmt und liebevoll Atze getauft. Fortan fehlte er auf keiner Party, der Mann mit dem stets tadellosen Menjou-Bärtchen, den markanten Augenbrauen, der frühen Glatze und den cremefarbenen Anzügen. Er scharte die Stars um sich. Und tanzte mit den Größen der Stadt. Die „Atze“-Taufe, das war ein Ritterschlag.

Es war natürlich auch so etwas wie eine versuchte Wiedergutmachung, den jüdischen Produzenten zu hofieren. Aber es hatte vor allem damit zu tun, dass Brauner blieb, als der deutsche Film komplett in den Westen abwanderte, erst recht, als die Mauer gebaut wurde. „Brauner blieb seiner Stadt auch in schweren Zeiten treu. Und das nötigt bis heute Respekt ab.

Sein erstes Herzensprojekt geriet zum Flop

Seine erste Filmproduktion 1947 war „Herzkönig“, eine harmlose Verwechslungskomödie, die er nur gemacht hat, um seinen zweiten Film zu finanzieren, das Herzensprojekt „Morituri“: ein Drama um Juden, die aus dem KZ fliehen und sich in Wäldern verstecken. Man kann nur ahnen, wie viel davon Brauner selbst erlebt, erlitten hat. Aber „Morituri“ geriet zum Flop, die Deutschen waren noch nicht bereit, sich mit ihrer jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Und so gab der Tycoon ihnen mit kühlem Kalkül, was sie haben wollten. Auch, um die Schulden, die er mit „Morituri“ eingefahren hatte, wieder auszubügeln - wie er einmal sagte. Was natürlich nicht ohne Koketterie war.

Er schwamm auf jeder Erfolgswelle mit

Denn als Produzent war Brauner wahrlich nicht zimperlich. Branchen-Kenner erklärten sein Firmenlogo CCC gern als „Zahle ziemlich zögernd“. Und Brauner war ein echter Trittbrettfahrer. Ob das der Heimatfilm der 50er-Jahre, der Schlagerfilm der 60-er oder die Sexklamotten der 70-er war: Es gab keinen Trend, den er nicht aufgriff und aufs Fließband setzte.

So war es auch, als Horst Wendlandt, einst Produktionsleiter seiner CCC, sich mit der Rialto Film selbstständig machte und die beiden erfolgreichsten deutschen Kinoreihen aller Zeiten kreierte: die Edgar-Wallace- und die Karl-May-Filme.

Brauner kaufte sofort die May-Bücher, deren Rechte sich Wendlandt noch nicht gesichert hatte. Und spürte den deutlich weniger talentierten Wallace-Sohn Bryan Edgar Wallace auf, adaptierte dessen Romane und ließ dabei im Vorspann dessen Erstnamen als „B.“ abkürzen, um das Publikum zu täuschen.

Den Deutschen einen Spiegel vorgehalten

Die Deutschen waren wieder wer. Sie wollten vergessen, was gewesen war. Und Brauner, ihr „Atze“, verhalf ihnen zu ein paar schönen Stunden im Kino. Der Mann wurde damit ein Paradebeispiel des deutschen Wirtschaftswunders. Gleichwohl hat er nicht nur „Tralala“-Filme produziert. Er hat den Deutschen immer wieder auch einen Spiegel vorgehalten.

Mit sich selbst, dem jüdischen Partylöwen im alten Nazi-Filz. Mit vertriebenen Filmgrößen wie Robert Siodmak, Fritz Lang oder Max Reinhardts Sohn Gottfried Reinhardt aus dem Exil zurückholte. Und mit ambitionierten Filmen, die die jüngste Vergangenheit aufarbeiteten. „Herzkönig“ und „Morituri“, das waren nicht zufällig seine ersten beiden Produktionen. Das Gefällige und das Sperrige bestimmte sein Schaffen.

An der deutschen Geschichte abgearbeitet

Erst als er sich in den 80er-Jahren mehr und mehr in die Immobilienbranche verlagerte, leistete sich der Filmzar den Luxus, am Markt vorbei zu produzieren. Jetzt machte er Filme, die er schon immer machen wollte. Filme wider das Vergessen, die er seine „jüdischen Filme“ nannte: „Sie sind frei, Dr. Korzack“, „Die weiße Rose“, „Bittere Ernte“ und „Die Spaziergängerin von Sanssouci“, der letzte Film mit Romy Schneider.

