Peter Jackson ist ein Meister der Schlachten. In seinen gewaltigen Filmtrilogien „Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ hat er immer wieder Massen computergenerierter Krieger aufeinander losgelassen und dabei auch an drastischen Szenen und blutigen Details nicht gespart. Die Frage, die sich bei solchen Kriegsepen immer aufdrängt, ist die, ob solch schockartige Effekte wirklich nötig sind oder ob die Filmemacher sich nicht auch ein wenig daran ergötzen.

Als bekannt wurde, dass Peter Jackson einen Dokumentarfilm über den Ersten Weltkrieg mit seinen 17 Millionen Toten machen werde, konnte man daher durchaus Schlimmes befürchten. Diese Ängste kann man zerstreuen. Der Neuseeländer hat einen hochinteressanten Beitrag geschaffen. Allerdings auch einen hochproblematischen.

„They Shall Not Grow Old“, der in Großbritannien zum 100. Jahrestag des Waffenstillstands 1918 im vergangenen November zu sehen war, kommt nun diese Woche in die deutschen Kinos, 100 Jahre nach der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages am 28. Juni 1919. „Gedreht“ freilich hat Jackson dabei keine einzige Szene.

Er griff gänzlich auf Bestände des britischen Imperial War Museum zurück, das mit über 2.200 Stunden Filmmaterial eines der größten Archive mit Aufnahmen aus jenem Krieg besitzt. Doch Jackson lässt dieses 100 Jahre alte und entsprechend gealterte Material wie neu aussehen. Als sei es erst gestern passiert.

Manchmal scheinen die Soldaten den Zuschauer direkt anzublicken
Manchmal scheinen die Soldaten den Zuschauer direkt anzublicken © Warner Bros

Es war ein echter Kulturschock, als man vor einigen Jahren damit begann, historische Aufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg nachträglich zu kolorieren. Hatten sich diese Bilder doch kollektiv im originalen Schwarzweiß in unser Gedächtnis und unsere Vorstellung von Geschichte eingebrannt.

100 Jahre alte Filme auf den allerneuesten Stand gebracht

Mittlerweile ist die Nachkolorierung bei den vielen herkömmlichen TV-Doku-Formaten längst gängige Praxis, um weit Vergangenes gegenwärtiger zu machen, auch: um ein junges Publikum zu gewinnen, das Schwarzweiß-Filme schon aus Prinzip nicht mehr schaut. Auch unsere Vorstellung vom Ersten Weltkrieg wurde in der Folge immer bunter. Peter Jackson aber, der ja vor allem ein Experte bei Spezialeffekten ist, hat das noch einmal radikal perfektioniert.

Er hat erst mal aus über 600 Stunden Film sein Footage ausgewählt, hat diese Bilder mit modernsten technischen Möglichkeiten aufwändig restauriert und von Kratzern, Schrammen, Schimmel und Nebelschleier befreit. Vor allem hat er die Geschwindigkeit angepasst.

Es gibt hier nicht die üblichen ruckelnden und hüpfenden Bilder, die sich ergeben, weil man in den frühen Tagen des Films noch mit 18 Bildern pro Sekunde belichtet hat, sie aber auf Projektoren abspielen ließ, die auf die später üblichen 24 Bilder pro Sekunde berechnet waren. Der wahre Fluss der Ereignisse wurde mühevoll angeglichen.

Auch das wird gezeigt: die Blaupausen zwischen den Gefechten. Nicht immer wirkt das Lächeln überzeugend.
Auch das wird gezeigt: die Blaupausen zwischen den Gefechten. Nicht immer wirkt das Lächeln überzeugend. © Warner Bros

Dann ging es an besagte Kolorierung. Wobei es immer wieder überraschend und erschütternd ist, wenn man statt wüster Gräben satte grüne Wiesen sieht. Oder wenn knallrotes Blut die einzige Farbe im einheitsbraunen Amalgam aus Schlamm und Uniformen ist. Nur das mit den Augenfarben klappt nicht immer. Die Blicke der Soldaten wirken zuweilen tot, wie die der Untoten im „Herr der Ringe“.

In 3D springen die Bilder förmlich ins Auge

Dann aber muss sich der Zuschauer, wie bei der „Ring“-Trilogie auch, eine 3-D-Brille aufsetzen. Denn in einem letzten Akt ließ Jackson sein Material auch noch dreidimensional konvertieren. So hat man diese Bilder wirklich noch nie gesehen. Sie springen einem förmlich ins Auge, sie wirken auf diese Weise radikal neu und frisch – und sind den modernen Sehgewohnheiten vor allem des blockbuster-gewohnten jungen Kinopublikums angepasst.

Was „They Shall Not Grow“ ebenfalls von unzähligen herkömmlichen TV-Dokumentationen unterscheidet, ist die Entscheidung, dass kein allwissender Kommentar aus dem Off gesprochen wird. Jackson griff vielmehr auch hier auf über 600 Stunden Original-Tonmaterial aus den Archiven des IWM und der BBC zurück, in der Überlebende des Kriegs aus erster Hand von ihren Fronterfahrungen berichten.

