Eskapismus. Realitätsflucht. Das ist so ein Generalvorwurf, der der Unterhaltungsindustrie ganz allgemein, aber insbesondere dem Fantasy-Genre in Buch und Film immer wieder gemacht wird. Schon recht: Mit dem Eintauchen in fremde, mythische Welten wollen die Fantasy-Fans für ein paar Stunden ihren ganz realen Ängsten und Nöten entkommen. Aber in diesen Fantasie-Universen werden auch immer ganz archetypische gesellschaftliche Konflikte verhandelt. Und dann fliehen auch viele Autoren nicht zuletzt in solche Fantasy, um eigene Traumata zu verarbeiten.

Gleich zwei Traumata verarbeitet

In dem Biopic „Goodbye, Christopher Robin“ haben wir erst vor einem Jahr lernen dürfen, dass der Schriftsteller A. A. Milne mit „Pu, der Bär“, einem der berühmtesten Kinderbücher aller Zeiten, seine Schreibblockade nach dem Schock des Ersten Weltkriegs überwand.

Tolkien zieht in den Krieg. Und schört Ester (Lily Collins) zuvor ewige Liebe.
Tolkien zieht in den Krieg. Und schört Ester (Lily Collins) zuvor ewige Liebe. © 20th Century Fox

In „Tolkien“, der diesen Donnerstag in die Kinos kommt, erleben wir nun, wie auch das berühmteste Fantasy-Epos aller Zeiten, J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ – der nicht nur das Genre geprägt, sondern Literatur, Film, ja überhaupt die Popkultur ganz allgemein maßgeblich beeinflusst hat – aus dem Trauma des „Großen Krieges“ entstand.

Im Delirium entstehen die Schrecken von Mittelerde

Gleich zu Beginn wird der junge John Ronald Reuel Tolkien – dargestellt von Nicholas Hoult, der in „Rebel in the Rye“ auch schon J. D. Salinger, Autor des Kultbuchs „Der Fänger im Roggen“ verkörpert hat – 1916 mitten in die Schlacht an der Somme geworfen. Das Kriegsgrauen schreibt er sich in einem Notizbuch von der Seele, wo er sich eine fremde Welt erfindet und buchstäblich ausmalt.

Dann ziehen giftgrüne Gasschwaden über das Schlachtfeld und tauchen es in ein entrücktes Licht. Während Tolkien im Fleckfieber-Delirium statt Flammenwerfer feuerspeiende Drachen sieht. Und apokalyptische Reiter mit Todesfratzen, die über die Leichen reiten. Bilder, wie wir sie aus Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung kennen.

Im Delirium des Fleckfiebers halluziniert Tolkien apokalyptische Bilder, die später seine Mittelerde-Romane bestimmen.
Im Delirium des Fleckfiebers halluziniert Tolkien apokalyptische Bilder, die später seine Mittelerde-Romane bestimmen. © 20th Centhury Fox

Tolkien hatte indes gleich zwei Traumata zu verarbeiten. Eben noch spielt der kleine Ronald (Harry Gilby) mit Holzschwert im sonnendurchfluteten Wald seiner Heimat in Sarehol. Da zwingt der frühe Tod seines Vaters die Mutter (Laura Donnelly), mit ihm und seinem kleinen Bruder in prekäre Verhältnisse in das dunkel-verrußte Arbeiterviertel von Birmingham zu ziehen.

Mit zwölf Jahren schon Vollwaise

Die Mutter rät ihm, er solle die verlorene Heimat in sein Herz schließen, dann würde sie immer für ihn da sein. Und wirklich wird diese Landschaft mit ihren magischen Bäumen ihm später als Vorbild für sein Auenland dienen. Dann aber erzählt diese Mutter ihren Jungs jeden Abend Mythen und Sagen. Ronald erfindet sich eine Fantasiesprache dazu. Und wirft mit einer Laterna Magica Lichtblitze an die Wand. So entsteht früh sein Eskapismus: als Kopfkino.