Er hat sich an Deutschland, an Berlin abgearbeitet. Und hat, lange vor Nico Hofmann, die Nation gezwungen, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.

Nie hat Brauner es verwunden, dass er ein langgehegtes Filmprojekt über Oskar Schindler – jenen deutschen Industriellen, der so viele Juden gerettet hatte – nicht verwirklichen konnte, weil die deutsche Filmförderanstalt gleich zwei Förderanträge abgelehnt hatte. Brauner musste dann erleben, wie Steven Spielberg den Stoff aufgriff und ihm damit ein Welterfolg gelang.

Deutsche Arroganz gegenüber jüdischen Themen

Als die deutsche Auswahlkommission kurz darauf seinen Film „Hitlerjunge Salomon“ nicht ins Oscar-Rennen um den besten nicht-englischsprachigen Film schickte, sahen er und seine Regisseurin Agnieszka Holland darin eine „deutsche Arroganz gegenüber jüdischen Themen“ und eine latente Fremdenfeindlichkeit, was von der internationalen Presse als Antisemitismusvorwurf gewertet wurde.

Brauner hat sich dennoch nie entmutigen lassen. Hat weiter Filme über die jüngste deutsche Vergangenheit gemacht: „Von Hölle zu Hölle“, „Babij Yar“ und „Der letzte Zug“. „Ich vergesse nicht diejenigen, die sich nicht mehr wehren können, deren Gesichter nicht mehr sichtbar sind“, bekannte er einmal. „Die muss ich zum Leben erwecken, das tue ich bis zum heutigen Tag.“

Auch wenn er dafür nicht immer die Regisseure gewinnen konnte, die der Stoff gebraucht hätte, und die Filme nur noch vereinzelt in die Kinos kamen. Dafür wurde ihm eine Ehre zuteil, die weit über jedem Oscar-Ruhm steht: Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem nahm 21 seiner Filme in ihr ständiges Programm auf. Für Brauner die Krönung seines Schaffens.

Bis zuletzt saß er an seinem Schreibtisch

Zuletzt war es ruhiger um ihn geworden. Die Filmgeschäfte hat längst seine Tochter Alice Brauner übernommen. Er selbst machte eher mit Immobilienschulden und millionenschweren Prozessen von sich reden. Aber noch immer gehörte er zum Stadtbild, war ein Aushängeschild Berlins. Der glücklichste Tag in seinem Leben sei der 8. Mai 1945 gewesen, der Tag der deutschen Kapitulation, sagte er einmal. Für ihn sei das wie eine Wiedergeburt gewesen. Das erklärt vielleicht auch die unermüdliche Energie dieses Methusalem – gefühlt war er 27 Jahre jünger. Seinen letzten Film hat er 2011 mit 93 Jahren produziert – und auch mitgeschrieben: „Wunderkinder“: ein Film über die Freundschaft zweier jüdischer Kinder mit einem deutschen Mädchen in der Ukraine 1941.

Diese Aufarbeitung war sein Lebenswerk. Auch wenn ihn deren schmale Wirkung am Ende immer mehr verbitterte: „Das Publikum – und das ist das deutsche Volk – boykottiert und ignoriert diese Filme. Und wenn ich geglaubt habe, dass es bei ,Morituri’ der Fall sei, weil es zwei Jahre nach Kriegsende noch die alten Nazis gab, und gehofft habe, dass sich das mit der Zeit ändern würde, so muss ich zugeben, dass das ein Irrtum war“, klagte er 2011 in der „Jüdischen Allgemeinen“. Und setzte hinzu: „Das macht mich sehr traurig.“

Bis zuletzt hat er noch gearbeitet. Und Drehbücher studiert. Auf die Frage, die man ihm an seinem 100. Geburtstag stellte, ob er Angst vor dem Tod habe, hat er nur gelächelt. Und trocken gekontert. „Sobald ich nicht mehr bin, kann ich aufhören zu arbeiten.“