Man kann nur staunen: In die harte Männerwelt verliert sich auch mal ein Kind. Auch farblich ein absoluter Kontrapunkt.
Man kann nur staunen: In die harte Männerwelt verliert sich auch mal ein Kind. Auch farblich ein absoluter Kontrapunkt. © Warner Bros.-

Es ist durchaus aufschlussreich, wie all die freiwilligen und anfangs begeisterten Rekruten in den Krieg ziehen, weil sie ein „Abenteuer“, auch eine Abwechslung von der monotonen Arbeit erwarten. Und wie der Ton sich ändert, als sie an der Front ankommen und merken, dass dieser Krieg nicht in wenigen Wochen gewonnen sein wird.

Die Soldaten erzählen ihren Krieg selbst

Jackson zeigt aber nicht nur das Grauen und Massensterben im Feld, sondern auch die Blaupausen dazwischen: die Versuche, sich die Zeit zu vertreiben, das Grauen zu verdrängen. Und die anderen Plagen: die Läuse, die Ratten und das Gelbfieber. Ton und Bild sind hier so aufeinander abgestimmt, dass man wirklich glaubt, die Soldaten, die man da sieht, erzählten „ihre“ Geschichten aus erster Hand.

Natürlich sind solche Bearbeitungen höchst subjektiv und verfälschend. Historikern und Hütern des Filmerbes stehen dabei die Haare zu Berge, weil die Authentizität der Quellen gemindert wird und dieses Vorgehen gegen jedes Reinheitsgebot verstößt. Aber hier geht es nicht um akademisch fundierte

Umstritten, aber erfolgreich: „Histotainment“

Historienerforschung, sondern um Geschichtsvermittlung, um solch ein Thema für ein möglichst breites Publikum aufzubereiten. „Histotainment“ nennt man das, und dabei gelten durchaus andere Regeln. Insofern kann so ein Film gerade für ein junges Publikum, dem schon der Zweite Weltkrieg unglaublich entfernt vorkommt, den Zugang zu den über 100 Jahre zurückliegenden Ereignissen erleichtern und auch als anschauliches Lehrmaterial in der Schule dienen.

Regisseur Peter Jackson als Experte bei einer Ausstellung über den Ersten Weltkrieg im neuseeländischen Wellington
Regisseur Peter Jackson als Experte bei einer Ausstellung über den Ersten Weltkrieg im neuseeländischen Wellington © dpa | Mark Tantrum

Es war übrigens das Imperial War Museum, das an Jackson herantrat mit dem expliziten Wunsch, seine Bestände auf radikal neue Art zu benutzen. Jackson hatte auch einen persönlichen Anknüpfungspunkt. Sein Großvater war in der Hölle des Stellungskriegs und starb später an den Folgen. Ihm ist der Film gewidmet.

Und es ist nicht ohne Ironie, dass in unseren Kinos erst vor einer Woche das Biopic „Tolkien“ anlief, das zeigte, dass der Schöpfer von „Herr der Ringe“ in seinem Fantasyepos eigene Traumata aus dem Ersten Weltkrieg verarbeitet hat. Da schließt sich ein seltsamer Kreis, wenn kurz darauf das wohl außergewöhnlichste und publikumswirksamste Filmdokument über jenen Krieg vom „Herr der Ringe“-Regisseur folgt.

Und doch erging sich Jackson dabei in technische Spielereien, die sich bei einem solch buchstäblich todernsten Thema eigentlich verbieten. Wie schon in seinen Fantasy-Epen hat der Regisseur wieder mit denselben Ton-Tüftlern, die dafür oscar-prämiert wurden, zusammengearbeitet. Und die hauen einem das Summen der Fliegen über den Leichen, das Schreien von Verwundeten und die Geräusche von Schrapnellen und Granaten förmlich um die Ohren.

Spielereien, die sich bei einem todernsten Thema verbieten

Vor allem aber beginnt Jacksons Film erst mal mit einem kleinen Bildausschnitt, bei dem nur der Rahmen einen
3-D-Effekt bewirkt. Wie aus weiter Ferne sieht man da noch unkolorierte Filmbilder, wenn die jungen Männer sich für den Krieg melden und fürs Töten ausgebildet werden. Aber erst nach 20 Minuten des Films, wenn sie tatsächlich an der Front ankommen, weitet sich das Bild über die gesamte Leinwand aus, wird es farbig und dreidimensional. Und ganz zum Schluss, wenn der Frieden verkündet wird, wird es wieder minimiert.

Auch wenn der Filmtitel klar dagegen spricht, lässt das doch den unangenehmen Fehlschluss zu, dass nicht nur die anfangs naiven Soldaten, sondern auch der Filmemacher den Krieg als „Abenteuer“ verstehen könnte. Bei allem Reiz der Vergegenwärtigung und des Nahebringens von „They Shall Not Grow Old“ ist das eine Grunddissonanz, die den Zuschauer den ganzen Film über beschäftigen und auch verstimmen könnte.

„They Shall not grow old“: Dokumentarfilm GB/Neuseeland 2018, 89 min., von Peter Jackson. Ab 27. Juni im Kino