Auch die Mutter stirbt bald, mit 36, an Diabetes – 20 Jahre, bevor das Insulin entdeckt wird. Ronald ist mit zwölf Jahren Vollwaise und kommt auf ein College, wo er als mittelloser Unterprivilegierter erst mal von allen geschnitten wird. Bis er sich mit drei Mitschülern anfreundet und mit ihnen einen Geheimbund gründet, der den Künsten frönen und die Erde verändern soll. Bis alle vier in den Krieg ziehen. Zwei werden dort ihr Leben lassen, nur Tolkien wird als Einziger einigermaßen unbeschadet davonkommen.

Tolkien schreibt an seinem ersten Roman, dem „Hobbit“.
Tolkien schreibt an seinem ersten Roman, dem „Hobbit“. © 20th Century Fox

Aber auch ihn verfolgen die Erschütterungen dieses Kriegs. Wieder und wieder sieht man ihn durch die Schützengräben irren, immer wieder über die Felder voller Toten wanken. Und bald weiß man die realen Schrecken von Tolkiens Halluzinationen nicht mehr auseinanderzuhalten. Sie gerinnen zu den Schauerbildern seiner Mittelerde-Romane.

Feine Anspielungen für die Fans

„Tolkien“ mag dramaturgisch konventionell sein, wenn der Film im Kriegsgetümmel beginnt und Tolkien, zu Tode erschöpft, das eigene Leben wie als Nahtoderlebnis in Erinnerungsfetzen an sich vorbeiziehen sieht. Auch die Liebe zu dem Waisenmädchen Esther (Lily Collins), die er auf priesterliche Anweisung hin vergessen soll, bis er volljährig ist, wirkt etwas melodramatisch. Zumal wenn das Paar sich die Heirat verspricht, bevor er in den Krieg zieht: Im wahren Leben waren die beiden da längst verheiratet. Aber ansonsten weiß der finnische Regisseur Dome Karukoski allzu aufdringliche Parallelen zwischen Dichtung und Wahrheit zu vermeiden.

Der finnische Regisseur Dome Karukoski bei den Dreharbeiten
Der finnische Regisseur Dome Karukoski bei den Dreharbeiten © 20th Century Fox

Die vier Freunde, sie werden nie Gefährten genannt, ein Ring wird zur Besiegelung der Liebe auch nie getauscht, und dass ein Soldat, der Tolkien an der Front hilft, auf den Namen Sam hört, fällt nur nebenbei. Den Fans von „Hobbit“ und „Herr der Ringe“ muss man nicht mit dem Zaunpfahl winken, sie werden die leisen Andeutungen auch so verstehen.

Der Verfasser als letzter Held seines eigenen Oeuvres

Tolkiens „Herr der Ringe“ hat auch das Kino revolutioniert. Ein Franchise-Unternehmen, das alle Rekorde brach. Dass Peter Jackson danach auch den schmalen „Hobbit“ verfilmte und auf drei überlange Teile aufblies, war ein Akt moderner Wegelagerei. Aber damit war Tolkiens Oeuvre ausverfilmt. Nun folgt, quasi als Nachtrag, das Biopic – mit dem Verfasser als letztem Held seines eigenen Ouevres.

Ein absurder Zufall will es, dass Peter Jackson, der Tolkien so kongenial fürs Kino adaptierte, gerade einen höchst speziellen Dokumentarfilm über den Ersten Weltkrieg gedreht hat, „They Shall Not Grow Old“, der nächste Woche in die deutschen Kinos kommt.

Sieben Tage zuvor nun startet „Tolkien“, der den Fantasy-Autor selbst in der ersten Katastrophe des 20. Jahrhunderts zeigt: Die Geburt der Fantasy aus den Gräueln des Kriegs.

Biopic GB 2019 112 min, von Dome Karukoski, mit Nicholas Hoult, Lily Collins, Colm Meany, Derek Jacobi.